Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1958

4 Re Prieal 1210 Urrt X Schon als Kind hatte der Friedhof unserer kleinen Stadt eine besondere An¬ ziehungskraft für mich. Nicht nur, weil dort das Grab meines Großvaters war, auf das meine Großmutter viele der Blumen gepflanzt hatte, die der alte Mann be¬ sonders geliebt und in seinem Garten gepflegt hatte. Fast jeden Tag im Sommer brachte ich große Feld= und Wiesenblumensträuße auf dieses Grab und dachte dar¬ an, wie mein Großvater sich die verschiedenen Blüten= und Blattformen bestimmen gelehrt hatte, wie in seinen Erzählungen alles lebendig und geheimnisvoll gewor¬ den war. Blume, Tier und Mensch, sie sind Zeichen der Macht und Liebe Gottes so hatte er es mich sehen gelehrt. Aber nicht dieses Grab allein zog mich auf den Friedhof. Es war der Friede, den ich dort spürte, der mich wildes Kind ganz still und besinnlich machte. Der Tod war damals noch ohne Schrecken. Und ich spürte auf dieser Ruhestätte der Toten nur, daß sie uns nahe sind und wohlwollen. Etwas von dieser alten Liebe zu den Friedhöfen hat mich seither durchs Leben begleitet. Noch heute, wenn ich in einen fremden Ort komme, suche ich gern die Ruhestätten der Toten auf. Die Friedhöfe der Großstädte sind freilich meist eine Enttäuschung. Diese Gräber in numerierten Reihen, von beamteten Wächtern be¬ hütet, all die Geschäfte am Rand solcher Friedhöfe, Blumenläden, Bildhauereien mit Marmorkreuzen und Gipsengeln in der Auslage, Büros von Sterbeversicherun¬ gen und Bestattungsfirmen, Gasthäuser und Cafés, in denen nach der Beerdigung ein Gläschen getrunken wird — ist diese Geschäftstüchtigkeit nicht unehrerbietig gegenüber dem Tod? Kein freier weiter Raum trennt diese Friedhöfe von den Sied¬ lungen der Menschen und gibt ihnen die Ruhe und Abgeschlossenheit, die die Toten haben sollten und die die Lebenden bei ihnen suchen, wenn sie zu ihren Gräbern pilgern. Ich kenne einen Berliner Friedhof, den auf drei Seiten Hinterhäuser ein¬ rahmten, auf deren Höfen Kinder lärmten und auf deren Eisengitterbalkonen Wä¬ sich sche flatterte und altes Gerümpel abgestellt war. Oder die Bewohner setzten die dort zum Abendessen nieder und tranken ihre „Weiße“ — ohne einen Blick auf Gräber unter ihnen. Freilich, es gibt auch schöne Friedhöfe in den Städten, in denen man sogleich Hast und Getriebe unseres unruhigen Lebens vergißt. Der St.=Peter=Friedhof in Salzburg ist solch ein besinnlicher Ort. Keinen aber liebe ich mehr als den alten Friedhof in Freiburg im Breisgau, der zu Ende des 17. Jahrhunderts angelegt wurde und in dessen Michaelskapelle die traurigen, mahnenden Worte stehen: „Bis zue dem grab begleuth man dich, ligst in dem grab, vergüsst man dich“. Ich habe das nie recht geglaubt. Und gerade auf diesem Alten Friedhof bestätigte sich mir meine Zuversicht. Es gibt dort, neben vielen historischen Grabstätten und wertvollen 57

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