Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1927

60 über die Stirn und flüsterte dann: „Rudolf Minge jetzt Rudolf Klein ist, Sie wußten Minge.“ ja nicht, daß ich kurz nach unserer Tren¬ Er nickte. „Sie haben recht, Fräuleinnung umsattelte und das mir viel sym¬ Aline, nicht Rudolf Klein, sondern Rudolf pathischere Maschinenbaufach studierte, Minge steht vor Ihnen und hier“ er daß mein Onkel im Auslande mich zu zog ein Osterei aus des Tasche, „bringe seinem Erben seiner großen Fabrik ein¬ ich das Erkennungszeichen. Hier bringe etzte unter der Bedingung, mich zu ich ein Stück Erinnerung. Das Schicksal adoptieren und daß ich seit jener Zeit spielt ganz wunderbar. den Doppelnamen Klein=Minge führe. Aline wußte noch immer nichts zu Zürnen Sie mir noch, Fräulein Aline?“ erwidern. Sie war ganz fassungslos. „Wie Das junge Mädchen senkte errötend kommen Sie zu dem Ei?“ stotterte sie den Kopf. All die lieben Briefe, die sie endlich. von diesem Feldgrauen erhalten hatte, Er hielt es ihr abermals hin: „Da, gingen ihr durch den Sinn. Wie schienen Fräulein Aline, sehen Sie, Sie sindge¬ die Jahre den Leichtlebigen verändert zu rächt. Als ich Ihr Liebespaketchen bekam, haben. Und als sie jetzt auf das Seifenei da lockte mich das Schokoladenei, und blickte, dem ein großes Stück fehlte, da ohne Ihren Brief zu lesen, biß ich herz¬ begann sie herzlich zu lachen. haft hinein. Hier fehlt das Stück. Seien Sie lachte auch noch, als Rudolf Sie mir nicht böse, daß ich mich Ihnen sie in seine Arme zog und ihr wieder von Anfang an nicht zu eikennen gab. wie einst das Wort ins Ohr flüsterte: Aber wenn ich Ihnen gleich im ersten „Liebe, liebe Aline.“ Briefe verraten hätte, daß Ihr Paket an meine Adresse kam, Sie hätten gewiß Am Abend wurde das Seifenei be¬ nichts mehr von sich hören lassen. Siekränzt und prangte als Österschmuck auf konnten ja nicht vermuten, daß Rudolf der Verlobungstafel. TETTTIITHHHTTHTTTTTTHTTETVHITYIITIYTVANTEVTITTIIIIIIIIITYIARTYATIII. Das Märchen von der Perlenkette. Von Anneliese Lerbs. Es lebte ein Weiser, der war, ob¬ wollen, dürfe keine Mühe scheuen, nicht wohl noch jung an Jahren, doch schonungeduldig werden, und wenn auch ein mit allem Wissen vertraut, das einMenschenleben darüber verginge. „Tauche Menschengehirn nur immer zu fassen ver¬unter in den Strom der Welt“, hieß es mag. Er verschloß sich vor dem Welt¬in dem Buche, „lerne die Menschen und getriebe und lebte nur seiner Arbeit, Tag ihre Leiden kennen, lebe unter ihnen, mit für Tag, Jahr für Jahr. Da geschah es ihnen, lindere ihre Not und sammle ihre einmal, daß ihm eine alte Chronik in Tränen. Es gibt ihrer so viele: Tränen die Hände geriet. Er blätterte darin, aber des Kummers, der Sorge, der Verzweif¬ was er auch las, nichts war ihm fremd.lung, der Neue, der Furcht, der Qual, Schon wollte er das Buch wieder schließen, der Scham; aber auch Tränen der Be¬ als sein Auge auf eine Stelle fiel, die geisterung, der Freude, der Rührung. ihm doch der Beachtung wert dünkte: Einmal in seinem Leben weint jeder echte Der Chronist sprach von einer Perlen¬Mensch wahre Tränen; nur sie haben kette, die ein Mensch selbst vermöchte Wert, nur sie können zu Perlen werden. herzustellen: Er müsse nur wollen, richtigDie Tränen der Lüge, Heuchelei und Ver¬

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