Ratsprotokoll vom 9. September 1916

Regierung das dringendste Ersuchen, die Wahrheit und den Ernst der obigen Ausführungen aufs genaueste und gründlichste zu be¬ rücksichtigen. Der Gemeinderat der Stadt Steyr erfüllt einen Teil seiner verantwortungsvollen Pflicht mit diesem Hinweise. Im eigenen Wirkungskreise hat der Gemeinderat und die Gemeindevorstehung das denkbar Möglichste für eine entsprechende Versorgung der Bewohnerschaft getan. Diesem Wirken sind aber sehr enge Grenzen gezogen, die oben teilweise erwähnt wurden und die oft leider statt Förderung unheilvollen Widerständen be¬ gegneten Der Gemeinderat der Stadt Steyr ersucht besonders die k. k. Regierung, auch sie möge für eine geregelte und für eine eordnete Verpflegung der Stadt Steyr und ihrer Bewohner schaft mitwirken, der Durchführung einer solchen keine Schwierig keiten bereiten und alles veranlassen, was eine solche gleichmäßige Regelung fördert, die im Interesse des Staates und der Armee ebenso liegt, wie in jenem der Bevölkerung der Stadt Steyr. Uleber die Verpflegsfragen der Stadt berichtet der Vor¬ sitzende folgendes: Die Kartoffelversorgung begegnet großen Schwierigkeiten. Rechtzeitig wurde eine Anzahl von Waggons bei der Budapster Kartoffelzentrale bestellt und wurden auch einige hievon geliefert Gleich darnach kam die Nachricht, daß die Kartossel nicht mehr durch Budapest, sondern nunmehr durch die Kartoffelabteilung der Zentraleinkaufsstelle in Wien zu beziehen seien. Auf eine so¬ fortige telephonische Anfrage kam die sehr unangenehme Mit¬ eilung, daß wegen Sperrung der ungarischen Eisenbahnlinien is auf weiteres keine Kartoffel geliefert werden können, daß je¬ doch sofort nach Freigabe Kartoffel nach Steyr kommen würden. Zufälligerweise gelangte aber doch noch ein Waggon aus der Budapester Bestellung hieher, so daß wenigstens einige tausend Kilo abgegeben werden konnten. In den letzten Tagen sind dam noch weitere drei Waggons eingetroffen und wurden an die Be völkerung verkauft. Dies ist aber natürlich noch immer viel zu wenig, ich werde daher fortgesetzt dahin arbeiten, daß wir so ald wie möglich eine größere Menge dieses wichtigen Nahrungs¬ mittels erhalten. Die Rindfleischzufuhr hat sich in letzter Zeit durch die iegelung gebessert und ist es nun das Bestreben der Stadt¬ gemeinde, auch eine Regelung in der Anlieferung von Kälbern durchzusetzen Besser wurde auch die Beschickung der städtischen Verkaufs¬ telle mit Butter und Eiern, wodurch ermöglicht wurde, daß an den letzten Verkaufstagen rund je 3000 Parteien mit Bulter und Eiern beteilt werden konnten Der Seefischbezug ist seit einigen Wochen wieder einge führt und wird die Ware teils an Gastwirte, teils an die Be¬ ölkerung unmittelbar abgegeben Durch die Zeutraleinkaufsgenossenschaft wurden 5000 kg Holländerläse beschafft, die an die Kaufmannschaft, an den Waffenfabriksarbeiter=Konsumverein und an die Kriegs=Konsu¬ nentenvereinigung abgegeben wurden. Die Bestellungen werden ortgesetzt werden, da die Ware sehr gut war. Ebenso gelang es, kleinere Mengen von Schweinesett und Schweinespeck zu beschaffen und zur Verteilung zu bringen, des¬ gleichen Pflanzenfett, sowie Hirse und Erbsen. Die im Vorjahre gekaufte rumänische Gerste, die der Gegen¬ land so vieler Sorge war, ist endlich angekommen und wurde teils von der Kriegsgetreideverkehrsanstalt abgelöst, teils wird sie in Form von Gerstenkaffee der hiesigen Bevölkerung abgegeben, so daß weder die Stadtgemeinde noch auch jene Geschäftsleute die seinerzeit Geld zur Bestellung aufwendeten, Schaden erleiden ein mit Rücksicht auf den mittlerweile mit Rumänien ausge¬ brochenen Krieg außerordentlicher glücklicher Abschluß dieser leidigen Angelegenheit Um für den Winter vorzusorgen wird im Keller des Real¬ schulgebäudes eine Einlegegelegenheit für eine halbe Million Eier durch Errichtung von Betonbotlichen geschaffen. Im Lagerraume n der Jägerkaserne befinden sich bereits 120.000 Stück, so das rund 600.000 Stück hier eingelegt werden können. Die Stadt¬ emeindevorstehung wird sich noch um weitere Einlegungsmög ichkeiten bekümmern, damit wir möglichst gut versorgt in die eierarme Zeit eintreten die Versorgung mit Wild, wie sie im Plane der Statt¬ halterei gelegen war und die uns rund 42.000 kg Wildfleisch ebracht hätte, ist leider aus Rücksichtnahme auf Wien seitens des Ministerium des Innern aufgehoben worden. Es besteht demnach die Gefahr des Einkaufens der Wiener Händler und der Entleerung der hiesigen Märkte leider weiter Maßnahmen zur Verbesserung der Milchversorgung Steyrs beschäftigen mich schon seit längerer Zeit Es gelang, die Zusage der Anlieferung von Milch aus den Gemeinden Kronstorf, Hargelsberg und Lorch des politischen Be¬ irkes Linz=Land zu erhalten, die bisher an Linz lieferten, wo¬ hingegen die dadurch Linz entzogene Menge von 1400 Liter täglich durch Lieferung aus dem Bezirke Grieskirchen gedeckt verden sollte. Leider haben sich der Grieskirchener Lieferung un¬ geahnte Schwierigkeiten in den Weg gestellt, so daß an die Liefe rung aus Ried geschritten werden muß. Zu dieser Lieferung müssen jedoch die entsprechenden Milchkannen beigestellt werden deren Beschaffung dermalen außerordentlich schwierig ist. Erst etzt ist es gelungen, eine genügende Menge aufzutreeben, deren Eintreffen im Laufe der nächsten Woche erwartet wird, so daß unmehr das baldige Eintreffen von täglich 2000 Liter Milch in icherer Aussicht steht. Diese Milch wird an die notleidenden Par¬ eien in sechs bestimmten Verkaufsstellen gegen Milchkarten ab¬ gegeben werden, wodurch der Mangel an Milch bedeutend ge¬ mildert werden wird. Wie die Herren wissen, wird in Steyr eine große Auto¬ mobilfabrik errichtet. Die Baukommission hat vor acht Tagen stattgefunden und wird der Bau bald in Angriff genommen werden. Es wurden bereits Verhandlungen eingeleitet, um einen urch das Hieherkommen mehrerer tausend Menschen drohenden Lebensmittelmangel vorzubeugen. Zweifellos ist jedoch die Er¬ ichtung dieser mächtigen Anlage nur zu begrüßen, da zu er¬ varten steht, daß sie durch ihren ruhigen Geschäftsgang einen Ausgleich des ewig schwankenden Geschäftsganges der Waffen¬ fabrik bilden wird In den nächsten Tagen werden wir endlich in der glück¬ ichen Lage sein, das neue Krankenhaus zu eröffnen Herr Statt ilterei=Vizepräsident Graf Thun und Bischof Dr. Gföllner haben hr Erscheinen bereits zugesagt, ebenso hoffe ich, das Landes¬ hauptmann Hauser, mit welchem ich diesbezüglich noch nicht Fühlung nehmen konnte, an der Feier teilnehmen wird Die zur Vornahme der Eröffnung notwendigen Anträge werden Ihnen seitens der Referenten des Spitalbaukomitees ind der II. Sektion erstattet werden. Diese Mitteilungen werden vom Gemeinderate zur Kenntnis jenommen. Darauf erteilt der Vorsitzende dem Referenten des Spital baukomitees, Herrn Vizebürgermeister Gründler, das Wort zum unkte: Bericht und Antrag des Spitalbaukomitees wegen Eröffnung des neuen Krankenhauses. Der Herr Referent führt aus: „Löblicher Gemeinderat! Der Bau des neuen Spitales ist nunmehr fertiggestellt nd in wenigen Tagen werden sich die Tore dieses Hauses öffnen, um die armen Kranken aufzunehmen, welche dort Linderung und Heilung ihrer Schmerzen, Wiedererlangung ihrer Gesundheit und vollständige Genesung suchen und, so Gott will, auch finden verden. Ein großes Werk, errichtet auf der Grundfeste, die unser unvergeßlicher, hochherziger Mitbürger und Menschenfreund Johann Haratzmüller gelegt, und ausgebaut durch die Opferfreudigkeit und den Wohltätigkeitssinn der Bevölkerung inserer Stadt und vieler Freunde und Gönner, ist nunmehr vollendet und mit Freude und Befriedigung wird allseits die Fröffnung des neuen Krankenhauses begrüßt werden, ist ja da¬ urch einem wirklich dringenden Bedürfnisse unserer Stadt ab¬ eholfen und dem schon lange berechtigten Wunsche der Bevöl¬ kerung nach einem den modernen Anforderungen entsprechenden Spitale Rechnung getragen Es wäre gewiß sehr interessant, einen Rückblick auf die Vorgeschichte und die ganze Entwicklung des Krankenhausbaues zu verfen, doch würde dies zu weit führen, es ist heute nur meine Aufgabe, Bericht zu erstatten über die finanzielle Durchführung des ganzen Baues. Selbstverständlich kann bei diesen Ausfüh¬ rungen nicht in Details eingegangen werden, ich werde mir aher erlauben, meinen Bericht in Kürze und in zusammen¬ fassenden Ziffern zum Vortrage zu bringen. Ich bemerke hiezu, daß mir die nötigen Daten teilweise von der Rechnungskanzlei er Stadtgemeinde zur Verfügung gestellt wurden und daß ich veiteres Ziffernmaterial aus der Zusammenstellung des Herrn lrchitekten Schimitzek entnommen habe. Diese Zusammen¬ stellung schließt jedoch nicht mit vollkommen endgiltigen Zahlen weil noch mehrere Geschäftsleute ihre Rechnungen nicht gelegt haben und einige Unterhandlungen zwischen Lieferanten und der Bauleitung noch nicht vollkommen abgeschlossen sind. Es muß ten daher für diese Posten schätzungsweise Werte eingesetzt werden, welche jedoch an dem finanziellen Gesamtresultate keine nennens¬ verte Aenderung ergeben, und es kann mit ziemlicher Sicher heit angenommen werden, daß die Ausgaben für das neue Kranken¬ aus, die ich nunmehr bekanntgeben werde, auf keinen Fall überschritten werden. Sie wissen, meine sehr geehrten Herren, daß der Wunsch und das Bedürfnis nach einem neuen Spital fast zwei Jahr¬ ehnte zurückgreift und daß die Räumlichkeiten und Einrichtungen es alten Spitales schon lange nicht mehr den Verhältnissen und modernen Anforderungen genügten. In der Sitzung vom 26. Jänner 1900 unter Bürgermeister Johann Redl wurde das rste Mal die finanzielle Frage des Baues eines neuen Kranken¬ auses berührt und der Betrag von K 9407·34 aus dem der Stadtgemeinde Steyr zugefallenen Vermögen der Therese, be¬ iehungsweise Franz Praschek'schen Verlassenschaft zur Schaffung eines Fondes zum Baue eines neuen Spitales bewilligt. Eine Spende der Frau Hermine Groß im gleichen Jahre pr. K 400.- owie die abreifenden Zinsen des Kapitales ergaben mit Ende 900 eine Höhe des Spitalbaufondes von K 10.202·13 Beim Amtsantritte des Bürgermeisters Viktor Stigler im Jahre 1902 war der Spitalbaufond auf K 11.279·86 ange¬ wachsen. Es ist ja selbstverständlich, daß ein Unternehmen, welches einahe eine Million Kronen erfordert, nicht allein aus Gemeinde mitteln bestritten werden konnte, es mußte an den bewährten Wohltätigkeitssinn der Bevölkerung appelliert werden und zur Ehre unserer Stadt sei es gesagt, daß der Ruf, der an die Oeffent¬ lichkeit ergangen, in allen Schichten und Kreisen der Bevölkerung reundliche Aufnahme gefunden hat, und nur wenige Städte in 3

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