Konrad Schiffmann - Das Land ob der Enns

Das Land ob der Enns Eine altbaierische Landschaft in den Namen ihrer Siedlungen, Berge, Flüsse und Seen Von Dr. Konrad Schiffmann München und Berlin 1922 Druck. und Verlag von R. Oldenbourg

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten Copyright 1922 by R. Oldenbourg, M.üneheu

Vorwort. Das vorliegende Buch war ursprünglich nur als ausführliche wissen– schaftliche Begründung der in meinen „Stationsnamen der Bahn- und Schiffahrtslinien Oberösterreichs" (5. A., Linz 1921) gebotenen knappen Namenerklärungen gedacht, wuchs aber über diesen Rahmen zu einer Darstellung der wichtigsten Siedlungsprobleme des Landes und des Baiernstammes überhaupt hinaus. Eine Nachahmung des bekannten Werkes von W. Arnold über die hessischen Ortsnamen ist es weder in der Anlage noch in der Ausfüh– rung und es zieht auch nur die Haupterscheinungen der Nomenklatur Oberösterreichs in den Kreis der Betrachtung, weil eine erschöpfende Darstellung noch nicht möglich ist. Als Förstemann vor mehr als 50 Jahren sein Buch über die deutschen Ortsnamen schrieb, hatte er das fast gänz– liche fehlen von Arbeiten über Ortsnamenkunde des deutschen Teiles Österreichs als die empfindlichste Lücke auf diesem Gebiete zu beklagen. Es ist seitdem mit Ausnahme Tirols nicht viel anders geworden. Was ich im nachfolgenden Literaturverzeichnis an Schriften über die Namen unseres Landes anführe, ist mit wenigen Ausnahmen veraltet oder wissenschaftlich wertlos. So mag denn der Versuch,. zum erstenmal mit den Mitteln der modernen Sprachwissenschaft die Namen Ober– österreichs in den Hauptzügen und in größerem Umfange zu erläutern, gerechtfertigt erscheinen. Ein Haupthindernis für Arbeiten dieser Art ist freilich die ganz unzulängliche Gestalt, in der uns die ältesten Geschichtsquellen des Landes vorliegen. Einen Fortschritt in dieser Richtung wird erst das Erscheinen der Traditionsbücher des Bistums Passau von F. Bitterauf bringen. Soweit die oberösterreichischen Stiftsurbare des Mittelalters in Frage kommen, habe ich das Register, das den 4. Band meiner Aus– gabe bilden wird, im Manuskript bereits benutzen können. Linz, 18. August 1921. Der Verfasser.

Literatur:. 1 ) F. C. Ehrlich, Orts- und Gemeindenamen Oberösterreichs in ihrer wenigstens teilweisen Herleitung (,,Oberösterreicher" 1859). . A. Ficker, Das Keltentum und die Lokalnamen keltischen Ursprungs im Lande ob der Enns (Mitt. d. k. k. geogr. Gesellsch. in Wien V, 1861, s. 111-123). E. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch: 1. Personennamen, 2. Aufl., Bonn 1900; lI. Orts- und sonstige geographische Namen, 3. Aufl., hg. von H. "Jellinghaus, Bonn 1913 = FP2 , F08 • E. Förstemann, Vie deutschen Ortsnamen, Nordhausen 1863. Th. v. Grienberger, Zur Kunde der österr. Ortsnamen (Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsforschg. X IX, 1898, S. 520-534). Th. v. Grien berger, Ortsnamen des lndiculus Arnonis und der Breves Notitiae (Mitt. d. Gesellsch. f. Salzburger Landeskunde, 26. Bd., 1886, S. 1 ff.). }(. Grub er, Vordeutsche Ortsnamen im südlichen Baiern (Philologische und volkskundliche Arbeiten, K. Vollmöller zum 16. Okt. 1908 dargeboten, Erlangen 1908). A. Hackei, Die Besiedlungsverhältnisse des oberösterreichischen Mühlviertels, Stuttgart 1902. M. Höfer, EtY.mologisches Wörterbuch der in Oberdeutschland, vorzüglich aber in Österreich üblichen Mundart, Linz 1815. A. Holder, Altkeltischer Sprachschatz, Leipzig 1896 ff. A. Huber, Gesch. der Einführung und Verbreitung des Christentums in S'üdostdeutschland, Salzburg 1874/75. . 0. Kaemmel, Die Anfänge deutschen Lebens in Österreich bis zum Ausgange der Karolingerzeit. Mit Skizzen zur keltisch-römischen Vorgeschichte, Leipzig 1879. 0. Kaemmel, Die Besiedelung des deutschen Südostens vom Anfange des 10. bis gegen das Ende des 11. Jahrhunderts, Leipzig 1909. F. Kenner, Die Römerorte zwischen der Traun2 ) und dem Inn (WSB. 1876, s. 539-612). K. Kretschmer, Historische Geographie von Mitteleuropa, Oldenburg 1904. J. Lamprecht, Histor.-topogr. Matrikel oder Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes ob der Ens als Erläuterung zur Charte des Landes ob der Ens in seiner Gestalt und Einteilung vom 8. bis zum 14. Jahrh., Wien 1863. Th. Mayr, Über AufheL!ung alter Zeiten aus alten Namen (Österr. Blätter f. Lit. u. Kunst l, 1844, V, 1848). K. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde, 2. Bd., Berlin 1887. R. Müller, Altösterr. Leben aus Ortsnamen, Weitere Prolegomena zur altösterr. Ortsnamenkunde, Neue Vorarbeiten zur altösterr. Ortsnamenkunde (BfLk. 18-27, 34). R. Müller, Zur histor. Topographie der Donau (BfLk. 1887). F. Pi ch Ier, Austria Romana ( Quellen und Forschungen zur alten Geschichte und Geographie, Heft 2, Leipzig 1902; Heft 3/4, Leipzig 1904). 1 ) Schriften oder Aufsätze, die nur einen bestimmten Namen behandeln, werden zu letzterem genannt. 1 ) Sollte Enns heißen.

VI Literatur L, Pröll, Das Obermühlviertler Bauernhaus, Linz-Urfahr 1902, S. 38---64, 67, 84-92 (Namen). 0. Raute r, Sagen über Ortsnamen von Tumeltsham (Rieder Heimatkunde, 5. Heft, 1912, S. 128 f.). E. Richter, Erklärung salzburgischer Namen (Zs. f. Schulgeographie III, 1882, s. 175-177). S. Riezler, Die bair. und schwäb. Ortsnamen auf -ing und -ingen als histor. Zeugnisse (MSB. 1909). K. Schiffmann, Die Ortsnamen Oberösterreichs (Archiv f. d. Oesch. d. Diöz. Linz III u. IV, 1906 u. 1907). K. Schiffmann, Die Stationsnamen der Bahn- und Schiffahrtslinien Ober– österreichs, 5. Aufl., Linz 1921. K. Schiffmann, Die Namen unserer Seen (Linzer Volksblatt vom 7. Nov. 1915). F. Sekker, Oberösterreichische Ortsnamen, Linz o. J. SA. F. Sekker, Aus der Werkstatt unserer Namen (Unterhaltungsbeilage der Linzer „Tagespost" 1912.) F. Sekker, Linz zur Zeit der Karolinger, III. Slawen in der Umgebung von Linz (Unterhaltungsbeilage der Linzer „Tagespost" 1910, Nr. 45), mit einer Kartenskizze über die Verbreitung der auf ehemalige slawische Siedlungen hinweisenden Ortsnamen des Traun- und Mühlviertels. A. E. Seibert, Keltische und slawische Lokalnamen in Oberösterreich (Lehrer– zeitung 1881, S. 113-117). L. Steub, Die romanischen Ortsnamen im Salzburg'schen (Mitt. der Oesellsch. f. Salzb. Landeskunde XXI, 1881, S. 98-101). j. Strnadt, Die .Geburt des Landes ob der Enns, Linz 1886. J. Strnadt, Die freien Leute der alten Riedmark (Archiv f. österr. Oesch. 104, 1915) ~it einer Karte „Slav. Siedlungen in Oberösterreich". j. Strnadt, über die Herkunft der Romanen des Indiculus Arnonis (Altbayer. Monatsschrift 1917, S. 20-28). F. Stroh, Die altslawische Besiedlung des oberen Müh!viertels (Jahresber. des Museums in Linz 1914). J. Stülz, Einige Ortsnamen (Oberösterreichs) nach der gegenwärtigen und nach der urkundlichen Schreibung (Jahresbericht des Museums in Linz 1861). J. Stur, Die slawischen Sprachelemente in den Ortsnamen der deutsch-österr. Alpenländer zwischen Donau und Drau (WSB. 176, 1914, S. 51-560berösterreich). F. Umlauft, Oeogr. Namenbuch von Österreich-Ungarn, Wien 1886.

Inhaltsverzeichnis. Vorwort .. .. . Literatur . . . .. Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . 1. Reiten und Römer . Hall, Hallstatt l. - Walchenorte 3. - Barschalken 3. - Das Landschaftsbild 4. - Römerstraßen 4. - Hoch– straß, Hörweg, Hörgasteig 5. - Spruren der Straßen– körper 6. - Hochäcker 6. Lauriacus-Ovilava-Juvavum: Lauriacus 6. - Burgus, Spielberg, Pragstein, Zirking, Albing, Biburg, Naarn 8. - Asten 8. - St. Florian 10. - Ansfelden 13. - Wels 14. - Lambach 16. - Tergolape 17. - Lacia– cus 17. - Tarnanto 18. - Thern 19. - Fign 19. - Mösendorf 19. - Gampern 20. Lau r i a c u s - Boi o du rum: Lentia 20. - Mariniana 21. Fall 21. - Asten 22. - Eferding 22. ·- Joviacus 23. - Askituna 26. - Stanacus 26. - Tuturuna 27. - Saloatus 27. Ov i Ia v a -Vi ru n um: Meilenstein 28. - Vetoniana 29. - Tutatio 29. - Ernolatia 29. - Gabromagus 29. J u v a v um - Boi o du rum: Funde 30. - Braunau 31. - Speck 31. - Salweg 31. - Mauerkirchen, Biburg, Burgkirchen 32. - Ried i. I. 32. Weitere Straßen zum Inn und zur Donau 33. - Ha II statt - K am m er - G m u n den: Ischl 33. - Kammer 34. - Regau 34. Vo n L a m b a c h z u r P yh rn s t r a ß e 34. Ovilava - Joviacus: Wörist 35. - Mauer 35. Ansfelden - Klaus 36. Lorch - S t ey r - Ei s e n erz 36. Flußnamen: Donau 36. - Inn 37. - Salzach 37. - Mattig 38. - Oichten 38. - Gurten 39. - Antisen 39. - Pram 40. - Andling 40. - Traun 40. - Ager 40. - Fils 40. - Alm 40. - Ischl 41. - Aiter– bach 41. - Ipf 41. - Enns 42. - Rotei 42. - Aist 42. - Naarn, Saxen 43. • Bergnamen: Dachstein 43. - Hochkuchel, Gugel, Plain 44. II. Die Baiern • Abstammung 45. - Richtung der Einwanderung 46. - Straßen aus Böhmen 49. - Zahl der baierischen E in– wanderer 50. - Zeit der Einwanderung 50. - Formen der Einwanderung51. - Heide, Au, Brühl, Anger51.- Seite m V-VI VII-VIII IX-XII 1-44 45-186

VIII lnhaltsv erzeichnis. Moos, hulwe, lä, gesol 51. - Holz, schachen, hart, hag, tobe), löh 52. - Waldschutz (Bannholz) 53. - Art der einstigen Waldbestände 53. - Hundertschaften und Sippen 54. - Attribuierte römische Bezirke 55. - Ortsnamen auf -gau 56. - Neufahrn 59. - Die älte– sten Ortsnamen 60. - Die ing-Orte 61. - Die heim– Orte 79. - Die Namen auf -haft und -stat 89. - Die Namen auf -velt, -felden 90. - Besitzverteilung 90. Rodungen 95. - Rodungen durch Brand 98, durch die Axt (Reut) 99, Schlag, Sehwendung und Maiss 100. - Rodungsnamen 101. - Die Namen auf -dorf 112. - Namen auf -hofen. - Das baierische Hofsystem 131. - Namen, die auf Besitzverhältni~se weisen 131. - Kematen 133. - Fränkische Besiedlung um Krems– münster 135, um Neuhofen und Braunau 137, um Mondsee 138. - Die Namen auf -hausen 138, auf -wang 138, auf -ingern 140. Das Christentum 143. - Klöster 144. - Zellen 145. - Kleinmünchen 146. - Namen auf --kirchen 147. ·- Patrozinien als Ortsnamen 149. - Namen auf -kappe) 149. Flußnamen 150. - Von Personen 152. - Von Tieren 154. - Von der Vegetation 156. - Von der Farbe 157. - Von der Ausdehnung und Gestalt 158. - Von der Wassermenge und Tiefe 158. - Vom Gefälle uhd von der Vernehmbarkeit 158. - Von der Bodenbe– schaffenheit und dem Geschiebe 159. 1 - Von der Temperatur 159. - Von der Lage (Orientierung) 159. Vom Ursprung 159. - Von der Verwendung 160. - Von Rechtsbeziehungen 160. - Von dem umgebenden Gelände 161. - Von Bauten und Zeichen 162. - Namen, die mit Gewässern zusammenhängen 163. S e e n a m e n 164. Bergnamen 169. - Siedlungen mit Namen auf -berg 175. - Von Personen 175. - Von Tieren 180. - Von der Vegetation 182. - Von der Lage (Orientierung) 183. - Von der Gestalt und Ausdehnung 183. - Von der Farbe 184. - Von der Bodenbeschaffenheit 184. - Von Bauten und Zeichen 184. - Von Rechtsbe– ziehungen 185. - Von Beziehungen zur Literatur und zum Volksglauben 186. III. Die Slawen Urkundliche Nachweise 187. - Gegend und Art der slaw. Siedlungen 188. - Herkunft der slaw. Siedler 191. - Stärke des fremden Volksteiles 192. - Einfluß auf den Charakter der einheimischen Bevölkerung 192. - Namen auf -aren (-orn) 197. - Kennzeichen slawischer Siedlung in der Mundart 197. F Iußn a m e n 200. Bergnamen 207. Siedlungsnamen 212. Nachträge und Berichtigungen 247. 1 Seite 51-186 187-246 . 1

Einleitung. Das Land Oberösterreich grenzt im Norden an Böhmen, im Süden an Steiermark, im Westen an Bayern und Salzburg, im Osten an Nieder– österreich, umfaßt rund 12000 qkm und zählt über 800000 Einwohner. Von der Gesamtfläche des Bodens sind 91% produktiv, und zwar 429103 ha Äcker, 214020 Wiesen und Gärten, 59288 Weidegründe, 393050 Wald, zusammen 1095461 ha1 ). In den gewöhnlichen Darstellungen der älteren Landesgeschichte findet man die entweder auf Unkenntnis beruhende oder aus berech– nender Politik stammende Behauptung, Oberösterreich sei wie die andern östlichen Gebiete ein bayrisches Kolonialland gewesen2 ). Das ist ganz unrichtig. Unter einem Kolonialland versteht man doch ein Land, das von einer Bevölkerung bewohnt wird, die entweder durch Eroberung oder in friedlicher Durchdringung, wie man das harmlos nennt, in Abhängig– keit von einem militärisch oder kulturell überlegenen fremden Volke gerät oder in ihm aufgeht. In diesem Sinne sind z. B. die ehemals windischen Länder Nieder– österreich und Steiermark Kolonialländer, nicht aber Oberösterreich, denn dieses war von allem Anfang an ein Stück des Herzogtums Bayern selbs't, das ja bis zur Enns reichte. Daran ändert die Tatsache, daß unter den Agilolfingern und Karo– lingern -eine Kolonisation stattfand, gar nichts, denn auch die Gebiete westlich vom Inn, das heutige Bayern, waren in sie einbezogen. Im Jahre 1180 wurde ein großer Teil (Hausruck~ und Traunviertel, d. i. der alte Traungau) des Landes aus politischen Gründen von Bayern 1 ) Nach L. Edlbachers Landeskunde, Wien 1883. 2 ) So steht beispielsweise in 0 . Behaghels Geschichte der deutschen Sprache (Pauls Gtundriß2 , 650 ff.), S. 666, Österreich sei von Bayern aus ·kolonisiert worden, ohne daß da unterschieden wird.

X Einleitung. abgetrennt1 ). Die Babenberger zogen cj.ieses Gebiet dann stückweise mit denen links von der Donau an sich und schufen dafür den Namen Land (districtus, terra) ob der Enns. Als sie im Jahre 1240 ein eigenes Ver– waltungsorgan bestellten, hießen sie es Landschreiber, scriba Anasi 2 ), wie man das Gebiet ebenso kurz terra Anasi nannte3 ). Die Bezeichnung Bavaria, die durch drn Zusammenbruch von 1180 für Oberösterreich zu einer bloß geographischen geworden war, lebte noch eine Zeitlang fort. So liegen für den Schreiber einer Admonter Urkunde vom Jahre 1186 Güter dieses Stiftes an der Trattnach und an der Krems in Bavaria4 ), und noch im Jahre 1220 bezeichnet eine Urkunde des Herzogs Ludwig von Bayern das Kloster Gleink bei Steyr ganz unbefangen al_s situm ... in inferioribus Noricorum partibus Austriae conterminis, d. h. gelegen in dem unteren Teile Altbayerns an der Grenze von Österreich5 ). Erst im Jahre 1264 taucht dEr Name Austria superior (Oberösterreich) auf6.}. Seit dem Ende des 13. Jahrh. b~gegnen in den Urkunden auch folgende Bezeichnungen: Ob der Ense7 ), besonders in der Verbindung Österreich und ob der Ens8 ), Land ob der Ens9 ), Österreich ob der Ens10 ). Das Land hatte seit dem 15. Jahrhundert seine eigenen Landtage und war eine von der ehemaligen Ostmark verschiedene Provinz, aber kein selbständiges Erb- oder Kronland, sondern bildete zusammen mit Niederösterreich das Erzherzogtum Österreich, was durch e1ne kaiserliche Entschließung vom Jahre 1632 ausdrücklich festgelegt wurde11 ). Das Inn– viertel wurde erst 1779 von Bayern abgetrennt und mit Oberösterreich vereinigt. So blieb die politische Gestaltung, abgesehen von vorüber1 ) M. Doeberl, Entwicklungsgeschichte Bayerns, 1. Bd., 2. A., München 1908, S. 200. Das Wort „wahrscheinlich" gehört wohl nach „das". Der Geschichte des Entstehens und Fortschreitens unseres Landes hat J. -Strnadt sein Leben gewidmet, auf dessen Schriften ich hier verweise. 2 ) Nämlich supra An asum. So ist der Ausdruck aufzufassen, nicht als ,Schreiber in Enns', wenn er auch wirklich in Enns amtierte. 3 ) Oö. UB. II, n. 166. ' ) Ebd. n. 273. 6 ) Ebd. n. 320. 8 ) Ebd. 1II n. 344. 7 ) Ebd. IV n. 133 (1290). 8 ) Ebd. V n. 348f. 351 (1323); n. 4001. (1324); n. 429 (1325); n. 464 (1326); n. 535 u. 544 (1329); VI n. 196 (1336); n. 229 u. 249 (1337); n. 299 u. 303 (1339). n. 350 (1340). 0 ) Ebd. V n. 270 (1320); VI n. 459 (1344); VII n. 142 (1349) u. 188 (1350); VIII n. 545 (1371). 10 ) Ebd. VIII n. 104 (1362); n. 680 (1374). 11 ) M. Wutte, Ein Rangstreit zwischen Ober- u. Innerösterrelch (Zeitschr. des Histor. Vereines f. Steierm., 25. Jahrg., Graz 1916), S. 113.

Einleitung XI gehenden Verpfändungen und Abtretungen einzelner Teile des Landes an Bayern, bis zum Jahre 1918. Aus dieser Entwicklungsgeschichte erklärt sich die Bezeichnung ,Landl' für das mittlere und östliche Oberösterreich und ,Landler' für die nationale Tanzweise daselbst 1 ), die aber altbaierisch ist, weil sie auch im Innviertel und noch weiter westlich heimisch ist. Die Lostrennung des Landes von Bayern2 ) ist heute mehr als je zu beklagen. Sie war mit der wirtschaftlichen und politischen Lage ver– knüpft, wie sie- sich seit dem 10. Jahrhundert entwickelt hatte. Das Land bestand aus einer großen Zahl von geistlichen und weltlichen Grundherrschaften, die nach und nach die meisten Befugnisse der Staats– gewalt an sich rissen. Doeberl sagt mit Recht: ,,Die Folge dieser grund– herrschaftlichen Entwicklung war, daß sich das öffentliche Denken und Fühlen eines großen Teiles des baierischen Bauern in der Heimat wie auf dem Kolonisationsboden innerhalb der Grundherrschaft bewegte, in der er seinen Obereigentümer oder seinen Gerichtsherrn oder beides erblickte. Der Bauer hatte keinen Staat mehr, oder das Bistum, das Kloster, der weltliche Grundherr waren sein Staat geworden. Damit war das Interesse eines großen Teiles der baierischen Bevölkerung an dem Schicksale des baierischen Herzogtums geschwunden, das ehemalige Volksherzogtum hatte seinen volkstümlichen Charakter verloren. Daraus wie aus dem Ausschlusse des gesamten Bauernstandes von den politischen Rechten erklärt es sich, daß das baierische Herzogtum wie ein geogra– phischer Begriff zerlegt werden konnte, ohne daß sich eine Hand zur Verteidigung rührte3 )." Die Habsburger, die an die Stelle der baierischen Herzoge und der Babenberger traten, vermochten natürlich den Lauf der einmal gegebenen Entwicklung nicht zu ändern und der Staat, der nach der Aufhebung des Untertanenverbandes im Jahre 1848 die Grundherrschaften ablöste, war infolge seiner konstitutiven Gebrechen und der darin liegenden dauernden Schwäche nicht imstande, der aus der Vergangenheit über– kommenen Verengung des Gesichtskreises, die gerade für ihn verhä!lgnis– voll werden mußte, durch eigene Anziehungskraft wirksam zu begegnen 1 ) Vgl. darüber Nagl-Zeidler, Deutschösterreichische Literaturgeschichte, 1. Bd., Wien 1899, S. 116ff. 2 ) Ich bemerke, daß ich Baiern, baierisch im ethnographischen, Bayern, bayerisch im politischen Sinne gebrauche. 8 ) Die Grundherrschaft in Bayern vom 10. bis 13. Jahrh. (Forschungen zur Geschichte Bayerns, 12. Bd., 1904), S. 166 f.

XII Einleitung. So mangelt unserem Volke heute noch das eigentliche Staatsgefühl und Nationalbewußtsein. Wir verfolgen nun die Entwicklung des Landes, das von jeher einen ausgesprochen agrarischen und in seinen stolzen Einzelhöfen fast patri– zischen Charakter1 ) hat, auf Grund der Namen seiner Siedlungen, Berge, Flüsse und Seen, um damit einen Einblick auch in den Werdegang Alt– baierns überhaupt zu gewinnen, zu dem wir nahezu 700 Jahre gehört haben. 1 ) Eine schöne Charakteristik von Land und Leuten Oberösterreichs findet sich in Schadens Meister Fuchs, Dessau 1822, S. 309 ff. Verzeichnis der J\bkürzungen. Das Urkundenbuch des Landes ob der Enns zitiere ich mit der Abkürzung Oö. UB., das salzburgische als Salzb. UB., die Monumenta boica mit MB., d.ie Ausgabe der landesfürstlichen Urbare Nieder- und Oberösterreichs von A. Dopsch mit Lf. Urb. und die der oberösterreichischen Stiftsurbare von mir als Oö. Stiftsurb. Sonstige Abkürzungen: AfdA. = Anzeiger für deutsches Altertum; ahd. = althochdeutsch; B., Bez. = Bezirk; Bhs. = Bauernhaus; BfLk. = Blätter für Landeskunde Niederösterreichs; Df. = Dorf; einz. Hs., Hsr. = einzelnes Haus, einz. Häuser; G., Gern. = Gemeinde; gespr. = gesprochen; idg. = indo– germanisch; Mda. = Mundart; mhd. = mittelhochdeutsch; mp. = milia passuum; mit. = mittellat.; MSB. = Sitzungsber. d. Akad. d. Wissensch. in ' München; Nbfl. = Nebenfluß; NÖ. = Niederösterreich; Nb!.= Notizenblatt der Akad. d. Wissenschaften in Wien; 0., Ortsch. = Ortschaft; ON. = Ortsnamen; Opf. = Oberpfalz; PN. = Personennamen; Pfdf. = Pfarrdorf; Schi. = Schloß; St. = Stamm; W. = Wurzel; Wir. = Weiler; WSB. = Sitzungsber. d. Akad. d. Wissensch. in Wien; Ztg. = Zeitung; ZK.= Zentralkommission.

• I. Reiten und Römer. Nach den Leuten der jüngeren Steinzeit!) saß einst in unseren Gegenden eine illyrische (albanesische) Bevölkerung2 ). Ihr gehören die bekannten Gräberfunde in Hallstatt an und auf sie geht wohl auch die mit dem Griechischen übereinstimmende Form, in der uns das Wort Salz in den Namen Hallstatt und Hall3) überliefert ist, zurück. Man hat die Bezeichnung hal früher für keltisch gehalten, Förste– mann wieder dachte an Zusammenhang mit dem deutschen Worte Halle, und seitdem nachgewiesen ist, daß die kontinentalen Kelten kein anlautendes h gekannt haben, findet seine Ansicht neuerdings Ver– treter4). Man erinnert dabei an eine ähnliche Bedeutung der ,Halle' im Salzbergbetriebe, wie sie die ;Hütte' in den Erzbergwerken hat. Allein zu dieser Erklärung stimmen Bezeichnungen wie Halstraße (Weg des Salztransportes), Haibach (Salzquelle bei Aussee), Halamt (Salzamt), Halstatt nicht. Da nun die Fälle, wo im Baierischen h für s eintritt, weil anderer Natur und jüngeren Ursprungs, nicht wohl herangezogen wer– den können, so muß man annehmen, daß mit der Sache auch das Wort von altersher überkommen ist. Auf die Illyrier folgte eine keltische Bevölkerung. Die Sevaker oder Sevater des Ptolemaeus suchen manche im Innviertel, im Mühlviertel die Sudenen, am Hausruck die Rakaten, doch ist das alles unsicher. Im Norden der Donau läßt R. Much die unter dem Namen Kamboi zusammengefaßten Parmai und Adrabai siedeln, deren keltische Her– kunft allerdings dahinsteht5 ). In diesem bis tief ihs Mittelalter mit Wald erfüllten Berglande kommen jedoch auf dem Boden Oberösterreichs im allgemeinen nur die Straßen nach Böhmen und die Niederungen der Donauufer zwischen Landshag und Ottensheim und zwischen St. Georgen a. d. Gusen und Grein in Betracht, wenn auch verschiedene Funde, die man gemacht 1 ) Eine, allerdings unvollständige, Zusammenstellung der prähistorischen Literatur über Oberösterreich gibt 0. Oberwalder in „Heimatgaue" I, 1919/20, s. 276 f. 2 ) Vgl. dazu Chr. Mehlis, Ein unbekanntes vorgeschichtliches Volk in Süddeutschland (Peterm. Mitt. 1913, S. 20 f.) und Thrakisch-illyrisches Volkstum im vorgeschichtlichen Süddeutschland (Ebd. 1917, S. 329 ff.). 3 ) Urk. 777 (Oö. UB. II, n. 2) als salina ad Sulzibach bezeugt, c. 1188 (ebd. II, 282) als Herzogenhall. 4 ) F. Stolz, Die Urbevölkerung Tirols, Innsbruck 1892, S. 60 f. 6 ) Deutsche Stammeskunde, S. 59 f. u. Kärtchen. · Schiffmann, Das Land ob der Enns,

2 I. Kelten und Römer. hat, anderseits zeigen, daß schon in prähistorischer Zeit auch sonst hier im Norden stellenweise Leute wohnten1 ). Im Jahre 15 v. Chr. kam das Land als Teil Norikums unter römische Herrschaft. Die schon früher bestandenen regen Handelsbeziehungen von Aquileja herauf hatten hier der augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie nirgends sonst im Donaugebiet. Daher genügte für die spätere Umwandlung dieses ,Königreiches' in eine römische Provinz2 ) wahrscheinlich die bloße Ankündigung3 ). In den nächsten Jahrhunderten wurde die Bevölkerung vollständig romanisiert. Aus der Geschichte wissen wir, daß die römische Herrschaft bis gegen Ausgang des 5. Jahrhunderts dauerte und schließlich dem Ansturm der Germanen erlag. Die Angabe der Vita s. Severini, Kap. 44, 7, daß im Jahre 487 al 1e römischen Provinzialen Ufer-Norikums abgezogen seien, ist, wenn sie sich überhaupt auf Oberösterreich erstreckt4 ),. jedenfalls nicht wört– lich zu nehmen5 ). Die zahlreichen vordeutschen Fluß- und Ortsnamen des Landes, die den einwandernden Baiern doch übermittelt worden sein müssen, die in ·den Urkunden wiederholt vorkommenden zinspflich– tigen Romanen, die an den ehemaligen Römerstraßen auftretenden altrömischen Kirchenpatrozinien, endlich die Tatsache, daß der baierische Herzog Otilo die ersten Mönche der von ihm 748 gegründeten Abtei Mondsee6 ) aus Montecassino berief, sind deutliche Beweise dafür, daß sich eine größere Anzahl von Romanen weit in die baierische Zeit forterhielt. Auch die von ausgesprochen kelt.-röm. Personennamen gebildeten Ortsbezeichnungen der Urkunden des 8. und 9. Jahrhunderts, wie Quar– tinespach, Quartinaha, Eugendorf, urk. Jubindorf7), Flurnsbach, Fusche! im Salzburgischen, Irssee, urk. Urisesseo, ein verschalt enes Papinrisch8 ), Pellndorf, urk. Papilindorf9 ), Triendorf, urk. Trogindorf, usw. von Quar– tinus, Jovinus, Florinu?, Fusculus (Busculus), Urso, Papo, Papilo, Trogo usw. gehören hierher10 ). 1 ) Einen Überblick über die ältesten Siedlungen im Mühlviertel auf Grund der Funde gibt F. Stroh, Vorgeschichtliche Funde im Mühlviertel (Heimatgaue, 1. Jhrg. 1919/20, S. 81 ff.). 2 ) Unter M. Aurel (161-180). 3 ) Mommsen, Römische Geschichte V, 180. Es geht also auch nicht an, aus der fast kampflosen Erwerbung dieser Landstriche auf einen unkriegerischen, passiven Volkscharakter zu schließen, wie man manchenorts lesen kann. 4 ) Strakosch-Graßmann, Geschichte der Deutschen in Österreich I, S. 183, stellt es in Abrede. Vgl. auch Kämme!, S. 126 f. 5 ) Vgl. Sommerlad 13 und A. Dopsch, Wirtschaftliche und soziale Grund– lagen der europ. Kulturentwicklung I, Wien 1918, S. 136. 6 ) Es mag hier auch erwähnt werden, daß sich im Gebiete des Stiftes aus dem Urbar von 1416 das sonst nirgends erhaltene romanische Lehnwort lek ,Bund', von lega, liga nachweisen läßt. 7 ) Salzb. UB. I, 11 (790). 8 ) Oö. UB. I, 449, n. 19. 9 ) Ebd. II, n. 28. 10 ) Römerhaid (Archiv f. österr. Gesch., 94. Bd., S. 638), 14. Jahrh. Romel– haid, heute vermutlich Kranzelhaid, 0. Ried, B. Kremsm., und Römersdorf, 0. Witzersdf., B. Lembach, sind nur Entstellungen und haben mit den Römern nichts zu tun. Der Name Romaney, Romeney (Oö. Stiftsurb. III, 325, 330),

I. Kelten und Römer. 3 Wir werden daher auch die Walchenorte als Niederlassungen von früher her seßhaft gewesener Romanen und nicht als solche zugewanderter Räter betrachten, wie Strnadt1) will. In Oberösterreich gibt es eigentlich nur zwei Walchenorte, ein Wal– chen bei Vöcklamarkt und ein Seewalchen am _Atersee. Andere alte Orte, deren Namen mit Walch oder Walchhari zusammengesetzt sind, mag man indes ebenfalls heranziehen, da sie für eine Verbreitung der genannten Personennamen zeugen, die im Hinblick auf die Lage der Orte mit zurück– geblfebener welscher Bevölkerung in Verbindung gebracht werden darf. Einwalchen in der Gern. Seewalchen ist nur an letzteres angeglichen, 800 heißt es Einwalhesdorf, also Dorf eines Mannes namens Einwalch. Dasselbe gilt wohl auch für das Einwalchen in der Gern. Ungenach. Wallsberg, G. Eggenberg, B. Frankenmarkt, ist wahrscheinlich, Walling bei Lorch, 1111 Waliching, sicher vom Personennamen Walch gebildet, ebensoWalchshausen bei Ried im Innviertel. Die Bezeichungen Walchsdorf, -hof, -Iehen im Mühlviertel und Walcheck im Stodertal hängen zwar anscheinend auch mit einem PN. Walch zusammen, sind aber in Anbetracht der Gegend, in der sie vorkommen, zweifellos viel späteren Ursprungs. Das gleiche ist für die folgenden Namen anzu– nehmen. Walkering bei Vöcklamarkt, urk. Walchering2 ), ist vom PN. Walchhari gebildet. Der 1299 bezeugte Name der Ortschaft Wurz– walhen3), heute Wurzing, bei Kremsmünster scheint zur Bezeichnung Wurzwal zu gehören, die zweimal im Mühlviertel (G. Altenfelden und Pfarrkirchen) vorkommt und einmal in Steiermark, wo sie als Wurz- - weillach, -wellech, wahrsch. Sammelname wie mhd. gewel ,Haufen jeder Art', beurkundet ist4 ). Eine ähnliche Entstehung wie die von Wurzwalhen ist auch für Wallern bei St.Ägid, 12. Jahrh. Henwalcharen, zu vermuten. Noch ist eine Gruppe von Ortsnamen zu erwähnen, die zum Teil wirklich auf welsche Bewohner weisen. Das sind die mehrfach vorkommenden Parschall, Parschallern, Parschalling, Paschallern, Siedlungen von Parschalken, wie die älteste Zeit persönlich freie, aber abgabenpflichtige Leute fremder Her– kunft nannte, im Ater- und Mattiggau Romani tributales5 ), wie das die Urkunden dieser Gegend ausdrücklich sagen. heute Bhs. Runey, G. Innernstein, B. Perg, ist eigentlich die mhd. Bezeichnung für Rumänien (Römänie, so z. B. bei Neidhart), aber stammt in seiner be– sonderen Bedeutung aus der Heldensage. Eine ,wüste Rumenei' begegnet als Flurname im Thüringer Wald (Germ. Jahresber. 1917, S. 99 f.) und Rumenei heißt vorzeiten ein Weinhaus in Soest (FO. 3 II, 608). - Auch Römerneuberg (Remon~uberg), G. Polling, wird ein Rumeneiberg sein. 1 ) Uber die Herkunft der Romanen des Indiculus Arnonis (Altbayer. Monatsschrift 1917). Vgl. dazu die ablehnenden Bemerkungen von Dopsch. a. a. 0. S. 133 ff. 2 ) Von älteren Forschern, z. B. Koch-Sternfeld und Lamprecht, mit dem im 8. Jahrh. genannten Waltkisinga, Walchesingen verwechselt. 3 ) Oö. Stiftsurb. II, 150, n. 40. 4 ) Zahn, Ortsnamenbuch der Steierm., S. 513. 6 ) Vgl. darüber J. Jung, Die romanischen Landschaften des römischen Reiches, Innsbruck 1881, S. 461. l*

4 I. Kelten und Römer. Um das Jahr 930 war die Germanisierung der Romanen bei uns nahezu vollendet, aber Barschalken begegnen im Ater- und Mattiggau noch im 11. und 12. Jahrhundert. Die letzten Zeugnisse stammen aus dem 13. Jahrhundert, Außer den besprochenen ,Walchen'orten hat es natürlich eine Menge anderer röm. Siedlungen gegeben, wie die Funde an den verschiedensten Stellen des Landes zeigen. Die größeren überliefern uns die Itinerarien und die Peutingersche Tafel. Ihre Namen haben sich auch, noch erkenn– bar, teilweise erhalten, die andern sind aber bis auf wenige spurlos ver– schollen, wahrscheinlich z. T. schon deshalb, weil sie für die Baiern un– aussprechbar oder unbequem waren. Einiges Antike glaube ich aller– dings außer dem bisher Bekannten1 ) noch feststellen zu können, aber selbst alles zusammen ist nicht viel. Der Römer ist über die schon vor– gefundenen Wohnplätze nur dort hinausgegangen, wo er neue Straßen anlegte oder bestehende militärisch sicherte, und hat überhaupt Norikum nur in bescheidenem Maße kolonisiert, wobei er vor allem Berge und Wälder mied. Aus späteren Zeugnissen läßt sich mit Sicherheit fest– stellen, daß in römischer Zeit das Land weithin noch von Wald und Wildnis erfüllt war. Es seien da nur erwähnt: im Mattig- und Rotgau die Forste an den Seen des Salzkammergutes, der Weilhart und Höhn– hart (Kobernauser Forst), der bis Aschach herabreichende Passauer Hart (Sauwald), im Traungau der Hausruck, der obere und untere Hart an beiden Ufern der Traun von Lambach bis in die Gegend von Linz 2 ), der Kürnberger Wald, der Pollheimer Wald, der Buchenloh bei Wimsbach, der Eiterwald am Eiterbach, die Forste um Petenbach und Viechtwang, um Kremsmünster und Neuhofen, an der Enns und der Steyer, am Edl– bach bei Windischgarsten, zwischen den Flüssen Steyer und Piesling, die Käserau im Tal von Windischgarsten, der Damberg bei Steyr usw. 3 ) Angesichts eines solchen Landschaftsbildes ist es klar, daß auch die Straßen vielfach weite Strecken fort durch Wälder liefen und daß Sied– lungen daher nur an offenen Stellen des Geländes erwartet werden dürfen. Die Straßenforschung bringt uns also im allgemeinen kein zahlreiches neues Namenmaterial aus römischer Zeit, aber sie ist notwendig und ergebnisreich, weil wir auf diese Weise allein den späteren Weg der 1 ) Einen Überblick gewähren: Vancsa, Geschichte Nieder- und Oberöster– reichs I, Gotha 1905, S. 64 u. 114 f.; Pichler, Austria Romana I, 97; Jung, Römer und Romanen in den Donauländern, Innsbruck 1877, S. 84 f., und Kämmel, Die Anfänge deutschen Lebens in Österreich, Leipzig 1879, S. 126 ff. 2 ) Durch die Ortsnamen Lindlach, urk. Lintloh, bei Hörsching und Lint– hard zw. Wels u. Kremsmünster (Oö. UB. II, n. 17) als Lindenwald bezeugt. Auf dem Heideboden zwischen Wels und Ofthering finden sich heute noch ausgedehnte Föhrenbestände. 3 ) Vgl. Oö. UB. II, n. 22 (888), n. 31 (898), n. 33 (899), n. 42 (951), n. 51 und Anh. n. 8 (c. 993), n. 70 (1056), n. 71 (1061 ), 11. 88 (1104), n. 89 (1106), n. 90 (1107), n. 1ll (1125), n. 142 (1143), n. 241 (1174), n. 262 f. (1183), n. 264 (1184), n. 283 (1189), n. 290f. (ll90), n. 311 (1196), n. 319 (c. 1200); III, n. 53 (1237), n. 529 (1278); IV, n. 337 (1299), n. 451 (1302), n. 464 (1303); VI, 11. 125 (1 334), n. 415 (1342); VII, n. 292 '(1353). - Über die großen Forste des Inn– viertels vgl. Strnadt im Archiv f. österr. Gesch. 99, 439 ff. '

I. Kelten und Römer. 5 Einwanderung und Besiedlung durch die Baiern ermitteln können und weil selbst die Lage der meisten in den literarischen und epigraphischen Denkmälern überlieferten Römerorte bisher nicht mit Sicherheit fest– gestellt ist1). D'ie in der Tabula und in den Itinerarien genannten Ver– bindungen sind: Lauriacus - Boiodurum (Castra Batava), Lauriacus - Juvavum und Ovilava - Virunum. Verfolgen wir zunächst diese, wenn auch nur in der Hauptsache2 ). · Die altrömische Meile rechne ich mit Kenner3 ) zu 24 Minuten, so daß auf die deutsche Meile ( = 2 Stunden) ·5 römische Meilen kommen, wobei nach je 41 milia passuum eine römische Meile zuzugeben ist. Erschwert wird die römische Straßenforschung durch den Umstand, daß die römischen Distanzangaben in den verschiedenen Quellen und Handschriften mitunter abweichend lauten und vielfach mit der Wirk– lichkeit schwer oder gar nicht in Einklang zu bringen sind. Denn wenn auch der antike Straßenverlauf im einzelnen Änderungen durch die nach– folgenden Jahrhunderte unterworfen war, so gibt es doch Fälle, die keinen anderen Schluß zulassen als den, daß die überlieferten Zahlen mehr oder minder ungenau, ja zuweilen ganz unmöglich sind4 ). Sie sind daher keineswegs als heilig zu betrachten, wenn man sie auch nicht so behandeln darf, als stünden sie nur da, um korrigiert zu werden. Außer den durch Itinerar und Tabula bezeugten Römerstraßen hat es natürlich noch andere gegeben. Ihre Ermittlung ist nicht ganz leicht. Man muß sich dabei vor Augen halten, daß, wie bereits betont, ein großer Teil des Landes auch südlich der Donau damals noch weit mehr be– waldet war als heute, daß Wasserläufe und Seebecken noch vorhanden waren, die heute verschwunden sind oder eine andere Gestalt ange– nommen haben, und daß für die Römer in erster Linie militärische Be– dürfnisse Zahl und Richtung der Straßen bestimmten, keinesfalls aber die heutigen Gravitationslinien, da es außer Lorch, Wels, Passau und Salzburg keine bedeutenden Anziehungspunkte gab. Donau- und Inn– grenze hatten für sie eine so hohe Wichtigkeit, daß sich der Möglichkeit, sie bei Gefahr auf dem kürzesten Wege militärisch zu decken, alle anderen Verkehrsinteressen unterzuordne·n hatten. Unterstützt wird die römische Straßenforschung durch Funde und Anhaltspunkte, die die natürlichen Verkehrswege und die Terrain– plastik bieten. In manchen Fällen mag der Orts- oder Flurname Hochstraß (Hochweg), in dem man gewöhnlich eine Bezeichnung des aufgemauerten 1 ) K. Millers Itineraria Romana, Stuttgart 1916, haben die Unsicherheit eher vermehrt als behoben. 2 ) Detail könnte höchstens bei persönlicher Begehung der Strecken ge– wonnen werden. Dazu wäre aber auch der geschulte Blick des Technikers und Militärs erforderlich. · 3 ) Noricum und Pannonia, S. 90, Anm. 1. ') Daß derartiges auch heute noch vorkommt, dafür ist ein Beispiel Pill– weins Topographie unseres Landes, die die Entfernungen vielfach ganz wider– sprechend angibt (vgl. im 2. Teile die Orte Klaus, St. Pankraz, Spital a. P. und Windischgarsten).

6 I. Kelten und Römer. Weges, also einer Römerstraße, im Gegensatz zum germanischen Knüp– peldamm sieht, ein Wegweiser sein, wenn er nämlich an einem Straßen– zug auftritt, der in seiner allgemeinen Richtung bereits auf Grund anderer Anhaltspunkte als römisch ermittelt ist. Sonst ist nicht ·allzuviel darauf zu geben1 ) . In den Grenzbeschreibungen der alten Landgerichte be– gegnet nämlich der Ausdruck mehrfach auch für Wege, die auf keinen Fall als ehemalige Römerstraßen gelten können2 ). Ähnliches gilt für die gleichfalls in größerer Zahl begegnenden Orts– namen Hörweg und Hörgasteig, denn die erwähnten Grenzbeschrei– bungen kennen eine Verpflichtung zum Geleite des Kriegsvolkes auf bestimmten Wegen3 ), so daß diese Bezeichnungen wohl damit zusammen– hängen4). Viele Spuren einstiger Römerstraßen sind natürlich durch Ver– legung oder Auflassung, wie sie die anders geartetenVerkehrsinteressen der späteren Jahrhunderte vielfach nötig machten, für immer verwischt worden, aber anderseits haben wir wieder an den ältesten Ortsnamen eine treffliche Orientierung, denn die einwandernden Baiern folgten naturgemäß zunächst den schon bestehenden römischen und vorrömischen Verkehrswegen. Gering sind die bisher in Oberösterreich zum Vorschein gekommenen Spuren römischer Straßenkörper. Es verdient auch bemerkt zu werden, daß eine so wichtige Straße wie die von Wels nach Salzburg führende, wenigstens nach dem zwischen Vöcklabruck und Schöndorf zutage ge– tretenen Stück, nur 20 Fuß = 6,32 m breit war5 ), während z. B. die im Jahre 1918 bei Wielenbach am Ammersee in Bayern aufgedeckte Römer– straße zehn Meter in der Breite mißt6 ). Die sog. Hochäcker sind nicht römisch, ja meist nicht älter als etwa 500 Jahre 7 ). Lauriacus - Ovilava - Iuvavum. Lauriacus (Lauri-äcu-s), gewöhnlich in der jüngeren Form Lau– riacum genannt, ist auf der ganzen Strecke zwischen Castra Batava 1 ) Einzelne dieser Hochstraß können auch aus Hag- oder Hartstraß (vgl. Hochleiten aus Hartleiten, Oö. Stiftsurb. II, 119, n. 44) entstellt sein. 2 ) Vgl. Archiv f. österr. Gesch., 99. Bd., S. 240, 271, 307, 317; 102. Bd., S. 366, 402. Dazu gehören auch die-Hochstraß in den Gern. Lasberg, St. Tho– mas a. BI., Waldzell, Piret bei Schwanenstadt und Rannariedl. 3 ) Vgl. Archiv f. österr. Gesch., 102. Bd., S. 365, 386. 4 ) Die nach Buck (vgl. Riezler, Die Ortsnamen der Münchener Gegend, S. 74) auf ehemalige Römerstraßen weisende, in Schwaben häufige Bezeichnung Haderweg (nach Buck von kelt. cadarn fest) kommt bei uns nicht vor. Der Name Hadermarkt (0. St. Pantaleon, B. Wildshut, und 0. Schalchen, B. Mat– tighofen) hat damit nichts zu tun, sond~rn geht auf das salzb. Geschlecht_von Hader (MB. 30, II, 176) zurück. Strnadts Erklärung als urspr. Hadenches marca (Archiv f. österr. Gesch. 99, 437) entbehrt der urk. Stütze und ist sprach– lich nicht zu halten. 6 ) Huber a. a. 0. I, S. 1'2. 0 ) Wie die im Jahre 1920 bei Eberschwang gefundene!J Hufeisen mit dem geringen Abstande der beiden Stollen wieder gezeigt haben, sind auf unseren Römerstraßen Pferde kleiner Rasse oder Maultiere verwendet worden. 7 ) Über die Hochäcker in Oberösterreich vgl. den Aufsatz G. Kyrles in den „Heimatgauen" II, 1921/22, S. 73 ff.

Lauriacus - Ovilava - luvavum. 7 und Carnuntum der Hauptort, Sitz der 2. italischen Legion, eines Bi– schofs und seit der Teilung der Provinz vielleicht auch der des .Statt– halters von Ufer-Noricum. Hier lag eine Abteilung der Donauflotte (classis Lauriacensis) mit ihrem Präfekten, bestand eine Schildfabrik (scutaria), waren auch Ian– ciarii Lauriacenses stationiert. Von dem großen Legionslager, dessen Platz im Volke die Burg, auf der Burg (Flurname) heißt, werden uns die seit 1904 von der Limeskommission. der Akademie der Wissenschaften planmäßig vorgenommenen Grabungen nach ihrem Abschlusse ein klareres Bild zeigen, als es gelegentliche frühere Funde vermochten. Die St. Laurenzkirche in Lorch geht in die römische Zeit zurück, noch um 900 wird sie als secus murum constructa, d. i. an der ehemaligen, damals noch bestehenden Lagermauer gelegen, bezeichnet1). Hier und in der Richtung nach Südwesten dehnte sich die Lagerstadt aus, wie die Funde lehren. Aber auch auf der Höhe, wo heute die Stadt Enns steht, 10. Jahrh. Anesapurch, Ensiburg, sind Funde gemacht worden. Die Leichen wurden am Eichberg bestattet. . Der kelt.-röm. Name Lauriacus ist nach Holder von einem Genti– licium Laurius gebildet. Er lautete später Labo-, Lavo-, Lahoriacum, in deutscher Form Lorah und lebt als Lorch bis heute fort2 ). Lauriacus-Enns war infolge seiner Lage und Bedeutung schon früher den Überfällen der Germanen ausgesetzt gewesen, bot zwar noch zuletzt der aus den oberen Donauorten flüchtenden Bevölkerung eine Zeitlang Schutz, mußte aber endlich auch aufgegeben und geräumt werden. Das berichtet die Vita s. Severini. Trotz· dieses Abzuges der Ein– wohner wird die Kontinuität der Bevölkerung durch Münzfunde ver– bürgt, die ziemlich ununterbrochen bis auf K. Tiberius II. (t 582) rei– chen, sowie durch eine einzelne Münze von Heraklius (t 641) 3 ) . Daß aber die Romanen gegenüber den Deutschen in der Minderheit waren, ergibt sich aus der späteren Form des Namens Lauriac-, die verschobenes Suffix zeigt. Wäre es umgekehrt gewesen, so hätte, wie bei Marciacus im Salzburgischen, das im Munde seiner romanischen Bewohner über urk. Marciago zu Morzig, Morzg wurde, aus Lauriac- zunächst Lorago und dann Lorg entstehen müssen. Nach dem Berichte der Gesta s. Hrodberti, wonach der Heilige um 698 Lorch besucht und dort viele geheilt hat, müßte man allerdings an Romanen denken, aber das könnten z. T. auch aus der Umgebung zu– gelaufene gewesen sein, und überdies erheben sich gegen die Zuverlässig– keit des Berichtes schwere Bedenken4 ). Von einem romanischen Typus 1 ) Oö. UB. l, 472. In der Nähe des Prätoriums, an der Stelle eines römischen Heiligtums, stand einst die Kirche Maria am Anger. 2 ) Der urk. Flußname Lorahha (mit lat. Endung) ist vom Ortsnamen gebildet, bedeutet also Lorcher Bach. Mit dem deutschen Worte Ache, das Cori, Lauriacum oder Lorch (Jahresber. d. Museums in Linz 1871), S. 8 f. und Pillwein, Traunkreis, S. 126, darin suchen, hat er nichts zu tun. 3 ) Vgl. Kämmel 127 und Dopsch 179. ') Dopsch a. a. 0., S. 171 ff.

8 I. Kelten und Römer. der Bevölkerung um Enns, den Fr. Wöber1 ) mit Hinweis auf diese Stelle festgestellt haben wollte, ist jedenfalls nichts zu bemerken. Vorgeschobene Forts der Festung Lauriacus waren der nach einer Inschrift2 ) im Jahre 370 aufgeführte burgus3 ) an der Mündung der Enns in die Donau, von dem noch 1574 die mächtigen Quadern zu sehen waren, ferner das auf einer Donauinsel gelegene, stark befestigt gewesene Spielberg, aus *Spiegelberg, von specul-a Wachtturm, jenseits der Donau ein an der Stelle des Schlosses Prags t ein zu vermutendes Boll– werk und das an der Straße von Mauthausen nach Böhmen gelegene Zi r ki ng, c. ·l 170 Cirtina4 ), das ich für ein kelt.-röm. *Cir-dun- halte5 ). Am rechten Ufer der Enns dienten das Kastell Albing6 ) und die näher der Donau zu gestandene Biburg7 ), jenseits des Stromes Nar– du num (Naarn) der Flankendeckung gegen Angriffe von Norden. Von Lorch führte die römische Heerstraße nach Ovilatus8 ). Sie wird zur Zeit der Entstehung der Florianslegende ,Ochsenstra,ße' ·ge– heißen haben wie andere Römerstraßen. Ich glaube nämlich, daß der Verfasser eben durch diese Bezeichnung der ihm offenbar bekannten Straße auf den Einfall gekommen ist, den Leib des Heiligen von einem Ochsengespann ·auf ihr befördern zu 1-assen. Auf dem Wege nach Ovilatus liegen Asten und St. Florian, die eine nähere Besprechung erheischen. Asten. Die Asten in Oberösterreich und den angrenzenden Gebieten von Salzburg und Bayern9 ) liegen alle in der Nähe von Römerorten: Asten9 ) bei Lauriacus-Enns, nahe der Abzweigung der Straße nach Salzburg von der nach Passau; Asten 10 ) bei Alkofen, dem vermutlichen Mari1) Die Skiren und die deutsche Heldensage, Wien 1890, Anm. 21. 2 ) Gaisberger, Römische Inschriften im Lande ob der Enns, S. 14, n. 5. 3 ) So in der Inschrift. Vgl. Vegetius, De re militari IV, 10: castellum parvulum, quem burgum vocant. Solche burgi begegnen in der Vita s. Severini. 4 ) Oö. UB. II, n. 234. · Hirtina im Abdrucke der MB. ist Lesefehler, was Müller nicht erkannt hat. Mit seinem famosen ,Hirtenfluß' ist es also nichts. 5 ) Daß die Römer auch jenseits der Donau Kastelle anlegten, ist sicher. Vgl. Dopsch a. a. 0., S. 129. 6 ) i::. Nischer, Lauriacum-Enns-Albing (Monatsbl. d. Ver. f. Landesk. von NÖ. 1920, S. 57-64) versucht allerdings zu zeigen, daß Albing nur als Provisorium bis zur Fertigstellung des Lagers Lauriacus gedient habe. 7 ) Oö. UB. I, 472, n. 56 (c. 900). 8 ) Für die Bestimmung des weiteren Verlaufes der Römerstraße von Enns weg bietet E. Nischer, Untersuchungen über die Römerstraße von Wien nach Wels (Mitt. d. geogr. Gesellschaft in Wien,. Bd. 62, 1919, S. 106ff.), nichts Neues. 9 ) Im Ortsrepertorium der Länder Steiermark, Kärnten, Krain habe ich nur ein Asten in Kärnten gefunden, in jenem von Niederösterreich keines. Da zur römischen Zeit der Inn die Grenze gegen Raetia secunda bildete und auch die Enns schon damals in gewissem Sinne als Grenze betrachtet wurde, weil Kap. 12 der Vita s. Severini die Kastelle von Lorch aufwärts als die oberen be– zeichnet, so mag die Tatsache, daß diese Asten gerade zwischen Inn und Enns mehrfach begegnen, vielleicht in dem besonderen Eifer eines Statthalters in diesem Gebiete ihre Erklärung finden. 10 ) Belege bei FO. 3 I, 232 u. 303.

Lauriacus - Ovilava - Iuvavum. 9 nianis, nahe der Einqiündung der von Ansfelden kommenden Linie in die Limesstraße; Asten1 ) vor den Toren des einstigen römischen Kastells Lentia-Linz; Asten2 ) nahe dem durch Funde als einstige römische Nieder– lassung beglaubigten Mösendorf und dem Dorfe Walchen; Asten3 ) bei Titmoning an der Salzach; Asten4 ) bei Lamprechtshausen und Asten bei Kuchl (röm. Cucullae) in Salzburg. Das Auffallende der Lage dies~r Orte würde in einer Karte mit ge– nauem römischen Straßennetz anschaulich werden. Förstemann erklärt diese Bezeichnungen aus ahd. awist Schafstall5). Gegen diese Deutung spricht aber der durchgängige Plural, der dann anzunehmen wäre, indes z. B. die württembergischen Ortsnamen6 ) Augstel ( = Augsttal), Auswyl < Owistwiler, Augstbühl, -fluh, -klinge nur den Singular zeigen. Auch das g für w müßte man wenigstens in einigen Fällen erwarten, tritt es doch auch in ouwe ,Au' auf7). Ich nehme daher Entstehung des Namens Asten aus röm. (ad) *Augustum an, das in der Folge zu Austum, -un, -en, -in wurde, wie es eben in den Urkunden begegnet8 ). Die Kontraktion ist dieselbe im fran– zös. Autun, das auf Austunum < Augustodunum zurückgeht. Die Erscheinung, daß die lateinischen Endsilben am Ausgange der römischen Zeit nicht mehr gesprochen wurden, gilt nicht für Prä– positionalausdrücke und Lokative bei Ortsbezeichnungen. Beispielsweise seien Weins a. D., Taufers und Terfens in Tirol, Pfunzen bei Rosenheim in Bayern genannt, die noch deutlich die lateinischen Endungen als Zeugen ihrer Entstehung aus (ad) Tuberes, Tervinios, pontem, vineas9 } erkennen lassen10 ). 1 ) Verschollen. 2 ) Fontes rer. Austr., Bd. 49, S. 41, Febr. 26. Jahresber. d. Museums in Linz 1866, S. 133 ff. 3 ) Salzb. UB. I, 35: in territorio ad Austum. In der Hs. steht Austrum, was der Herausgeber verbessert hat. 4 ) Salzb. UB. I, 172, n. 5: Oustun (c. 963). Im Register steht ,Asten bei Frankenmarkt'. Bei den übrigen Belegen (ebd. I, 938) schwankt der Heraus– geber zwischen Asten bei Lamprechtshausen und dem bei Titmoning. 5 ) Auch· in der neuen Auflage des Ortsnamenbuches ist diese Erklärung festgehalten. Vgl. dagegen Schatz, S. 26, der an auwa denkt. 6 ) Buck, Über röm. Ortsnamen in Württemberg (1878). 7 ) Vgl._Oö. UB. V, 79 u. 373 (14. Jahrh.) und die vielen Auger im polit. Bez. Perg. Ein Aug auch bei Heiligenstatt im Innviertel. 8 ) Vgl. Archiv f. d. Gesch. d. Diöz. Linz 1906, S. 4; 1907, S. 5; ,,Wiener Ztg." vom 30. April 1915, wo ich meine Ansicht zuerst ausgesprochen und begründet habe. 9 ) Betzelle ad vineas des hl. Severin. 10 ) Daß Pfunz (am Limes bei Eichstätt), das auf *(ad) pontes zurückgeht, und die zahlreichen a 1t en Straß, die aus römischem *( ad) stratas (Straßen– kreuzung oder -gabelung) und nicht aus *(ad) stratam entstanden sind, das s der Endung nicht mehr zeigen, liegt am vorausgehenden Konsonanten. Pon– tena ist nicht, wie Schatz, Altbair. Gramm. 11, 63, und andere meinen, pons Eni, sondern neuerliche Latinisierung von Ponten < , Pontem (vgl. Pfronten aus ad frontem Alpium). Das geht auch daraus hervor, daß ein zweites Pon– tena (bezeugt im 8. Jahrh.) am Chiemsee (Seebruck) lag, wo also der Inn nicht in Frage kommen kann. Teriolis, aus dem Tirol wurde, ist Nominativ.

10 I. Kelten und Römer. Die Kontraktion hat nichts Auffallendes an sich. Wie Agusing zu Aising1 ) werden konnte, so auch lateinisches Augustum über vulgär– lateinisches Agustum2 ) zu Austum. Die spätere Monophthongierung des au vor Dental3) ist in der Mundart des Landes auch sonst nachweis– bar, z. B. in Astätt aus urk. Austeti, Rat aus Raut, Rftt = Riut. Die Fortbildung der Endsilbe -um zu -un, -en (-in) ist ebenfalls normal. Man wird diese Asten, die nicht mit den alpinen Asten, die zu äsen gehören, also Weideplätze sind4 ), verwechselt werden dürfen, für Plätze ehemaliger Standbilder5) des Kaisers halten müssen, vielleicht des Kai– sers Augustus, der sich um den Ausbau des römischen Straßensystems hervorragende Verdienste erworben hat. Daß Kaisern und Statthaltern Statuen und Ehrendenkmäler für Verdienste von den Provinzialland– tagen votiert wurden, ist mehrfach bezeugt6 ) . St. Florian. Der Ort, heute ein Marktflecken mit stattlichem Augustiner-Chor– herrnstift (gegr. 1071 ), hieß ursprünglich Buch (Puoch = Buchenwald), wie wir aus der bekannten Reginolfurkunde (c. 830) der Passauer Tra– ditionen wissen. Die Behauptung Strnadts7 ), daß Örtlichkeitsbezeich– nungen, die auf Buchenbestände hinweisen würden, um St. Florian nirgends vorkämen, ist unzutreffend, da das Urbar des Stiftes vom Jahre 1445 noch ein Haus (domus) im Puochech im Orte St. Florian selbst verzeichnet8 ). Es fallen daher auch die von ihm an seine vermeint– liche Feststellung geknüpften weitgehenden Folgerungen in sich zu– sammen9). Als in Buch eine christliche Kultstätte und später eine Zelle ent– standen war, wurde der Name St. Florian üblich. Über den Heiligen und seinen Kult an diesem Orte besteht eine ansehnliche Literatur. Es ist viel Für und Wider. Mit historischen und paläographischen Argu1 ) Schatz a. a. 0. § 71, S. 80. Es ist aber nicht, wie er meint, Agusing > *Agising > Aising, sondern Agusing > *Ausing > *Äusing > Aising anzu– setzen, weil die Aussprache heute Aising und nicht Oasing ist. ") Vgl. F. Kluge in der Zs. f. deutsche Wortforschung VIII, 143 ff., der deshalb Formen wie Augsburg und Augst (bei Basel) für keltisch hält. Anders wird Oustmanoth (Sehmeiler 54) zu beurteilen sein. Auch der Thesaurus linguae lat. nimmt für das Austum, das er aus der Literatur verzeichnet, Kontraktion aus Augustum an. 3 ) Im keronischen Glossar ist astrologus mit sunderstat wiedergegeben, der Übersetzer dachte also an Auster und locus. 4 ) Sehmeiler I, 157. 6 ) Vgl. ähnliche Ortsnamen, wie ad statuas (Gönyö bei Szegszi\rd in Un– garn), ad mures, die Kenner, Noricum und Pannonia 141, allerdings für Aus– hängeschilder der Einkehrhäuser hält. 6 ) Jung, Römer und Romanen, S. 30. 7 ) Archiv f. österr. Gesch., 99. Bd., S. 880 ff. Vgl. dazu meine Bemer– kungen in den Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsf., Bd. 37, S. 485, Anm. 8 ) Oö. Stiftsurb., hg. von K. Schiffmann, III, 247, n. 121. 9 ) Auch dann, wenn Sekker recht hätte, der das Puochech am Schiltenberg bei Ebelsberg sucht (Heimatgaue II, S. 23, Anm. 2), obwohl unmittelbar vorher Häuser genannt sind, die zweifellos ,hie in ·villa', also in St. Florian selbst, standen.

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