Oberösterreich, 29. Jahrgang, Heft 2, 1979

Historische Kunst Die Aitarfiügei in Wartberg an der Krems in reaiienkundlicher Sicht Elisabeth Vavra In jüngerer Zeit befaßt sich die historische Forschung in verstärktem Maße mit dem Aiitagsieben und der Sachkuitur vergangener Epochen. In Österreich wurde 1969 das In stitut für mittelalterliche Realienkunde be gründet, das sich zur Aufgabe gemacht hat, an Hand des vorhandenen Quellenmaterials die Sachkultur des Mittelalters für den öster reichischen Bereich zu erfassend Eine ähn liche Funktion erfüllt In Polen das Institut für materielle Kultur in Warschau. Für den eng lischen und französischen Bereich sei auf die Publikationsreihen ,,La vie quotidienne" und ,,Everday Live" sowie ,,Daily Life" ver wiesen. Beschäftigt man sich mit Sachkul turforschung - im besonderen mit der des Mittelalters -, so stehen in erster Linie drei Quellengattungen^ für eine nähere Unter suchung zur Verfügung: erhaltene Origina le, schriftliche Quellen und die bildliche Überlieferung. Erhaltene Originaiobjekte aus mittelalterli cher Zeit sind nur in geringer Zahl vorhan den; als Gebrauchsgüter wurden sie, un brauchbar oder unmodern geworden, zu meist weggeworfen oder umgearbeitet. Dies gilt für den einfachen Hausrat ebenso wie für wertvollere Habe, die, wenn sie z. B. aus Edelmetall bestand, ein- und umgeschmol zen werden konnte. Kleidungsstücke wur den zwar, wie Testamente zeigen, durch mehrere Generationen getragen, fielen aber schließlich doch dem natürlichen Verschleiß zum Opfer. Reicheres Material liefern schriftliche Quellen^: In Predigten und Chroniken äußern sich Zeitgenossen kritisch zu aufgetretenen Mißständen und Modeerscheinungen. Ähn liches gilt für verordnende Quellen, wie Poli zeiordnungen, Kieiderordnungen und dgi.; namentliche Aufzählungen von einzelnen Sachgütern sind in Rechnungsbüchern, Inventaren, Testamenten enthalten. Sie lie fern damit zeitgenössische Begriffe und Be zeichnungen für bestimmte -Objekte, ohne aber ein Bild von deren Aussehen und Funk tion geben zu können. Hier soll nun die bild liche Quelle hilfreich einspringen. Zumeist handelt es sich bei mittelalterlichen Kunstwerken um solche mit religiöser The matik. In dieser Funktion als Vermittler be stimmter religiöser Giaubensinhalte sind sie gewissen Normen unterworfen. Der Künst ler muß Rücksicht auf den Auftraggeber, auf den Zweck des Werkes und auf Traditionen in der Ikonographie nehmen. In der spätmit telalterlichen Kunst kann man nun eine zu nehmende Vorliebe für die Darstellung ,,realer" und damit oft auch profaner Ob jekte beobachten. Daß diese darstellungs würdig werden, verdanken sie einer stei genden Spiritualisierung des Kunstwerkes. f' Aj Abb. 1 Christus vor Kaiphas. Linker Scherge in Rü stung, Kettenhemd, Eisenhut; Kaiphas Im Tasselmantel; Thronsessel, darüber Stoffbal dachin mit Granatapfelmuster Die,,Realität" wird in den Dienst der Verge genwärtigung eines geistigen Inhaltes ge stellt; vielen auf mittelalterlichen Tafelbil dern dargestellten Gegenständen des tägli chen Lebens kommt somit eine doppelte Ei genschaft zu: Sie sind gleichzeitig als realer Gegenstand und als ,.sinnbildliches Zei chen eines Übersinnlich-Geistigen" zu ver stehen". Verfolgt man freilich die weitere Entwicklung, muß man feststeilen, daß diese naturalistisch geschilderten Elemen te, die zunächst als Belebung und Auflocke rung einer festgefahrenen Typisierung ge dacht waren, sehr bald schon selbst zum ,,Topos", zur permanent verwendeten Phrase wurden®. Da dem Künstler nicht, wie in späteren Stilphasen, die Schilderung der Wirklichkeit künstlerisches Anliegen ist. wird die Aussagefähigkeit mittelalterlicher Biidquellen noch durch den Umstand einge schränkt, daß der Formenvorrat einer Werk statt aus Musterbüchern, Graphiken und anderem Vorlagenmateriai erweitert und ergänzt wird, ohne Rücksicht auf orts- oder zeitgebundene Charakteristika. Man muß sich nur einer Bildsprache bedienen, die dem Betrachter verständlich und vertraut ist. So kann der Künstler und mit ihm das Kunstwerk seiner Funktion in der Gesell schaft gerecht werden. Weichen Beitrag bildliche Quellen zur Sachkultur leisten können, welche Kriterien bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen, soll nun an Hand der Wartberger Tafeln erläutert werden. Die acht beidseitig bemalten Tafeln bildeten vermutlich den Hochaltar der Wartberger Pfarrkirche®. Ihr Werktagsaspekt zeigt die Passion Christi, ihre Feiertagsseite die Legende des Kir chenpatrons, des hl. Kilian^. Vorbilder für die Ikonographie der Passionsszenen las sen sich im österreichischen Raum finden; die Grundlage für den ausführlichen Kilians zyklus bildete wohl eine deutsche Bearbei tung der Passio Maior®. Denn Vorlagen mit ähnlich detaillierter Schilderung der einzel nen Ereignisse lassen sich innerhalb der bildlichen Überlieferung nicht feststeilen. Ein umfangreicher Zyklus ist nur in einer Handschrift aus dem 10. Jahrhundert do kumentiert (Hannover, Landesbibliothek, Cod. I 189. Vita Kiliani). Stilistisch sind die Tafeln in die oberösterreichische Kunst landschaft einzuordnen. Die Werkstatt wird allgemein im Raum um Wels oder Steyr lo kalisiert®, der Altar gegen 1480 datiert. Abhängig vom jeweils zu illustrierenden Thema können bildliche Quellen nur zu ei ner beschränkten Anzahl von Gebieten der Sachkultur Aussagen liefern. Zwei Aspekte bieten sich meist an: Lebensraum und Le bensausgestaltung des mittelalterlichen Menschen. Künstlerische Faktoren, Kunstwoilen und auch begrenzte Fähigkeiten des Meisters, bestimmen die Wiedergabe der Innenräume auf den Tafeln. Die Gerichts szene ,,Christus vor Kaiphas" (Abb. 1) fin det in einem überwölbten Innenraum statt, dessen Wölbung und Konstruktion nur an gedeutet wird. Der erhöhte steinerne Thron und der Baldachin mit einem Granatapfeimuster in zweierlei Grüntönen deuten als Hoheitssymbole auf die Funktion Kaiphas' als Richter hin'®. Die Art der Stoffwieder gabe läßt an den im 15. Jahrhundert über aus beliebten und weit verbreiteten Zeug druck denken, der als Ersatz für kostbare Materialien, wie Brokat und Samt, Verwen dung findet. Diese versucht er in Farbigkeit und Musterung zu imitieren. Auch die ,,Gei-

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2