Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1924

42 nun möglichst anzubequemen, gelang dem armen Willbrandt trotz des besten Be¬ mühens auch gar nicht und die natürliche Folge davon war, daß während der letzten Monate die Ausgaben beständig die Einnahmen überschritten, ein Stand der Dinge, der nur zu einem Resultat einem unvermeidlichen Bankrott führen mußte. Endlich jedoch schien dem fast ver¬ zweifelten Direktor das Glück lächeln zu wollen. Ein neues und wirklich recht be¬ deutendes Drama von lokalem Interesse, von einem in Northopolis residierenden Autor verfaßt, wurde ihm zur Prüfung vorgelegt. Willbrandt fand sofort großen Gefallen daran, akzeptierte das Stück und ließ es einstudieren. Die Lokalblätter prophezeiten einen un¬ erhörten Erfolg und der Ruf des neuen Werkes drang sogar bis in die Residenz wo der Autor bereits rühmlich be¬ kannt war — und erweckte das Interesse der leidenschaftlichen Theaterfreunde. So dürfte man mit vollem Rechte für die erste Auffuhrung ein überfülltes Haus erwarten. Aber, o über die Unbeständig¬ keit menschlicher Hoffnungen und die Treulosigkeit Fortunas! Am Tage vor der großen Vorstellung erschien Fräulein Hasting, die erste Schauspielerin, mit einem entzündeten und fast bis zur Un¬ kenntlichkeit geschwollenen Gesichte in die Probe und erklärte sich außerstande, in der ihr zugeteilten Rolle aufzutreten. Eine furchtbare Bestürzung folgte dieser Ankündigung. In wirrem Durch¬ einander erschollen kreischende Stimmen in der matt erleuchteten Region hinter den Lampen und die Gaslampen im Zu¬ schauerraum schienen in dem Getöse zu zittern und zu schwanken. Und als der Direktor den unvermeidlichen Ausspruch tat, daß das Stück nicht gespielt werden könne, da fiel Fräulein Sommerset, das Kammerkätzchen, das sich mit ewigem Ruhm zu bedecken gedacht hatte, in hef¬ tigen Krämpfen zu Boden; Frau Har¬ man, die komische Alte, schrie laut auf vor bitterer Enttäuschung; Johnson, der Bösewicht, durchmaß mit langen Schrit¬ ten und tiefem Baßgebrumme den en¬ gen Raum, während der arme alte Will¬ brandt vor Verzweiflung sich fast die Haare ausraufte. Nur ich allein, ich, Frank Mehringer, der jugendliche Tragöde, schwieg stille, ob¬ schon gerade mich der Schlag vielleicht, am härtesten traf. Meine Rolle war eine der dankbarsten und ich arbeitete schon eit Jahren hart und unermüdet auf dem Lande, in der steten Hoffnung auf einen gelegentlichen Erfolg in der Haupt¬ stadt. Und nun wurde mir im letzten Augenblick, wo die heiß ersehnte Chance sich mir endlich zu bieten schien, der Becher gerade von den Lippen wegge¬ nommen! Es war fast mehr, als ich er¬ tragen konnte und ich fühlte mich an¬ fangs förmlich betäubt und überwältigt vor Schrecken. Erst nachdem die erste Erregung sich etwas gelegt hatte und meine Kollegen fast sämtlich weggegangen waren, hatte ich die oben erwähnte Unterredung mit Direktor Willbrandt. Müde tastete ich mich dann die dunkle Treppe hinunter und wandelte wie im Traume meiner Wohnung zu, um Jenny meinem geliebten jungen Weibchen, die betrübende Nachricht mitzuteilen. Das arme Kind! Auch für sie mußte dieser Umschlag eine schreckliche Enttäuschung sein, denn auch sie hatte Tag und Nacht von meinem Erfolge in der Hauptstadt geträumt und sich reizenden Visionen, von einem Wagen zu Spazierfahrten im Park, einer Villa in der Umgebung und endlosen Mengen von Hüten und Kleidern, hingegeben, von dem Augen¬ blicke an, da es bekannt wurde, daß große Unternehmer nach Northopolis kommen und Gelegenheit haben würden, Zeuge meines außergewöhnlichen Ta¬ lentes zu sein. Arme Jenny! Für sie war ich zum wenigsten ein Kemble oder Kean; und wie auch die Welt dereinst meine Fähig¬ keiten beurteilen mochte, Jennys zärt¬ liche und unbegrenzte Bewunderung war unaussprechlich süß für mich Als ich unser trauliches Wohnzimmer

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