Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1903

100 „Aber, Hartneid“, wollte die Edelfrau ihren polternden und mit dem Fuße stam¬ pfenden Gatten wehren und legte die Hand auf seinen Arm. „Schweig“, herrschte der Losensteiner seine Gattin an und trank abermals den oll mächtigen Pokal bis zur Neige, „was ich das Zieren seitens des Abtes? Wenn zu auch manch Hühnchen mit dem Kloster pflücken habe, bin ich nicht Gast hier und ein edler Gast? Und hab' ich nicht das Recht, hier gastlich bewirthet zu werden?“ „Gewiß, aber ich als Hausfrau kann es würdigen, was es heißt, wenn Gäste nach dem Essen kommen — der hoch¬ würdigste Herr wird Dir die Tafel aufs Neue decken lassen — wir wollen uns nur ein Stündchen gedulden, lieber Hartneid“ erwiederte die Edelfrau und legte be¬ ruhigend die Hand auf die Schulter des Gatten, „Du siehst es ja wohl selbst ein daß es nicht anders ist Diese mit echter Frauenwürde ge¬ sprochenen Worte seiner Gattin bewirkten beim Losensteiner aber einen förmlichen Wuthausbruch. Er sprang ungestüm von einem Sitze auf, der dabei zur Erde polterte und schrie aus voller Kehle, die Fäuste drohend gegen die entsetzten Mönche streckend: „Nichts sehe ich ein! Gar nichts sehe ich ein, als daß ich in Eurem Kloster nicht gern gesehen bin und daß man mir kalte Speisen vorstellt, damit ich das Wieder¬ kommen vergesse! Aber Ihr habt falsch gerechnet, Herr Abt, grundfalsch! Gottes Blitz! Ich will Euch den Braten wärmen und dieses kalte Mittagmahl heiß machen, so heiß, daß Ihr Euch die Mäuler dran verbrennen sollt! Komm!“ Und er nahm seine überraschte Ge¬ malin so fest an der Hand, daß sie chmerzlich die Miene verzog, und eilte mit ihr rasch aus dem Saale. Starr vor Auf¬ regung und entsetzt über das rohe Be¬ nehmen des Ritters standen Abt und Mönche da und sahen ahnungsschwer dem Enteilenden nach. Aber schon in den nächsten Augenblicken scholl des Losensteiners heiseres Fluchen vom Klosterhof herauf durch die weitgeöffneten Fenster in den Saal herein, und die an die Fenster treten¬ den Mönche sahen eben noch, wie der Losensteiner seiner Gemalin auf den reich beschirrten Zelter half, und hörten die edle Frau noch ihren Gatten zagend fragen: „Wohin willst Du jetzt, Hartneid? „Das Mittagmahl will ich mir wär¬ men, schrie der Losensteiner, schon im Aufsitzen begriffen, erboßt und sandte wüthende Blicke hinauf zu den in stummer Ergebenheit in den Hof herabsehenden Mönchen, „Gottes Zorn über dieses geizige Garsten! Hollah! Gute Mahlzeit, Herr Abt!“ Und er winkte noch höhnisch mit der Hand hinauf dem Kirchenfürsten zu, der mild herabsah auf dies tobende und wuth¬ schnaubende, in seinem Zorne nicht zu bändigende, hochfahrende Menschenkind, gab seinem Renner die spitzen Dorne in die Flanken, daß sich das edle Thier hoch aufbäumte und jagte aus dem Kloster, gefolgt von seiner entsetzten Gattin und den halbtrunkenen und lärmenden Knappen und Knechten. „Um Gotteswillen, was wird der Un¬ 7 hold thun?; frug händeringend der Prior, der neben dem Abt stand und wie dieser dem abziehenden Reitertrupp besorgt nachsah. „Irgend etwas Böses, natürlich“, gab Abt Nikolaus mit wehmüthigem Ernst zur Antwort. „Ich kenne den Losensteiner es ist ein gar gewalthätiger Herr Gott schütze uns vor seiner Bosheit! II. Die ehrwürdigen Klosterbewohner sollten bald darüber im Klaren sein, was der Ritter von Losenstein im Sinne hatte. Als derselbe das Kloster verlassen hatte, andte die scheidende Sonne eben ihre letzten Strahlen in das reizende Ennsthal und hüllte es, wie um dessen Schönheiten vor dem Erbleichen noch einmal so recht den Menschenkindern zu veranschaulichen, in eine Fluth von blendendem Licht. Ruhig floß die Enns dahin, nur leise murmelnd und glucksend wenn ein Wellchen in keckem Uebermuth sich an einem Steinchen brach, und sich wohl dabei erzählend, wie fried¬

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