Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1918

168 ehemaligen kleinen Vorstadtbuchhalter er¬ kannt. Zu gewaltig stachen der tadel¬ lose Anzug, die schneeweiße Wäsche, der feine Stadtpelz, der spiegelblanke Zylin¬ der, die dunkelbraunen Glacés und der Stock mit silbernem Griffe von jenen armseligen, abgetragenen Fetzen ab, die den ehemaligen Adolf Weinbrenner um¬ hüllten. Das der große Glücksfall während des ersten Kriegsjahres eintrat rechnete Adolf Weinbrenner dem Schicksal als besondere Gnade an, denn gerade um diese Zeit war es besonders angenehm, mit dem Gelde nicht knausern und ängst¬ lich rechnen zu müssen. Also war Adolf Weinbrenner ein hochzufriedener Mann; er ertrug mit Gleichmut alles das, was die große Zeit weniger Angenehmes mit sich brachte, gewöhnte sich an die Brotkarten und fleischlosen Tage, sah zwar ungern aber ohne Klagen zuerst das Obers, dann die Milch aus dem Kaffee verschwinden und muckste erst ein wenig auf, als es ihm chwer, fast unmöglich wurde, sein täg¬ liches Quantum Zigaretten zu bekommen. Als es dann plötzlich keine Memphis und keine Aegyptischen mehr gab und in der Millionenstadt eher ein Hottentotten¬ urgroßvater als eine einzige Zigarette aufzutreiben war, da zeigte Adolf Wein¬ brenners Gesicht einen ganz melan¬ cholischen Ausdruck, und alle paar Se¬ kunden tat er einen tiefen Atemzug, als ob er den köstlichen Rauch einer Aegyp¬ tischen in die Lunge zöge. Dabei ver¬ wandte er seine Zeit, die ihm nun ohne Beschränkung zur Verfügung stand, um bald in diesem, bald in jenem Bezirke die Trafiken abzuwandern, in der stillen Hoffnung und Erwartung, irgendwo und irgendwann doch eine Papyrus zu er¬ gattern. An einem Februarnachmittag stellte Herr Adolf Weinbrenner, der am geöff¬ neten Fenster seines Zimmers stand, mit Vergnügen fest, daß ein überaus ange¬ nehmes Wetter herrsche; er beschloß daher, diesen Nachmittag abermals zu benützen, um in einem von ihm noch nicht nach Zigaretten abgegrasten Bezirke sein Glück zu versuchen. Bald hatte er sich in die tadellose Eleganz gekleidet, die erst den richtigen Menschen macht, dann fuhr er mit der Elektrischen bis an die Grenze des ziemlich entfernten Bezirkes und be¬ gann hierauf seinen Spaziergang von Trafik zu Trafik, mit tausend Erwar¬ tungen, die um fünf Uhr abends bis auf eine und zwei Minuten später alle in eitel Nichts zerstoben waren. „Bedaure sehr, Herr Doktor! Herr Baron! Herr Graf!“ Adolf Weinbrenner war von diesem vergeblichen Herumrennen müde und hungrig geworden; zu seinem Stamm¬ café war es zu weit, also betrat er ein in diesem Bezirke gelegenes, großes und bekanntes Café, in dem er aber noch nie gewesen war. Das geräumige Lokal war um diese Stunde leer. Im Hintergrunde, in der Nähe des Büfetts, lehnten an verschiedenen Tischen und Stühlen die befrackten, dienstbaren Gei¬ ster und gähnten sich gegenseitig etwas vor. Der Ober, hielt eine illustrierte Zeitung in der Hand und blätterte ge¬ langweilt darinnen. Er warf einen flüch¬ tigen Blick über das Blatt weg auf den Gast, stutzte einen Augenblick, sah sich rasch noch ein Bild der Zeitschrift an und war in der nächsten Sekunde ein ganz anderer Mensch. Seinen Kollegen flüsterte er rasch einige Worte zu, die auch diese elektrisierten und ihnen alle Schläfrigkeit nahmen; dann stürzte sich die ganze Schar auf den einzelnen Gast. Halfen ihm Mantel, Hut und Stock ab¬ legen, rückten ihm einen Stuhl an einem der Marmortischchen zurecht und warteten dann voll gespannter Dienstbereitschaft einige Schritte hinter dem Ober, der sich nach den Wünschen Sr. Erzellenz er¬ kundigte. Adolf Weinbrenner horchte auf, als ihn der Ober Exzellenz nannte, sprach dann aber: „Kaffee gibt's ja doch keinen, das heißt ich meine Melange; also dann vorerst ein Pils“.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2