Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1958

Linus Kefer: Sie iensberger I Wirballen, Eydtkau, Gumbinnen und Schloßberg waren gefallen, Trakehnen verloren, Goldap, Treuburg und Lyck lange nicht mehr in unserer Hand. Weiß Gott, mir sind die Namen all der Stationen des Kreuzweges eines Volkes ent¬ schwunden, obgleich ich glaubte, sie nie vergessen zu können. Heilsberg aber habe ich behalten. Wir waren in die kleine Stadt an der Alle gekommen, um dort mit lazarettentlassenen Männern zu einer neuen Kampfeinheit ergänzt zu werden, und lagen nun in den Kasernen am Rande der Stadt. Während die Flüsse und Seen in dickem, grünem Eise erstarrten und der Schnee auf die weiten Ebenen des östlichen Landes niederwirbelte, auf die großen, verschwiegenen Wälder und einsamen Ge¬ höfte, war es Weihnachten geworden. Weihnachten 1944. Seit Wochen zogen die hohen, überdachten Planwagen der Flüchtlinge von Osten her über die verwehten Landstraßen gegen Westen, um das rettende Haff, die Hoffnung aller Heimatlosen, zu erreichen. In den letzten Tagen vor dem Fest rollten ihre Wagen Nacht für Nacht durch das Kasernentor und stauten sich auf dem riesigen Hofe zu einer dunklen, wie aus Vorzeiten heraufgestiegenen Wagenburg. Truppen und Trecks hatten die Straßen verstopft, darum mußten die neu Ankommenden ihren Zug unterbrechen. Wir hörten sie kommen und sahen sie am Morgen, wenn wir mit Krampen und Schaufeln aus¬ marschierten, unter dem grauen Himmel stehen und uns mit leeren Augen nach¬ blicken. Wir mußten die Kolonnen der Frauen und Mädchen, die am Rande der Stadt Panzergräben und Erdwälle bauten, unterstützen. Der Boden war hart wie zu Stein gefroren, so ging ihnen die Arbeit nur mühsam von der Hand, und sie schauten schon aus nach unserem Kommen. Wir mußten singen, und wenn sie uns hörten, hielten sie inne und stützten sich auf die Spaten und warteten auf uns. Manchmal scherzte eine Junge, aber es klang wie das Heulen hinter der Maske des Lachens. Am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember waren die Gräben leer. Die zivilen Arbeitskommandos brauchten an diesem Tage nicht auszurücken. Wir waren uns über die Sinnlosigkeit dieser Anlagen im klaren und fanden es richtig, daß man uns allein daran arbeiten ließ, denn für uns galt es doch nur, die Zeit der kurzen Ruhe vor dem neuen Kampfeinsatz damit auszufüllen. Wir hackten und gru¬ ben und versuchten dabei zu vergessen, daß Heiliger Abend war und daß wir Men¬ schen waren, die irgendwo Frauen und Mütter und Kinder hatten. Aber als es dann gegen Mittag ging, und früher als sonst der Befehl kam, in die Kasernen ab¬ zurücken, tauten die Gesichter der Männer doch auf. Man brauchte, so schien es uns, jetzt nicht mehr vergessen, daß Weihnachten war. Als wir in den Quartieren angekommen waren, empfingen wir das Essen und zugleich die kalte Abendverpflegung; sie war heute besser und reichlicher als sonst. Etwas wie eine festliche Stimmung begann sich in uns zu regen. Wir kehrten auf die Stuben zurück, heizten schnell die großen, schwarzen Öfen an, stellten Wasser über, wuschen den Schweiß und die Erde vom Leibe, schabten den Bart aus dem Gesicht und zogen frischgewaschene Wäsche an. Und plötzlich duftete es nach Tannen, süß und harzig, irgendeiner hatte die grünen Reiser geholt und damit Spinde und Wände geschmückt. Die letzte Post aus der Heimat war schon Tage vorher gekom¬ men und wir ahnten, daß es die letzte sein würde, und sie war es auch. Wir streck¬ ten uns auf die Pritschen hin und lasen die Briefe noch einmal. Die Gedanken begannen zu wandern über die verschneiten Ebenen, nach Westen und Süden, und 59

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2