Ratsprotokoll vom 9. September 1916

2 G.=R. Oberleutnant Anton Sighart dankt für die ihm anläßlich seiner Allerhöchsten Auszeichnung vom Gemeinderate telegraphisch übermittelten Glückwünsche Stadtbuchhalter Jandaurek dankt für die ihm vom Ge meinderate verliehene Krankheitsgeldaushilfe. Werkzeugschlosser Matthäus Lambrecht in Steyr dankt für die taxfreie Verleihung des Bürgerrechtes; der Handlungs¬ gehilfe Franz Bruha dankt für die ihm zuerkannte Unter stützung aus der Gremialkrankenkassastiftung, Für den vom Gemeinderate der Stadt Steyr gespendeter Betrag von 200 K zur Aktion für den Wiederaufbau der Stadt Ortelsburg danken Exzellenz Bürgermeister Dr. Weiskirchner und der Bund der deutschen Städte Oesterreichs in Wien. Der Unterstützungsverein deutscher Hochschüler aus Ober¬ österreich in Wien dankt für die Subvention pro Studienjahr 1915.1916 Die Zweigstelle Linz der Kriegsgetreideverkehrsanstalt, velcher eine Kopie der vom Gemeinderate der Stadt Steyr im Juli d. J. beschlossenen und an die einzelnen Ministerien ge¬ ichtete Petition hinsichtlich der Verbesserung der Approvisio¬ nierungsverhältnisse der Stadt Steyr übermittelt worden ist, dankt für die Uebersendung der Kopie und spricht ihr Bedauern darüber aus, in ihrem Wirkungskreise nicht mehr Gelegenheit u haben, die berechtigten Ansprüche der Stadt Steyr unter¬ tützen zu können; die Zweigstelle werde es aber selbstverständ¬ ich jederzeit als ihre Pflicht erachten, alles, was in ihren Kräften steht, zur Unterstützung der Forderungen der Stadt Steyr zu tun. Darauf erstattet der Herr Vorsitzende folgenden Bericht: Ich erlaube mir zu berichten, daß ich zusammen mit Ab¬ eordneten und Gemeinderat Prosessor Erb wiederholt in Wien var, um in städtischen Angelegenheiten bei verschiedenen Re ierungsstellen vorzusprechen. Die erste Reise wurde zwecks Vorstellungen in Versor gungsangelegenheiten unternommen und wurde in erster Linie das Ackerbauministerium besucht. Sr. Exzellenz dem Herrn Ackerbauminister wurde die Schwierigkeit der Versorgung mit Fleisch, Milch und Butter dargelegt und ersucht, die umliegen¬ den Bezirke tunlichst von Ablieferungen zu befreien, da die Ver¬ sorgung Steyrs insbesondere mit Rücksicht auf die Bedeutung der heimischen Industrien für den Staat außerordentlich wichtig ei. Se. Exzellenz nahm die Vorstellungen freundlich entgegen und versicherte, daß er dafür Sorge tragen werde, damit die angrenzenden Teile Oberösterreichs von Ablieferungen tunlichst verschont bleiben und insbesondere kein weiteres Schlagen von Milchkühen in den Bezirken Steyr=Land und Kirchdorf erfolge. In derselben Richtung bewegten sich Vorstellungen und Auskunst eim Besuche des Sektionschefs Ertl. Ein weiterer Besuch galt Sr. Exzellenz dem Herrn Feldmarschalleutnant Kis de Nagy Sitke, der auf die Bitte, er möge die Bestrebungen der Stadt Steyr, eine bessere Versorgung zu erreichen, auch im militäri¬ chen Interesse sördern, freundlich und bereitwillig eine dies¬ bezügliche Zusage gab. Hierauf begaben wir uns ins Ministerium des Innern wo wir bei Hofrat Baron Fries vorsprachen und ihm gleich¬ falls die Förderung der Versorgung Steyrs aus Herz legten Er sagte möglichste Rücksichtnahme zu und versprach eine Ver¬ fügung, nach welcher die Bewohner Steyrs im politischen Be¬ zirke Amstetten nichts mehr einkaufen dürsen, aufzuheben. Dieses Verbot ist auch bald nachher zurückgezogen worden und können nunmehr die Bewohner Steyrs selbstverständlich unter den seitens der Bezirkshauptmannschaft Amstetten eingeführten, allgemein jeltenden Beschränkungen, wieder im Amstettener Bezirke ein kaufen. Ebenso dürfen selbstredend die Landwirte dieses Bezirkes ihre Erzeugnisse nach Steyr bringen. Vor einiger Zeit waren in Steyr Gerüchte verbreitet, das iesige Kreisgericht sei in Gefahr, aufgelöst zu werden Ich fuhr dehalb mit Abgeordneten Professor Erb sofort nach Wien, wo wir von Sr. Exzellenz dem Herrn Justizminister empfangen wurden. Die hier herrschenden Gerüchte sind tat¬ sächlich nicht ohne Begründung gewesen, doch kann ich nun nach erfolgter Vorsprache die angenehme Mitteilung machen, daß die Gefahr des Wegkommens, bezw. der Auflösung des hiesiger kreisgerichtes nicht mehr besteht. In Ausführung des Gemeinderatsbeschlusses vom 21. Juli 1916 habe ich folgende Petitior an den Ministerpräsidenten, Ackerbauminister, Minister des Innern, Sektionschef Ertl, Sektionschef Keller, Hofrat Fries, Se. Exzellenz Kis de Nagy Sitke, den Landesverteidi¬ gungsminister, Kriegsminister, Se. Exzellenz Edler v. Schleyer, das k. k. Statthaltereipräsidium, Se. Exzellenz Rohn v. Her¬ nannstätten, k. k Statthalter Freiherr v. Handel, an die Kriegsgetreide = Miles, Zuckerzentrale, Wassenfabrik (General¬ direktor Schick, Generaldirektor=Stellvertreter Dr. Pollak) abgehen lassen. Die Verpflegsverhältnisse der Stadt Steyr, deren Ein¬ vohnerzahl durch den außeroidentlich gesteigerten Betrieb der Oesterr. Wassenfabrik in den letzten Jahren um 8000 Einwohner zugenommen hat, wozu noch die von der Stadt aus vielfach verpflegten auswärts wohnenden Arbeiter, Militäe, Flüchtlinge und zur Arbeit verwendete Russen kommen, sind derart ungünstige geworden, daß für den Gemeinderat der I. f. Stadt Steyr aber¬ mals die zwingende Veranlassung vorhanden ist, sich neuerdings an die k. k. Regierung um bessere Berücksichtigung der Stadt Steyc bezüglich der Verpflegung mt allem Nachdrucke zu wenden. Dabei fällt noch der nicht zu leugnende Umstand ins Ge¬ wicht, daß die deuischen Alpenländer nach jeder Richtung hin am schwersten belastet werden, was besonders auch bei den Vieh¬ anforderungen der Fall ist. Da wird Oberösterreich in einer Weise in Anspruch genommen, wie kein anderes Kronland. Am begünstigsten sind die Sudetenländer, was aus den monatlichen Viehabliefetungen, wie sie vom Ackerbaumiuisterium verlangt verden, für jedermann klar hervorgehr. Darumer leidet besonders auch die Stadt Steyr. Durch die Wegnahme von milchgebenden und =tragenden Kühe auch besserer Güte ist die Milch= uad Butterfrage für die Stadt Steyr eine geradezu unerträgliche geworden. Der beiliegende mtliche Bericht des städt. Tierarztes gibt hierüber genaue Auf¬ chlüsse, wie auch die Verhandlungen der oberösterr. Landes¬ ommission den Beweis erbringen, daß eine weitere Belastung Oberöurrreichs nicht mehr ausgehalten werden kann und zu den edenklichsten Zuständen führen muß Alle Anstreugungen der Stadt Steyr, die Bezirke Steyr¬ Land und Kirchdorf besonders zur Versorgung der Stadt Stear eranzuziehen, scheiterten immer an den Widerständen der Stad Wien und in den Ministerien, die der Ansicht zu sein scheinen, einzig und allein auf Wien Bedacht sein zu müssen, wobei ganz rrige Meinungen bestehen. Die sämtlichen statistischen Ziffern betreffend die Einfuhr nach Wien sind zur Gänze unrichtig, denn ausende und tausende von Wienern kommen wöchentlich außer en Händlern nach Oberösterreich und kaufen hier zu fabelhaften Preisen mit Widmungen von Geschenken aller Art Butter, Eier und andere Verpflegsartikel auf. Diese Ziffern, welche in die Millionen gehen, scheinen nirgends auf und werden daher in den Ministerien nicht berücksichtigt Soviel wird von den Wienern weggeschleppt, daß für die Städte Oberösterreichs fast nichts mehr übrig bleibt. Jede Klage darüber begegnet tauben Ohren. Die Verhältnisse außerhalb Wiens werden eben an zuständiger Stelle nicht erfaßt Daher kommt es auch, daß die Bevölkerung der Stadt Steyr, die über 25.000 Einwohner und mit den von ihr noch u verpflegenden Außenwohnern wit über 30.000 zu versorgende Leute zählt, bereits sehr verärgert ist, was denn doch bei der ußerordentlichen Bedeutung der Stadt Steyr für die Armee nicht übersehen werden sollte. Die Bevölkerung sieht klar, daß nan in steigendem Maße durch Wegnahme und Verteuerun; er ihr zustehenden Landesprodukte außer der Armee nur Wien berücksichtigt und die in Oberösterreich einheimische Bevölkerung nicht im mindesten schont oder berücksichtigt. So geschieht es bei en Kühen, bei der Milch, bei Butter und Eiern und anderen Verpflegsartikeln. Der Bevölkerung Oberösterreichs wird das Notwendigste ohne weitere Rücksicht genommen. lle Versuche, für die Stadt Steyr eine entsprechende dauernde Regelung zur Verpflegung endlich durchzusetzen, scheitern mmer wider an dem Widerstande der Wiener Faktoren und der Ministerien. Man vergißt dort unglaublicher Weise auf die überragende Bedeutung der Stadt Steyr für die Armee und auf die Gefahren irgend einer Stockung in den Betrieben, die hre Ursache nur in der zurücksetzenden Behandlung der Stad Sleyr und ihrer Bewohnerschaft haben würden Der Gemeinderat der Stadt Steyr muß daher seiner selbst¬ verständlichen Pflicht nachkommen und die k k. Regierung neuer¬ dings ernstlichst darauf aufmerksam machen, daß es höchste Zei ist, die Verpflegsfragen für die Stadt Steyr so zu regeln oder einer solchen Regelung doch keinen Widerstand entgegenzusetzen, die eine regelmäßige unbehinderte, wenn auch sehr be¬ cheidene Verpflegung der Bevölkerung gewährleistet. Die jetzt bestehenden Zustände des Milchmangels, der Not an Butter und Eiern, das mit Raufereien verbundene stunden¬ lange Anstellen, um obige Artikel in kleinster Menge zu erhalten sind völlig unhaltbare Zustände, die aufhören müssen, soll die esamte Lage nicht sehr bedenklich werden Die k. k. Statthalterei hatte zweckdienliche Vorschläge ge¬ macht. Diese Vorschläge scheinen wiederum keine entsprechende Wirkung gemacht zu haben, indem die alten Widerstände neuer¬ ich sich geltend machen. Das sollte nicht sein, so kommt mar nicht vorwärts und verstimmt die Bevölkerung der Stadt Steyr mmer mehr Der Gemeinderat der Stadt Steyr ersucht aber trotzdem neuerlich dringendst die verantwortlichen Faktoren der Zentral¬ egierung, vor allem im Interesse der Armee und im gesamt¬ taatlichen Interesse, dem Ersuchen des Gemeinderates der Stadt Steyr, der im Namen der gesamten Bevölkerung spricht, um durchgreifende, entsprechende dauernde Regelung der Verpfligung er Bevölkerung Steyis endlich stattzugeben, die politischen Be¬ zirke Steyr=Land und Kirchdorf zwecks der Verpflegung der Stad Steyr zuzuteilen, sowie die geographisch nach Steyr gehörenden Gerichtsbezirke Haag und St. Peter in Niederösterreich für die Verpflegung der Stadt Steyr offen zu lassen. Die ungünstige geographische Lge der Stadt Steyr, knapp an der Grenze von Niederösterreich, fünfzehn Minuten, erheisch bei einiger Ueberlegung eine besondere Rücksichtnahme. Andere Städte haben rinsum Landwirtschaften und sind durch Bahnen begünstigt, was viel leichtere Verpflegsmöglichkeiten ergibt, wie sie leider die Stadt Steyr nicht besitzt. Vor allem müßte aber auch das Schlachten der Milchkühe und der =tragendem Kühe ofort unter allen Umständen eingestellt werden Der Gemeinderat der Stadt Steye stellt im Einvernehmen mit der Leitung der Oesterr. Wassen'abrik nochmals an die k. k.

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