Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1917

„O, dann — dann —“ „Wird die Kerschbergerin auch nicht andern Sinnes,“ unterbrach ihn der Abt trocken. „Das Weib ist der Hochmut selber. Die Sach' laß derweil nur ruhen mit der Heirat! Hast ja, wie ich denke, dich doch schon des versichert, daß Frau Ottiliens Tochter dir zugeneigt ist, he? Wigbert errötete und rief begeistert: „O — noch in Nürnberg hat sie selber mir's geschworen, keines anderen Man¬ nes Ehegemahl zu werden!“ „Ist so bei euch, wie bei den andern,“ meinte der Abt mit leisen Spott. „Das verspricht sich und denkt: der Herr wird für uns sorgen, wie für die Lilien auf dem Felde! Na, lassen wir das auf ein andermal! Ein Hinterholzer wirbt, aber bettelt nicht um die Frau — wirbt um — aber mit Frau Ottiliens Tochter dem Schwert in der Hand!“ Verwundert sah Wigbert seinen Oheim an, der langsam sein Glas leerte. „Wie meint ihr das, hochwürdiger Herr Ohm?“ frug er etwas unvertraut, da er die Sache mit dem Schwert in der Hand nicht recht begriff. „St. Petrus,“ rief der Abt, sein Glas niederstellend, „ist doch leicht zu ver¬ stehen! Hast nichts, als deinen ehrlich ritterlichen Namen und der Ehege¬ mahl der jungen Kerschbergerin muß ein Mann von Stellung und Vermögen sein, so sagte sie dir, mein' ich, die Frau Otillie! Wohl, mein Lieber, das Schwert soll dir beides erwerben, ehrlich, im Kampf! Unser gnädigster Herr Herzog kann deinen tapferen Arm und klugen Kopf sehr wohl gebrauchen, so, mein ich's!“ Wigbert schlug sich vor die Stirne die Worte seines Oheims hatten ihm in ihrer Einfachheit und Kürze rasch den Weg gezeigt, den er zu gehen hatte hinfür und ohne ein Wort in seiner Er¬ regung erwidern zu können, ergriff er des Abtes Hand und küßte sie in inniger Dankbarkeit. Der geistliche Herr streichelte ihm zärt¬ lich das Haar aus der Stirne und sagte: 189 „Na, da wären wir ja so ziemlich im Reinen, trink aus, begleitest mich ja nach Gleink, das Weitere wird sich finden!“ V. Am Abend dieses ereignisvollen Tages stand an einem Fenster des Rittersaales der Burg Leonstein Herr Wolfgang Ritter von Rohr und sah mit be¬ kümmerter Miene auf den zu Füßen des Burgberges gelegenen Markt und in das schöne Steyrtal herab. Herr Wolfgang war der zweitälteste der sechs Herren von Rohr. Die Rohrer, wie man sie gewöhnlich nannte, gehörten dem niederem Adel an, hatten aberso einflußreiche und so viele Gesinnungs¬ genossen im Lande ob und unter der Enns, daß sie dem Herzoge Albrecht III. gar viel zu schaffen machten. Die Rohrer besaßen ziemlich viel Land und Leute zu eigen, was sie aber ge¬ fürchtet machte, das war ihr hoch¬ hochfahrendes Wesen und ihr unbän¬ diger Trotz, nicht nur Niederen und Gleichgestellten, sondern auch dem Lan¬ desherrn selbst gegenüber. Der Adel konnte sich das damals er¬ lauben, denn das Habsburgische Erbe war geteilt und der unruhige Leopold*) hatte im Streite gegen seinen Bruder Albrecht dem Adel soeben die Waffen gegen den Landesherrn in die Hände gegeben, indem er denselben zu seinen selbstsüchtigen Zwecken benützte. Der Adel sah, daß er gebraucht wurde und ließ sich seine Hilfe gut bezahlen. Er wurde trotzig, als nach Herzog Leo¬ polds Tod Herzog Albrecht III., der für dessen Kinder die vormundschaftliche Re¬ gierung führte, die Zügel etwas stram mer in die Hände nahm. Die in den Kriegszügen des Herzogs Leopold an Kampf gewöhnte Ritter¬ schaft konnte sich nicht in das ruhige Leben finden, das Albrecht III. ihnen auferlegte und da es keine äußeren Feinde, die nach ihren Geschmack waren, *) Gefallen in der Schlacht bei Sempach, 9. Juli 1386.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2