Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1903

Gewiß, Herr Ritter“ erwiderte der Abt, der unwillkürlich einige Schritte vor dem Losensteiner zurückgewichen war und denselben forschend ansah, denn er traute dessen Worten nicht und ver¬ muthete der Ritter sei ganz anderer, für das Kloster wieder recht kostspieliger Dinge halber gekommen, „auch der Hum¬ pen mehr, so Ihr es verlangt!“ „Gottes Blitz! Wenn ich es ver¬ lange!“ Und der Losensteiner stieß das Schwert auf die Fließen des Saales, daß es dröhnte, und schlug eine gellende Lache auf. „Natürlich verlange ich es und auch etwas Rechtschaffenes zum Zu¬ beißen! Wie ich sehe, ist die Tafel reich genug gewesen, daß für einen einfachen Rittersmann noch etwas übrig sein kann!“ Und der Ritter setzte sich bei diesen Worten ohne weiteres auf den reich¬ geschnitzten Stuhl des Abtes und langte nach einem Glase, während der Abt die eben eingetretene Gemalin des rauhen Gastes artig bewillkommte und sie ehrer¬ bietig zu einem Sitze an der rasch von den Mönchen wieder hergerichteten Tafel neben ihren Gatten geleitete. Schon brachte auch ein Laienbruder in einem silbernen Krug Wein, der Abt ergriff selbst einen Pokal, füllte ihn und stellte ihn der Edelfrau vor, während der Prior dasselbe für den Losen¬ steiner that „Heissa“, rief dieser, den Pokal er¬ greifend und wohlgefällig das fein darauf geätzte Wappen des Klosters mit dem Zeige¬ finger der linken Hand betastend,„Herr Abt, Ihr habt Geschirr, wie an der Tafel des Herzogs! Wenn ich nicht ein Ritter wär, möcht' ich wohl Abt von Garsten sein! Na, ich bring' Euch's!“ Der Abt stieß mit dem Ritter an und tippte höflich an den Rand des Pokales der Edelfrau, die mit einem entschuldigen¬ den Blick und leichter Kopfbewegung nach ihrem Gatten dabei sagte: „Nichts für ungut, hochwürdigster Herr, mein Ehegemal ist etwas ausgelassen heute „Was, ausgelassen!“ rief der Ritter seinen auf einen Zug geleerten Pokal heftig auf die Tischplatte stellend, „bin guter 99 Dinge, da ich fein zu essen und noch besser zu trinken hoffe! Heda!“ rief er dem Laien¬ bruder zu, der eben Speisen hereinbrachte, „beeile Dich, mein Freund, denn ich habe erschrecklichen Hunger! Der Laienbruder stellte mit erschreckter Miene die Schüsseln auf den Tisch und der Abt wollte selbst von den Speisen dem bösen Gaste vorlegen, allein dieser hatte dieselben betrachtet und schob sie ungestüm zurück „Was“, rief er mit wüthendem Blicke erst auf die Speisen, dann auf die Mönche welche entsetzt dem rohen Benehmen des Ritters zugesehen hatten, „kalte Speisen an einem Festtage wie Maria Geburt und noch dazu in Garsten, dem reichsten Kloster im Land? Blitz und Hagel, Herr Abt, wollt Ihr mich beleidigen? „Verzeiht, edler Herr“, wagte es der Prior hier zu sagen, noch ehe der Abt eine passende Antwort gefunden hatte, „es ist schon lange nach dem Essen und Zeit zur Vesper — wir saßen eben heute länger bei der Tafel als gewöhnlich, es kann daher nichts Warmes mehr da sein. „Oho, rief der Ritter, durch diesc Worte gereizt, und die Zornesader schwoll ihm gar mächtig an auf der hohen, viel Muth, aber auch viel Eigensinn zeigenden Stirn, „in Garsten brät und backt man an solchen Tagen die ganze Zeit, so ließ ich mir sagen— her mit warmem Braten und frischem Kuchen! „Herr Ritter, Ihr kommt unangesagt und spät“ meinte sanft der Abt und mit großer Würde, „hätten wir geahnt, daß Ihr kommt, solltet Ihr wahrlich nicht zu klagen gehabt haben — wollt Ihr Euch ein wenig gedulden, lasse ich frisch ein Mahl für Euch bereiten, so Ihr aber nicht Zeit haben solltet, langt hier zu und ent¬ schuldigt uns fürdiesesmal wirsind unschuldig an EuremZorne!“ „Was, warten! ich hab nicht Zeit und will nach Steyr weiter“, schrie der Ritter erboßt und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es klirrte „warmen Braten und frischen Kuchen will ich und — das allsogleich habt mich doch ver¬ standen, Herr Abt, he?“ 74

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