Ratsprotokoll vom 21. Juli 1916

in Steyr der Höchstpreis für Butter z. B. 5 K pro Kilogramm betragen hat, der Höchstpreis in Linz 6—7 K und in Wien vielleicht 10 K betrug. Sei es da zu verwundern, daß die Händler alle ihre Butter nach Wien bringen, wo sie den höchsten Gewinn beim Verkauf erzielen können? Er rege an, daß auch bezüglich Einführung von gleichen Höchstpreisen für das ganze Reich in die zu verfassende Petition ein entsprechender Passus ausgenommen werde. Was Linz anbelangt, so gebe er dem Herrn Vorredner mit seinen Ausführungen vollkommen recht. In Linz gibt es viele reiche Leute, die in Samt und Seide gehen, während in Steyr die meisten Leute schwer arbeiten müssen, die im Interesse des Staates bei voller Kraft erhalten werden müssen; schon aus diesem Grunde habe Steyr einen besonderen Anspruch auf be¬ sondere Berücksichtigung. Der Redner kommt hiebei auf die be¬ vorstehende Einführung der settlosen Tage zu sprechen und weist auf die schwierige Lage der Wirie Steyrs hin, die infolge der unzulänglichen Versorgung mit Lebensmitteln allmählich in die Zwangslage versetzt werden, die Verabreichung von Speisen über¬ haupt einzustellen. Besonders zu leiden hätten die Wirte Steyr¬ dorfs mit der Viehbeschaffung. Schließlich unterstützt Herr G.=R. Aigner den Antrag des Referenten aufs wärmste. Darauf erhält der Reserent, Herr G.=R. Prof. Erb, das Schlußwort. Er führt aus: Die Eierfrage, die jetzt schon so bedenklich sei, werde in ukunft noch schwieriger werden. Wenn man in den Zeitungen die Speisezettel der Wiener Gasthäuser für die Zeit nach dem 25. Juli ansieht, so findet man unter 5 oder 6 angegebenen Speisen mindestens 4 mit Eiern. Was soll man sich da denken? Entweder schont Wien die Eier nicht oder es hat wirklich uner¬ schöpfliche Eiervorräte. Denn wenn es keine Eier hat, so kann man doch unmöglich so viele Speisen mit Eiern in Vorschlag bringen. Was würde in Steyr die Ankündigung von aus Eiern hergestellten Speisen heißen, wenn wir nicht wissen, wo wir die Eier hernehmen sollen? Bezüglich der Höchstpreisfrage stimmt der Redner den Aus¬ ührungen des Herrn G.=R. Aigner bei und weist an einem jetzt sehr wichtigen Fleischnahrungsmittel, an Zunge, die Schädlich¬ keit verschieden hoher Höchstpreise für diesen Artikel an ver¬ schiedenen Orten nach. Ferner tadelt der Redner die ungleiche Behandlung der Junggesellen und der Familien beim Lebens¬ mittelkonsum. Während die Familie mit ihren geringen zuge¬ wiesenen Lebensmittelmengen vielfach darbt, bekommt der Jung¬ geselle, der genügend Geld hat, alles. Man bekommt Mehlspeisen, Kaffee, Zucker und Fleisch, so viel man will, ohne Karten im Gasthause! Auch diese ungleiche Behandlung wirke namentlich in den Großstädten vielfach verärgernd. Der Redner betont nochmals die Wichtigkeit der Stellung¬ nahme des Steyrer Gemeinderates zur Approvisionierungsfrage und bittet, seinen am Schlusse seiner früheren Ausführungen ge¬ stellten Antrag anzunehmen. Bei der darauf vom Vorsitzenden vorgenommenen Abstim¬ mung wird der Antrag des Herrn G.=R. Prof. Erb einstimmig angenommen. Darauf teilt der Herr Vorsitzende noch Folgendes mit: „Bekanntlich sind am letzten Donnerstag fast sämtliche Bauern aus Niederösterreich ausgeblieben, und zwar mit der Begründung, daß ihnen die Lieferung von Butter und Eiern von der Bezirkshauptmannschaft Amstetten verboten worden sei. Es ist dieses Vorkommnis auf eine irrtümliche Auslegung einer fürzlich von der k. k. Bezirkshauptmannschaft Amstetten erlassenen Verordnung zurückzuführen. Um nämlich das übermäßige Ab¬ strömen von Butter und Eiern aus dem politischen Bezirke Amstetten nach Wien zu verhüten, setzt der gegenständliche Erlaß der Bezirkshauptmannschaft Amstetten fest, daß einer Person nicht mehr als 2 kg Butter und Eter verkauft werden dürfen. Ich habe mich sofort telephonisch im Gegenstande bei der k. k. Be¬ zirkshauptmannschaft Amstetten angefragt und die Antwort er¬ alten, daß die bezügliche Anordnung der Bezirkshauptmannschaft Amstetten keineswegs darauf gerichtet ist, irgendeine Lebensmittel¬ perre gegen die Stadt Steyr zu verfügen; es bedeutet diese An¬ ordnung viel mehr nur einen Schutz für Steyr. Es wurde mir seitens der Bezirkshauplmannschaft Amstetten zugesichert, die Land¬ bevölkerung des Bezirkes entsprechend. aufzuklären. Herr G.=R. Kattner richtet an den Vorsitzenden die Anfrage, ob es nicht möglich wäre, mehrere Ausgabestellen für die Butterkarten zu errichten, damit dem unangenehmen Ge¬ dränge bei der Ausgabe dieser Karten in Hinkunft vorgebeugt werde. Der Heir Vorsitzende erwidert die Errichtung mehrerer Butterkartenausgabestellen sei deshalb gefährlich, weil eine Doppel¬ versoigung sehr leicht möglich sei. Im übrigen werde er aber trachten, dem Wunsche des Herrn G.=R. Kaitner nach Tunlich¬ keit entgegenzukommen. Da sich hierauf trotz Umfrage niemand mehr zum Worte meldet, schließt der Vorsitzende die Sitzung um 5¼ Uhr nach¬ mittags.

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