Zwanglose Blätter, Nr. 65, vom 28. Oktober 1848

273 zuvorzukommen und den Dank für sich in Empfang zu nehmen. Wir haben den Staatsstreich des Herrn Stadion in guter Erinnerung, der in dem Augenblicke, als die pol¬ nischen Edelleute ihren Bauern Robot und Zehent zu schen¬ ken im Begriffe standen, letzteren urplötzlich und unbefugter Weise dieses Geschenk von Seite der Regierung machte und daher die Versöhnung zwischen Bauer und Edelmann vereitelte. — Möchte doch der Reichstag rasch einige vor¬ läufige Neuerungen in dem stehenden Heere beschließen. In Vorschlag wären zu bringen: 1) Provisorische Einfüh¬ rung des in Tirol in Ausübung stehenden Rekrutirungs¬ Gesetzes welches auf Loosung beruht, für den ganzen Kaiserstaat und auf so lange, bis nach erlassenem Grundgesetze ein mit letzterem im Einklange stehendes Wehrgesetz gegeben ist. 2) Verkürzung der Dienstzeit auf 3—4 Jahre. 3) Erhöhung der Löhnung. 4) Freistellung des Austrittes an jene Soldaten, die bereits 8 oder über 8 Jahre dienen. 5) Ungültigkeit jener Disciplinar=Vor¬ schriften, die den Soldaten seiner Rechte als Staatsbürger berauben. 6) Aufhebung der Militärjurisdiktion; in der Gesetzgebung müssen die militärischen Vergehungen der Landflüchtigkeit, der Desertion, der Insubordination beson¬ ders berücksichtigt werden. 7) Aufhebung der Inhabers¬ rechte; kein Individuum darf zum Offizier befördert wer¬ den, das nicht wenigstens Ein Jahr im Regimente diente; kein Offizier darf in ein anderes Regiment übersetzt, kein Offizier darf übergangen werden, ohne daß jeder Fall spe¬ ziell dem Kriegsminister mit allen Gründen zur Entschei¬ dung vorgelegt worden ist. 8) Erhöhung der Offiziers¬ Gagen und Pensionen, sowie Aufhebung der Gagen=Carenzen Wenigstens sollte dieß in sichere Aussicht gestellt werden, sobald der Friede wieder gewonnen und der Haushalt ge¬ regelt ist. 9) Tragen der Civilkleider außer Dienst von Seite der Offiziere auch in den Provinzen. Wir zweifeln keineswegs, daß solche Vorschläge den entschiedensten Widerstand einer Parthei hervorrufen wür¬ den. Der Geldmangel würde in erster Reihe erscheinen. Besser aber der Reichstag votirt Geld als Blut. Einem großen Theile der Abgeordneten müssen die ihnen im Nacken sitzenden Bajonnete nachgerade unerträglich werden. Es muß etwas geschehen, um eine Entscheidung herbeizuführen. Salz. Zeit. Die landesväterliche Politik. Unter diesem loyalen Titel bringt Frankl's Abendzei¬ tung, ein vortreffliches Organ der Intelligenz Wiens, nach¬ stehenden Aufsatz. Wir bringen ihn hier ohne Commentar, bevor Held Windischgrätz auch die Provinzen der freien Presse beraubt. — Uebrigens schadet es nichts, wenn uns auch die freie Presse, das Recht der Volksbewaffnung, ja selbst die Unverletzbarkeit des Reichstages genommen sind¬ es bleibt uns ja des Kaisers Wort, de dato Olmütz am 19. Oktober 1848! „Wien soll geschmerlingt werden. So war es nach dem 6. Oktober im Rathe der Götter, nicht doch, der kai¬ serlichen Umgebung beschlossen, man werde das aufrühre¬ rische Pack, das sich „Volk“ zu nennen erdreistet, zu Paa¬ ren zu treiben die hochverrätherische Aula zu züchtigen wissen. Das süße Wort: Standrecht! soll der Hauptstadt etwas aufzurathen geben. Nur war man über die Wahl der Mittel und des rechten Mannes in Verlegenheit. Der „liebe Ban,“ der uns sehr unbesonnen das Geständniß machte, seine Marschroute sei der Donner der Kanonen, hatte sich durch sein unfreiwilliges Verlassen der „aufstän¬ dischen Nachbarprovinz“ ein wenig discretirt, obschon er uns erklärte diese Flucht sei begründet durch seinen tief versteckten Operationsplan gegen Ungarn. Graf Auers¬ berg, ein sonst „treuer Diener,“ hat mit dem Rebellen sympathisirende Elemente in seiner Truppe. Da — eine göttliche Inspiration! — warf man den Blick nach Böh¬ men. Herr Windischgrätz, der Erfahrung in solchen Din¬ gen hat (wir bitten um Erküse daß wir durch Auslassung des Prädikates den Fürsten unter jene Geschöpfe rangirten, bei denen die Menschheit noch nicht anfängt), erhielt den Oberbefehl über das gesammte Armeekorps, und das pas¬ sende Werkzeug war gefunden, um die väterliche Liebe zu den Völkern in ihrem strahlendsten Lichte zu offenbaren. Natürlich. — Böhmen, das in diesem Augenblicke vortreff¬ liche antideutsche Gesinnungen an den Tag legt, scheint einer größeren Armee zur Erdrückung seiner auffallenden patriotischen Gefühle nicht zu benöthigen, obschon Fürst Windischgrätz, vorsichtig, wie es einem echten Diplomaten zukommt, in seinen drohenden Abschiedsworten diesen Fall bereits anticipirt hat. Polen hat zum Garanten seiner Ruhe den ci- devant Busenfreund und lieben Schwager in der Nähe. Ungarn, nun man kann eben nicht Alles auf einmal thun, die Pacificirung dieser Provinz hat Zeit, vor Allem muß man mit den Wienern fertig werden. Wir sehen, die Berechnung ist nicht übel, und scheint uns so treffend, als ob wir sie in dem geheimen Conseil zu Ol¬ mütz selbst vernommen hätten, dem ein, Gott sei Dank! nicht verwundeter Erzherzog präsidirt. Es galt nun, zu überlegen, ob man die allezeit getreue Stadt Wien be¬ schießen und mit Sturm nehmen oder cerniren solle. Das Erste, obschon den Ansichten und persönlichen Neigungen des Fürsten am meisten zusagend (auch der beste Mensch hat seine Schwächen!) scheint nicht placidirt zu sein, weil am Ende doch etwas übrig bleiben müsse. Das Zweite ist bedenklich, weil nicht sicher, indem die Wiener sich ihrer Haut ein wenig zu wehren gesonnen sind. Es blieb also nichts übrig, als der Belagerungszustand, sammt Stand¬ recht, und derlei nöthigen Accedenzien. — Da hätten wir ein Pröbchen der landesväterlichen Politik. Man will uns aushungern, man spekulirt auf den Magen der Wiener Bürger. Ist das nicht perfide? Man spricht dabei fort¬ während von der Nothwendigkeit, der Anarchie zu begeg¬ nen, die schon da ist, oder zu kommen droht, und die Bemühungen des Reichstages, dem Hofe das Gegentheil

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2