Zwanglose Blätter, Nr. 68, vom 8. November 1848

284 treffenden Gesetze wohl vor Augen, beurtheile ich offen die Schicksale des Vaterlandes, die Thaten seiner Gewal¬ tigen, und freue mich es zu können. Ich lobe, ich tadle, ich warne nach meinem geringen Ermessen und wünsche Allen, die so hoch stehen, daß sie das Volk beglücken könnten, einen fröhlichen guten Abend — wenn auch noch lange nicht aller Tage Abend gekommen ist. Ueber die Ereignisse die den Fall Wiens begleiteten, haben wir bis jetzt nur einseitige Nachrichten, nämlich die der Wienerzeitung im Belagerungszustande. Wir haben uns immer alle Mühe gegeben, unsern Lesern die That¬ sachen wahr und gerecht und ohne Entstellung zu geben, und so sind es auch dießmal zwei Ursachen, warum wir die Relationen der Wienerzeitung nicht widergeben. Die erste Ursache ist, weil sie ohnehin überall bereits sattsam bekannt sind, die zweite Ursache aber — behalten wir für uns, und wir glauben damit gegen keinen Paragraphen des provisorischen Preßgesetzes zu verstoßen. In jenen Relationen ist viel von der Tapferkeit der Truppen die Rede. Ich habe unsere Truppen immer für tapfer gehalten, und was sie in Wien geleistet haben, ist noch gar nichts — man kann die Tugend der Tapferkeit gegen ungeschulte Haufen und so mitten in Freundes¬ land nicht genug glänzen lassen. Die dauernde Be¬ hauptung Italiens und die Erdrückung der drohenden Uebermacht Rußlands durch Sicherung einer militärischen Stellung oder eines imposanten Einflusses an der untern Donau wird unserer Armee die Lorbeerkrone bringen die nie der Preis des Bruderkampfes ist. Darüber sind auch Politiker und Nichtpolitiker von entschieden schwarzgelber Färbung einig, daß die Staaten Oesterreichs doch höchstens mehr als Föderativstaaten bei¬ sammen bleiben können. Ich erlaube mir für diese künftige Bundesverfassung darauf aufmerksam zu machen, daß man die Bestimmung nicht übersehe: „Die Soldaten eines österreichischen Bundesstaates können in einen zweiten nur auf Verlangen von wenigstens Zweidrittel der Volksver¬ treter des betreffenden Staates einrücken.“ Was würde auch z. B. ein Sieg über die Bevölkerung eines deutschen Staates durch slavische Soldaten für die Dauer helfen? Soll ein solcher Sieg Vertrauen zur Regierung erzeugen? Muß er nicht vielmehr das größte Mißtrauen wachrufen? Muß er nicht die Vermuthung rege machen, der Regierung liege nichts an der Liebe des Volkes, sie will nur ge¬ fürchtet sein, nur Ruhe um jeden Preis? Erschiene nicht eine Regierung, die durch Herbeirufung fremder, verhaßter Heerführer und ihrer Schaaren der öffentlichen Meinung in's Gesicht schlägt und mit Ueberspringung der selbstge¬ stellten konstitutionellen Schranken Alles, Wohlstand und Freiheit mit Bajonneten und Kanonen vor sich nieder¬ wirft, als eine bewaffnete Parthei gegenüber dem Volke, und was darf ein Staat erwarten, in dem die Regie¬ rung und das Volk sich als Partheien gegenüberstehen? Was für eine verläßliche Stütze für eine solche Regierung wäre auf die Dauer selbst die Armee? Die Armee er¬ gänzt sich nicht selbst sie erhält sich nicht selbst. Des Volkes Wille ist die Quelle der Majestät mit allen ihren Attributen — und wenn das Volk einmal nicht mehr wollte —? — Jeder Politiker von nur einiger Bildung hat sich bei Durchlesung des unheilvollen Manifestes, dd. Olmütz den 18. Oktober, womit dem Fürsten Windischgrätz die Voll¬ macht ertheilt wird, durch jedes ihm zweckdienlich scheinende Mittel, das heißt „nach seinem eigenen Ermessen,“ ohne eine Hinweisung auf die konstitutionellen Grundsätze, das Werk des Friedens!! in „Meinem Reiche“ wie der Kaiser sagt, herzustellen, die Frage aufgeworfen: Hat denn ein konstitutioneller Monarch, der selbst nicht unum¬ schränkter Herr des Reiches ist in dem er regiert, und das er daher nicht mehr wie vor dem März sein Eigen¬ thum, sein Reich nennen kann, das Recht irgend einem Bürger dieses Reiches eine unumschränkte Vollmacht zu ertheilen? Windischgrätz ist durch jenes Manifest Diktator von Oesterreich, unumschränkter Herr unserer Person und unseres Eigenthums, er kann requiriren wie und was er will, wenn es nur nach seinem eigenen Ermessen zweckdienlich scheint, das Werk des Friedens zu befördern. Und alles dieses ist er ohne Bestimmung des Volkes, oder was eben so viel ist: des Reichstages, ja sogar gegen den ausgesprochenen Willen desselben! Der Hof hat sich in die Arme des Fürsten Windisch¬ grätz geworfen — warum wendete er sich nicht dem Volke zu? Verändert denn die hohe Geburt so alle Einsicht und Erinnerung, daß das Wohlgefallen und die Hülfe eines kleinen Häufleins Aristokraten mehr zu gelten scheint, als Millionen von Bürgern? Was soll nun diese Kamarilla machen mit ihrem Heere von Heute, das nach den Ge¬ setzen der Natur sich täglich verringert und wird man es in allen seinen Theilen, und Jeden so wie er bisher war, ergänzen können? Soll die Kamarilla Geschehenes unge¬ schehen machen? Noch steht das kaiserliche Wort — oder sollte das uns nicht mehr schützen können vor der Willkür¬ herrschaft die bei Klosterneuburg über die Donau setzte, und die von den Ueberwundenen der Märztage mit Cham¬ pagnergläsern jubelnd begrüßt worden ist? Der Fürst Windischgrätz hat eine größere Aufgabe, als er vielleicht selbst glaubt. Er hat nicht nur die angeb¬ liche Anarchie zu besiegen, er hat nicht nur die mit dem Absolutismus und der Reaktion malkontenten Deutschen in Oesterreich zu überwinden, er hat das mit Windes¬ eile vorwärtsstrebende Flügelroß der Zeit bestiegen, um es zu zähmen, und soll es rückwärts führen in die schwarz¬ gelben Barrièren der alten Reitschule. Kavaliere sind in der Regel gute Reiter, und Windischgrätz ist Zoll für Zoll ein Kavalier. Aber die Zeit hat für derlei Vorzüge keinen Geschmack mehr, sie achtet nicht Gerte und Sporn, und wie die edeln arabischen Rosse zähmt sie am leichtesten der, welcher ihr einen weisen, zaubergewaltigen Spruch in's Ohr zu raunen weiß. Den starken Napoleon hat jenes

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