Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1927

102 Erholungsreise wirklich froh zu sein. Die schöne Murstadt mit ihrer sonnigen, milden Luft und dem hohen grünen Waldberg in der Mitte, bot auch zu guter Erholung gewiß hundert herrliche Gelegenheiten Sie war nicht umsonst die Stadt der Studenten und Pensionisten, der Ruhe¬ suchenden und idealistischen Träumer. Alle Formen, alle Linien ihrer Land¬ schaft schlossen das Harte, das derbe aus und schoben es so weit von sich, daß auch die steirischen Schroffen und Schründe in der Ferne zu zartem Blau verschwim¬ mend, gleißend in der Sonne, nur mehr schienen wie eine Mauer aus Opal und Edelsteinen um den breiten Märchen¬ garten. Täglich stieg Lukrezia mit Michl au den Schloßberg, abseits von den vielbe¬ gangenen Wegen wie ein junges Braut¬ paar ziehend und dort ergötzten sie sich am ersten Frühling, der die rosafarbener Mandelbäume, weißen Kirschenblüten brennend gelben Crokus, keuschen Mäd¬ chen gleich in das silbergraue erste Grür hineingesetzt. Dort ruhten sie irgendwo im Sonnenglaste, bis von unten alle Glocken riefen und die schwere Türken¬ glocke mit den tiefen, breiten Schlägen Mittagszeit verkündete. Eines Nachmittags hatte sich Lukrezia auf die weiche Bank in ihrem Zimmer hingestreckt, um nach einem ungewöhnlick weiten Worgenausflug ein Stündchen zu ruhen. Schlafen wollte sie nicht, daher bat sie Michl, mit einem Stuhle in ihre Nähe zu rücken und zu plaudern Wider ihren Willen kam aber doch der Schlummer über sie und Mich machte sich dann leise in die nahe Fensternische, wo er Lukrezias Schlum¬ mern abwarten wollte. Sein Blick strich von dort über einen belebten Platz weg, nach der anderen Stadtseite mit dem Schloßberg. So saß er ohne jede persönliche Beziehung, rein nur die landschaftliche Schönheit still genießend, ruhig wie vor einem Bilde. Am Himmel hatten sich seit Mittag weiße Wolken eingestellt, und nun zeigte der Grazer Himmel, daß er auch anders als immerfort lachen könne. Das Gebirge war ja nicht so weit und der Lenz der Berge war gewiß ein ganz anderer Bursche, als sein Brüderlein hier in der sonnigen Ebene. Der dort oben fegte wahrscheinlich schon seit Wochen mit seinen groben Holzhackerfäusten die Halden und Matten, daß es donnerte und krachte wie zum Weltend. Wahr¬ scheinlich rissen jetzt seine starken Hände einen winteralten, blaugrauen Himmel in Stücke; denn ganze Blöcke schweren Ge¬ wölks tauchten im Westen auf, türmten sich übereinander und schoben sich schon in den halben Himmel herein. Michl hatte dies Schauspiel eine gute Weile betrachtet, dann blickte er nach seiner Frau. Die schlief aber noch — immer. Eine Art Langeweile kam über ihn. Etliche Bücher lagen da am Tische, aber die freuten ihn nicht. Da kam ihm der Gedanke, beim Hausmeister nachzufragen, ob nicht Briefschaften oder Zeitungen für sie eingelangt wären. Michl wußte nicht, daß Lukrezia seit einiger Zeit vorsichtig alle Briefschaften prüfte, ehe er sie bekam. Sorglich hatte sie hiebei nach jeder Nachricht über die gefürchtete Glockenabnahme in Dingstadt gefahndet und wenn sie solche traf, zu¬ rückbehalten. Auch der Hausmeister war verständigt. Aber der Zufall wollte es daß Michl gerade vor des Hausmeisters Stube trat, als der Diener des Gasthofes mit den Briefschaften der Gäste vom Postamte zurückkehrte. Michl erkannte sofort in dessen Hän¬ den die für ihn gesandte Zeitung und bekam sie auch ausgefolgt. Nun begab er sich wieder zurück. Noch schlief Lukrezia. Still setzte er sich in die Nische und begann sein Blatt zu lesen, plötzlich wurde er kreidebleich, ließ die Zeitung sinken und nach einer Weile sank ihm der Kopf unter leisem Schluch¬ zen in die Hände. Da stand es schwarz auf weiß; zu Dingstadt nahmen sie heute, gerade um die jetzige Zeit, die Kaiserglocke ab.

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