Zwanglose Blätter, Nr. 31, vom 1. Juli 1848

Zwanglose Blätter für Oberösterreich. Nro. Steyr am 1. Juli 1848. 31. Auch das Wort ist eine That und wird gerichtet. „Eines Bürgers Recht.“ (Trauerspiel.) Der Fürst Windischgrätz. Der Fürst Windischgrätz ist jedenfalls einer der un= beliebtesten Männer im ganzen Kaiserthume Österreich und die Regierung würde gewiß nur dem allgemeinen Wunsche nachkommen, wenn sie ihn ausser den aktiven Staatsdienst stellen würde. Es läßt sich nicht läugnen, daß er sich bei den letzten Prager Unruhen als Soldat ganz gut benom= men hat, doch bleibt es noch immer ein ganz ungelöstes Räthsel, warum dieser so energische General=Kommandant der Bildung und Wirksamkeit der Prager provisorischen Re= gierung, die sich gegen Kaiser und Ministerium bildete, nicht das mindeste Hinderniß in den Weg legte, warum er was noch mehr ist — in einer Proklamation seinen Namen neben dem des rebellischen Grafen Leo Thun unterschrieben hat. Jene volks= und freiheits feindliche Parthei drängt sich überall hinzu, es mag eine Revolution vorbereiten wer= den oder eine gesunde gesetzliche Reform — sie hat ihre Hel= fershelfer, ihre Emissäre dabei, die sich entweder bemühen alles zum Besten ihrer Parthei zu lenken und auszubeuten oder durch Verrath in rechter Stunde einen gewinnbrin= genden Schlag zu führen. Die Reaktions Parthei bemüht sich den Fürsten Windischgrätz immer mit einem gewissen Heiligenscheine zu umgeben und ein Correspondent der allge= meinen Zeitung in Nro. 172, der die Pragerkämpfe schil= dert und durch die oft wiederkehrenden Angaben, wie ihn hier ein Oberoffizier durchgeholfen, dort ein anderer Offi= zier mit aller Zuvorkommenheit passieren ließ, bis er auf die Färberinsel gelangte, in deren Lindenschatten er beschützt von einem Grenadier=Batallion und umgeben von der aus= gewähltesten Gesellschaft neun Stunden zubrachte und mit aller Ruhe beobachtete, wie rühmlich die Soldaten Böhmens uralte, irregeführte Hauptstadt bombardirten, errathen läßt, daß er jener ausgewählten Gesellschaft recht nahe stehe: nennt den Fürsten einen Mann von entschiedener aristokra= tischer Haltung, jedoch von jeher durchaus liberal gesinnt, der neuen Ordnung der Dinge aufrichtig ergeben. Das käme ja heraus, als ob der Fürst auch schon unter der alten Ordnung — der neuen Ordnung der Dinge ergeben gewesen wäre. Was versteht denn dann der Cor= respondent unter einer entschieden aristokratischen Haltung und unter einer liberalen Gesinnung? Diese Parthei hat uns schon mit genug Unheil überschüttert, sie verschone uns wenigstens mit Unsinn. Ein Ergebniß, an dessen Wahrheit man wohl frei= lich nicht mehr zweifeln darf, da fast alle Blätter es gleich= lautend erzählen, wirft jedoch den schwärzesten Schatten über die aufrichtige Gesinnung des Fürsten. Er hat nämlich eine, durch eine vom Ministerpräsidenten gezeichnete Vollmacht legitimirte Deputation des Sicherheitsausschusses bei ihrer Ankunft in Prag verhaften und ihr die Waffen abneh= men lassen. Später ließ er diese gefangenen Männer, aner= kannte Gewaltträger unsers Kaisers und unseres Volkes, ihrer Freiheit beraubt gegen das Gesetz und ohne Richterspruch durch die rohe Gewalt eines übermüthigen Mannes, der die neue Ordnung der Dinge, den verfassungsmässigen Willen des Vol= kes und des Kaiser verachtet, vor sich führen und sagte ihnen die denkwürdigen Worte: „Meine Herren! Ueberall hat die Revolution gesiegt, hier haben wir gesiegt! Wen hat Fürst Windischgrätz unter diesem verhäng= nißvollen „Wir“ verstanden? Die Soldaten? Was ist die Militärmacht in einem konstitutionellen Staate, wenn sie im Innern des Landes etwas Anderes zur Geltung zu bringen sich bemüht, als den verfassungsmässig festgesetzten gemeinsa= men Willen des Herrschers und des Volkes, mithin das Gesetz? Nennen sich die Soldaten „Wir“ wie eine einzeln= stehende, von der neuen Ordnung der Dinge ausgenom= mene Person, so muß ihre Gesammtheit als eine revo= lutionäre Macht erscheinen. Wir sagen nicht, daß un= sere Brüder in der Armee eine solche sind, aber wenn sie Fürst Windischgrätz unter seinem „Wir“ verstanden hat, so gibt er sie dafür aus und ihn haben sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Oder versteht er unter diesem „Wir“ nur die Offiziere, oder etwa gar nur die Generäle, oder vielleicht die ganze Kaste aus der bis jetzt fast ausschließ= lich alle hohen Offiziers=Beamten= und Hofstellen besetzt wurden? Diese „Wir“ stellen sich mithin dem Volke, als ein ganz abgesonderter Körper gegenüber — sie sind etwas ganz anderes als das Volk, das Volk ist ihr Feind, mit ihm stehen sie im Kampfe, das Volk machte die März und Mai Revolution, das Volk siegte und die „Wir“ ge= stehen, daß sie dadurch besiegt worden sind — in Prag unterlag die Revolution, (und sie verdiente kein anderes Schicksal, denn es fehlte ihr die Nothwendigkeit und die rechtliche Begründung) aber — hört — nicht Gesetz und

Ordnung haben gesiegt — Fürst Windischgrätz sagt: "Wir haben gesiegt“. Das müssen wir uns merken. Auch außer dem Lager des liberalen Fürsten Win= dischgrätz finden wir Männer, die sich vom Volke abseits stellen — die sich selber nicht zum Volke rechnen. So er= schien unser Landesgouverneur Skrbensky, als die Wiener Deputation dem Volke Oberösterreichs eine deutsche Fahne und eine Adresse überbrachte, bei der ganzen Feierlichkeit weder an der Spitze noch in den Reihen des Volkes. Rech= net er sich auch nicht zu uns? Will er zu jenen stehen, die die Revolution besiegte? Wir haben unsere Bruder= hand schon so oft ehrlich hingehalten, warum haben die an= dern „Wir“ noch immer nicht eingeschlagen? Zum Schluße auf die denkwürdige Antwort des Für= ten Windischgrätz noch eine Frage: „Stellen Sie die Re= volutionen von Paris, Neapel, Berlin und Wien in eine Reihe mit der Revolution in Prag und etwa der in Car= lowitz? Ihre Antwort — Fürst — ist schwer anders zu deuten. Merken Sie sich Ihre Worte, Sie dürften bald Zeit finden „fern von Aranjuez“ darüber nachzudenken. Grundlinien einer zeitgemäßen Gewerbege= setzgebung. Dem Landmanne verbürgt die möglichst frei Benüt= zung von Grund und Boden das gesegnete Aufblühen einer Zukunft, aber eine maßlose Zerstückung der Grund= stücke müßte trotz allen Fleißes seine gewisse Verarmung zur Folge haben. Das einzige Mittel zur Erhaltung eines kräftigen Bürgerstandes liegt in der Sicherung vor Entwerthung seiner Arbeitskräfte durch schrankenlose Gewerbsvermehrung. Bauernwirthschaft, nicht Taglöhnerwirthschaft bedingt guten Landbau, der Betrieb der Gewerbe durch Meister mit Gesellen, nicht aber die Vereinzelung in Gesellen=Stu= ben frommt der Industrie. Die für den Gewerbsmann nöthige Sicherung seiner Arbeitskräfte ist nur in dem richtigen Verhältnisse seiner Erzeugnisse mit dem Bedarfe zu finden. Wo mehr erzeugt wird, als man bedarf, ist Arbeit und Mühe in dem Verhältnisse verloren als der Bedarf unter der Menge des Erzeugnisses steht. Wo die Ueber= zahl der Gewerbe so groß ist, daß nicht alle genügende Arbeit zu ihrer und der Familien Erhaltung finden kön= nen, wird jener Kampf um die Selbsterhaltung hervorge= rufen, der in jedem Gewerbsgenossen einen Feind auf Tod und Leben erkennt. Wir haben den Krieg Aller gegen Alle um des täglichen Brodes wegen. Die Quelle dieses bedauernswerthen Zustandes kann nur in unbeschränkter Anwendung des Grundsatzes freier Konkurrenz in Gewerbssachen gesucht werden, in Freige= bung der Gewerbe. 1. Gewerbs=Freigebung ist nicht erwünscht. Gewerbsfreiheit, unbedingt ohne alle Bürgschaft für erlangte Tüchtigkeit, gefährdet zu sehr alle Interessen um auf Anempfehlung rechnen zu können. Aber auch jene Ge= werbsfreiheit, bei welcher lediglich erlangte Gewerbstüch= tigkeit als Bedingung der Gewerbs=Erlangung bestände, muß dem allgemeinen Besten nachtheilig sein, und es muß sich dagegen ausgesprochen werden. 2. Schranken der Gewerbs=Verleihung sind nothwendig. Beschränkung der Gewerbsverleihung ist eine heil= same Nothwendigkeit, gebothen durch dieselben Rücksichten, welche jede vernünftige Freiheit dem Gesetze unterordnet. Um des Bestandes der Gewerbe selbst wegen, zum Besten der bürgerlichen Gesellschaft müssen Schranken gesetzt wer= den, welche den Antritt jeden Gewerbes bedingen. Einer= seits müssen die Gewerbe ihr Gedeihen und Fortschreiten finden, andererseits muß die bürgerliche Eristenz der Ge= werbtreibenden nach dem unabänderlichen, höchst wohlthä= tigen Gesetze für alle bürgerliche Gesellschaft gesichert sein, welches den Lohn nach dem Maße der geleisteten Arbeit verheißt. Diesen beiden Anforderungen der Gerechtigkeit kann nur genügt werden, wenn für vollständige Erlernung des Gewerbes gesorgt, wenn die nöthige Anzahl von Gewer= ben einer Gattung für einen bestimmten Bedarfsumkreis ermittelt wird. Die Bedingungen, also auch die Schranken der Ge= werbsverleihung sind Gewerbserlernung, d. i. persönlich Tüchtigkeit und dann Bedarf eines Gewerbes, d. i. säch= liche Nothwendigkeit. Ein Gewerbe kann nur jener Person verliehen wer= den, die sich hiezu tüchtig bewährt hat, und es kann nur dann dem tüchtigen Manne verliehen werden, wenn der Bedarf einer bestimmten Bevölkerung dieß fordert. Diese beiden Bedingungen der Gewerbsverleihung sind allgemein gültige, und die Unterscheidung zwischen Commerzial= und Polizeigewerben fällt als durchaus un= brauchbar hinweg. 3. Erlernung der Gewerbe. Bedarfs=Aus= mittlung. Die Erzielung vollständiger Erlernung eines Gewer= bes, die Prüfung der erlangten Fähigkeiten ist Sache der Gewerbe, Innungen, Zünfte selbst, weil sie hiezu die beste Befähigung besitzen. Die Ausmittlung des Bedarfes hingegen ist Sache der Gemeinden. Nur wo die Gewerbe die Tüchtigkeit des Be= werbers und die Gemeinden die Nothwendigkeit eines Ge= werbes anerkennen, wird die Verleihung eines Gewerbes stattfinden können. Gewerbe und Gemeinde stehen sich ge= genüber als Erzeuger und Abnehmer, dieser Stellung sagt es zu, daß erstere über Fähigkeit der Person, die letztere über Nothwendigkeit des Gewerbes zu sprechen hat. 4. Gewerbs=Erlernung. Die Leitung der Gewerbsbildung von den Gewerben ausgehend, setzt die Einigung der Gewerbs=Inhaber zur Erzielung dieses so gemeinnützlichen und edlen Zweckes voraus. Innungen, jedoch vollständig umgebildet und untergeordnet dem Ministerium für Handel und Industrie. Diese Vereine, in dem wahren und guten Sinne

aufgefaßt, sind nun die Innungen und Zünfte; daß sie wie alle menschlichen Vereine, mehr oder weniger vollkom= men entstanden, im Laufe der Jahrhunderte zur Entartung gekommen sind, benimmt der Güte der Sache nichts, wenn sie ein neuer belebender Gedanke zur Verjüngung ins Le= ben ruft. Gold bleibt Gold; wenn es unrein geworden, muß man es umschmelzen von den fremden Bestandtheilen rei= nigen. Für die Gewerbe soll ein bestimmter Umfang die Ausübung der Gegenstände auch allerdings festsetzen, dabei aber ist die zu große Zersplitterung des Gewerbes in Ein= zeln=Gewerbe zu vermeiden, vielmehr auf Vereinigung der verwandten Gewerbe hinzustreben. Die Gewerbe und Innungen sollen in ihrem Innern insbesondere was Vermögensverwaltung, Sorge für Arme Kranke ec. betrifft, den Gemeinden in selbstständiger Ver= waltung gleichgehalten, und die Staatsverwaltung nur das nothwendige Recht der Aufsicht haben. Störungen in Ausübung der Gewerbe soll eine künftige Gesetzgebung hindanhalten, damit jedem in einem Erwerbe der nöthige Schutz zu Theil werde. Der Beruf der neu konstituirenden Innungen ist vor= züglich für eine tüchtige Gewerbsbildung Sorge zu tragen, und dieß fordert, daß die Innungen sich von der Abge= schlossenheit des Stadt= Markt= und Pfarrbezirkes losma= che, in großartige, ganze Kreise und Provinzen umfassende Vereine zufammenthun; dann sind sie befähigt unter einem Ministerium für Handel und Industrie ein wohlgeordnetes Ganzes zu bilden, das die Bedürfnisse der gesammten Ge= werbe von unten nach oben geleitet zur Kenntniß des Mi= nisteriums zu bringen weiß, dagegen aber auch befähigt ist, von oben nach unten durch das Ministerium die Einwir= kung der Fortschritte in Gesetzgebung, Wissenschaft und Gewerbe aufzunehmen und bis in die fernsten Verzweigun= gen des Gewerbewesens zu leiten. Polytechnische Schulen als allgemeine Bil= dung zu Gewerben. Unverkennbar ist es angezeigt, daß die Innungen in ein richtiges Verhältniß mit Gewerbsschulen, Realschulen und polytechnischen Schulen zu treten haben. Hiedurch würden letztere mehr praktisch, für den Geschäftsmann schätzbar werden, erstere aber veranlaßt, sich nicht an das Handwerksmäßige, allein zu halten. Sie würden die Nei= gung gewinnen, bei Ausübung der Gewerbe auf wissen= schaftliche Grundsätze und Erfahrungen Bedacht zu nehmen, ein Vorgang, bei welchem der Erwerbsstand an Einsicht, kernhafter Bildung und gründlicher Geschicklichkeit gewin= nend, seine bürgerliche Stellung jedenfalls verbessern müßte. (Fortsetzung folgt) Zur Geschichte des Tages. Metternichs Privatverhältniß zu Rußland. Nachstehende Erzählung der Sonntagsblätter mög= man beherzigen und erwägen, welche Tage des Volksver= rathes die reaktionären Wühler wieder herauf zu beschwö= ren bemüht sind. Als Kaiser Alexander sich zur Abreise vom Kongresse anschickte, machte er dem österreichischer Staatskanzler den Antrag, nebst dem Kourierwechsel der Kabinete auch eine freundschaftliche nichtpolitische Privat= korrespondenz zwischen ihnen beiden in Gang zu setzen, zu deren Kostendeckung der Fürst jährlich fünfzigtausend Du= katen annehmen möge. Metternich dankte für diese He= rablassung und Gnade, meinte jedoch, er könne in ein ähn= liches Verhältniß ohne Vorwissen seines Monarchen nicht treten. Auf seine Anzeige schien Kaiser Franz anfangs be= troffen, und antwortete trocken, er wolle über den Gegen= stand schlafen; am andern Tage jedoch sagte er: „Hören Sie, Metternich, ich habe mir die Sache überlegt. Ver= bieten könnte ich Ihnen die Korrespondenz am Ende doch nicht, und bei der freundschaftlichen Beziehung unserer Ka= binete könnte eine solche Korrelation eher nützlich als schäd= lich sein, denn ich halte sie für einen ehrlichen Mann. Nehmen Sie also den Antrag an.“ In diesem Ver= hältniß stand Metternich bis zu Alexanders Tode. Nach der Thronbesteigung des Kaisers Nikolaus ward dieses Verhältnisses keiner Erwähnung gethan. Es trat zwischen den beiden Kabineten eine ziemliche Kälte ein, welche so weit ging, daß den mit der Bekomplimentirung beauftrag= ten Erzherzog Ferdinand unter Weges eine diplomatische Krankheit überfiel. Die Spannung nahm immer zu. Da erhielt Metternich ein Schreiben vom Czaar, in welchem er sich entschuldigt, erst jüngst zur Kenntniß jenes freund= chaftlichen Verhältnisses gelangt zu sein, welches zwischen dem Fürsten und seinem sel. Bruder bestanden. Es sei sein innigster Wunsch, daß der Fürst jene Anhänglichkeit auch auf ihn übertrage und ersuche ihn um Fortsetzung jener Correspondenz, zu deren Deckung Metternich fünf= und siebzigtausend Dukaten genehmigen möge. — Diesen Sold bezog Metternich bis zum 12. März l. J. Er liefert den Schlüssel zur österreichisch=russischen Politik in Bezug auf die Donaufürstenthümer, Serbien und Kroatien, der türkischen Krieg und Friedensschluß, vorzüglich aber auf die Donaumündungen. Was Metternich für jeden einzel= nen Hochverrath als Sündenlohn bekommen, ist eher zu vermuthen, als zu berechnen; er mag wohl nicht geringer gewesen sein, als die systematisirte Prozentuation bei jedem Staatsanlehen und jene endlose Reihe von Unterschlagungen öffentlicher Gelder, die nebst der heillosen Staatsverschwen= dung und Unterstützung des Absolutismus in allen Welt= gegenden endlich jene Finanznoth herbeiführte, die Oester= reich zu erdrücken droht, nachdem dessen politischer Einfluß im Orient vollkommen vernichtet ist, durch einen Hochver= räther, der größeres Uebel über die Monarchie gebracht, als die Türken, Gustav Adolf und Napoleon zusammen= genommen.

Städte= und Landschafts=Bilder mit Figuren aus unsern Tagen. 3. Berlin. Berlin, vor Kurzem noch die glänzende Königstadt mit der bunten Kriegerfülle, der stolzen Aristokratie und der hochmüthigen Bureaukratie, hat ganz sein früheres Aus= sehen verloren, denn es ist eine Volkshauptstadt geworden, in der man statt der prächtigen Equipagen nur bürgerlich Droschken, statt der Garde einfache Bürgerwehr sieht. Alle Getreuen des Hofes sind in dem preußischen Versailles in Potsdam vereiniget. Diese Stadt und ihre nächste Um= gebung wimmelt von Soldaten, das Schloß ist überfüllt, alle Wohnungen der Stadt sind besetzt von Gästen; glän= zende Equipagen, Reiter und Fußgänger beleben die sonst so stillen Strassen und die schattigen Kais der Kanäle. Das freundliche Schloß „Sorgenfrei“ (Sanssouci) aber sollte jetzt „Sorgenvoll“ heißen; denn dumpfe Gerüchte halten die „Getreuen“ in beständiger Spannung. Im Volke glaubt Niemand daran, im Schloße zu Potsdam aber werden sie geglaubt und alle Eingänge und Treppen alle Corridore und Thüren starren von Wachen. Den König sah ich nicht, sagt ein Reisender; wer vermöchte ihm aber Mitgefühl zu versagen bei so tiefem plötzlichem Sturze von so schwindelnder Höhe der stolzesten Macht? — Im Schatten eines einsamen Laubganges sah ich in tiefer Trauerkleidung eine hohe Frauengestalt wandeln, — die Prinzessin von Preußen, die seit zwei Monaten Leid trägt um den verbannten Gemal. Der Greis ihr zur Seite ist Alexander von Humbold. Welchen Trost mag sie von ihm empfangen in ihrem Schmerze? In der Nähe von Babelsberg, wo das Sommer= schloß des Prinzen von Preußen steht, sprengte ein schlan= ker Jüngling auf muthigem Rosse durch den Park der Höhe zu, — der Sohn des Prinzen von Preußen, vielleicht noch vor seinem Vater bestimmt zum Throne. Die glückliche Sorglosigkeit der Jugend malte sich auf seinem Gesichte. Wiener Tagsberichte. Wien am 27. Juni 1848. „Obgleich unsere Deputirten für den Reichstag noch nicht gewählt sind, so sind gerade aus der entferntesten Provinz aus Galizien nämlich (schon 51) darunter 24 Bauern eingetroffen. Ich bin neugierig wie Letztere, welche kaum der deutschen Sprache mächtig sind, sich bei der Reichsversammlung benehmen werden. Man spricht, daß bis zum 6. Juli der Reichstag sicher beginnen werde. Heute hielt Erzherzog Johann über die hiesige Gar= nison Revue auf dem Glacis, und morgen findet sie eben daselbst über die sämmtliche Nationalgarde statt. Die auf der Rückreise von Innsbruck begriffenen kroatischen Deputirten kamen gestern hier an, und wurden im feierlichen Zuge auf die Universität geleitet. Die Wie= ner halten also die Kroaten für keine Rebellen, obgleich sie sich von ihrem Mutterlande losreißen wollen. Sie se= hen ein, daß indem diese dem Könige von Ungarn den Gehorsam versagen, dem Kaiser von Oesterreich treu und den Interessen eines großen Oesterreichs förderlich sind (?) Wenn Ungarn, wie es allgemein heißt auf eigene Mi= nister des Krieges und der Finanzen verzichtet, so haben wir hiedurch viel gewonnen und dürfen uns dafür nur bei den Kroaten bedanken, denn die Folgen dieser zwei von Oesterreich getrennten Ministerien waren zu fühlbar, als daß wir nicht für die ganze Monarchie eine gemeinschaft= liche Verwaltung der Finanzen und die Centralisation der ganzen Militärmacht unter ein Commando sehnlichst zurück wünschten.“ Wir erlauben uns diesem Briefe unseres geehrten Correspondenten einige Bemerkungen anzufügen. Die kroa= tische Bewegung wird von vielen Seiten als eine re= aktionäre bezeichnet. Das Volk längst wund vom Drucke der Großen, will gewiß nirgends gegen die neue Freiheit reagiren. Gleiches darf man aber von seinen Führern nicht behaupten. Jellachich, Thun, Windischgrätz, Laczans= ky dürften so ziemlich auf gleicher Linie stehen. Mit der kroatischen Bewegung wird es wohl dasselbe Bewandtniß haben, wie mit der czechischen. Diese ist gegen das frei= sinnige Volk der Deutschen, jene gegen das freisinnige ma= gyarische Volk gerichtet, beide sind geleitet von Aristokra= ten, offenbar begünstiget von der Camarilla. Mehrere öf= fentliche Blätter haben die Nachricht gebracht, Jellachich habe erklärt, er habe nichts ohne Mitwissen des Erzherzog Franz Karl, des Gemals der Erzherzogin Sofie, un= ternommen. Das ist freilich darum noch nicht bewiesen aber auch nicht einmal noch widersprochen. Jellachich wird als Hochverräther an den Hof nach Innsbruck berufen, dort mit Rührung empfangen, kehrt frei und als Banus zurück und beruhigt in des Kaisers Auftrag das Volk Kroatiens, Slavoniens und Dalmatiens! Wie hängt das zusammen? Die rechte Oeffentlich= keit herrscht in unseren Staatsgeschäften noch lange nicht und sie werden noch lange nicht in einer Art und Weise betrieben, daß sie die Oeffentlichkeit nicht zu scheuen hätten. Die Slaven unseres Kaiserstaates mögen sich recht sehr vor ihren hoch= und höchstgebornen Freunden hüten. Es dürfte diesen wohl um ein slavisches Reich, aber nur darum um ein solches zu thun sein, um unter dessen Schilde in die goldenen Tage des paradisischen Absolutis= mus zurück zu kehren. Absolutismus ist aber für den Herr= scher unbeschränkte Herrschaft, folglich für den Unterthan unbeschränkte Knechtschaft. Die Kroaten mögen sich ein Beispiel nehmen an den Czechen. Als es der Reaktion nicht gelang mit ihnen zu siegen, so wurde Böhmens schöne uralte Hauptstadt von dieser bombardirt, und so mußten die Leiber und das Eigenthum der Czechen dazu dienen, die Militärgewalt wieder einmal zu Ehren zu bringen. Wenn die Völker Oesterreichs, gleich begeistert für die Freiheit, wie sie sind, sich eng an einander schlössen und keinen Ein= flüsterungen Gehör gäben, dann würden sie sehen, daß ihr Feind ein kleines, im Capua des Absolutismus entnervtes Häufchen ist, grollend zerstreut in den Vorzimmern der Burg zu Innsbruk und in den Badelogis von Ischl. Veranwortlicher Redacteur Alex. Jul. Schindler; Mitedacteur F. W. Arming. Druck und Verlag von Sandböck und Haas in Steyr.

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