Chronik von Garsten

19 Da in Steyr der alte Gottesacker wegen der zahlreichen Todesfälle zu klein wurde, ließ Abt Wolfgang beim Bruderhaus einen neuen anlegen. Ferner ließ er von seinen Vorgängern Portraits anfertigen, von denen noch einige in Garsten zu sehen sind. In ökonomischer Hinsicht erlitt das Stift durch ihn einen bedeutenden Schaden, da er die Herrschaft Wilhelmsburg bei St. Pölten mit allen Rechten gegen 5 Höfe und kleine Güter in Oberösterreich an den Herrn von Jörger vertauschte, „der wegen seines Eifers für die lutherische Lehre bekannt war“. Die neue Lehre Luthers, die in aller Stille in den Herzen der Mönche herangereift war, kam nun unter diesem Abte zum völligen Ausbruch. Ohne Scheu wurde sie bereits in den benachbarten Burgen und Schlössern, in Steyr und Garsten vorgetragen. Ein Mitglied des Stiftes, Wolfgang Waldner, damals Pfarrer in Steyr, predigte mit Wissen des Abtes auf der Kanzel diese Irrtümer griff die Zeremonien und andere Einrichtungen der katholischen Kirche an und stellte die Heilige Schrift als alleinige Norm des Glaubens und sittlichen Handelns auf. Er verheiratete sich im Jahre 1548 mit seiner Dienstmagd und entfloh heimlich aus Steyr nach Augsburg, da er sonst der Vorladung des Bischofes von Passau hätte Folge leisten müssen (Edlbacher, Seite 188). Der nächste Pfarrer von Steyr, ebenfalls ein Mitglied des Stiftes Garsten, führte in der Pfarrkirche öffentlich die lutherische Lehre ein, wo sie bis zum Tode dieses Jahrhunderts blühte und selbst noch später mit Unterbrechungen fortdauerte (Pritz, Seite 45). Die Reformation fand in Steyr so ergiebigen Boden, dass die Zahl der katholischen Bürger daselbst allmählich auf 16 herabsank (Edlbacher, Seite 188). Solche Zustände duldete der Abt auch in manch anderen Pfarren seines Klosters. Entweder war er selbst dieser Neuerung nicht abhold, dass er ihr Aufkeimen ohne weiteres duldete, oder er war zu schwach, um diesen Umwälzungen energische entgegenzutreten. Jedenfalls schadete er durch dieses Verhalten seinem Kloster. Er schied im Jahre 1559 aus diesem Leben; es wurde ihm ein schönes Grabmal in der Kapelle des Kapitels mit folgender Inschrift errichtet, die uns Bruschius aufbewahrt hat: Forma, quid est? gramen: quid vires? cera: quid aetas? Hora. Nihil durat, tempore cuncta cadunt. Haec homo, si reputes, quando laetaberis unquam? Dulce mori, quando? surgere ni tibi spes. Quod Wolfgangus ego, dum vixi, revolvens, Auxilium posui, te pie Christe! meum! (Pritz Seite 45) Als Abt folgte nun Antonius I. (Prundorfer), der vorher Pfarrer in Ternberg und dann in Gaflenz war. Dass im Kloster die protestantisch Gesinnten schon viel zahlreicher vertreten waren als die katholischen Mitglieder ersieht man deutlich aus der Abtwahl; „denn er war als eifriger Protestant bekannt, hatte ein Weib und soll bei der Wahl öffentlich erklärt haben, er wolle dasselbe nie verlassen“. Dass unter einem solchen Oberhaupte die katholische Religion halb ersticken und das Klosterleben verfallen musste, liegt klar auf der Hand (Mayer II, Seite 53) Ferdinand hatte 1561 eine Untersuchung der Klöster vornehmen lassen, die ergab, dass sich die Zustände verschlechtert hatten. Die Geistlichen, welche eine Pfarre verwalteten, waren wie die meisten Mönche, die im Kloster lebten, mit Weib und Kind versehen. Nirgends wurde die Klosterregel und die Ordnung beobachtet.

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