Oberösterreich, 14. Jahrgang, Heft 3/4, 1964

GescKicklichkeitsübungen im Schulunterricht des Kinder dorfes St. Isidor 1 ist von überallher leicht zu erreichen. Mit dieser Aufgliederung der notwendi gen Gebäude wird zugleich der geistige Grundplan des Dorfes sichtbar: die Dreiheit Familie — Schule — Therapie. Immer müssen ja in St. Isidor diese drei Grundfaktoren ein ander ergänzen, sie müssen aufeinander abgestimmt sein, damit das kranke Kind trotz seiner Behinderung das notwen dige Gleichgewicht für sein gestörtes Leben finden kann. Es ist selbst heute noch schwer, eine breitere Öffentlichkeit von der Ver pflichtung zu überzeugen, auch diesen Stiefkindern des Lebens helfend beizu stehen; zu viele Menschen lassen sich entmutigen von den verhältnismäßig kleinen Erfolgen. Aber wir dürfen hier nicht mit Werten rechnen, die nur für ein normales Leben zutreffen. Wenn es gelingt, einem gelähmten Kind zum Gebrauche seiner Glieder zu verhelfen, wenn es gelingt, einem taubstummen oder sprachgestörten Kind beizubringen, wie es sich verständlich machen und auch seine Umwelt verstehen kann, dann sind dies Erfolge, die in bezug auf die konstitutionelle Behinderung der Kinder einem Wunder gleichkommen, auch wenn sie im Vergleich zu einer normalen Selbstverständlichkeit gering und unwesentlich erscheinen. Denn wo für ein normales, gesundes Kind die Welt erst beginnt, dort hört sie für ein krankes, behindertes vielleicht schon auf. Und gerade darum braucht solch ein Wesen, das wegen seiner körper lichen, sprachlichen oder geistigen Ge brechen aus vielerlei Gründen kaum in seiner eigenen Familie aufgezogen wer den kann, eine behutsame und ver ständnisvolle Erziehung. Mühsam müs sen ja seine verschütteten Fähigkeiten erst ans Licht gebracht werden, mühsam müssen auch ihm die Voraussetzungen für ein bescheidenes Leben geschaffen werden. Diesen so schwer benachteiligten Kin dern wollte Georg E r b e r, der gei stige Vater von Sankt Isidor, auch das Glück einer familiären Erziehung zuteil werden lassen, und so entstanden nach dem Krieg unter großen Schwierigkei ten die ersten Familienwohnungen in einem umgebauten Bauernhaus. Die un beirrbare Zuversicht wurde belohnt; heute, nach siebzehnjähriger Arbeit, stellt sich das Dorf als eine eigene kleine Ortschaft innerhalb des Ge meindebereiches von Leonding dar und etwa 260 Kinder, behaftet mit den verschiedensten Gebrechen, leben hier mit ihren Kinderdorfmüttern so, wie sie es wirklich brauchen; neben dem gesicherten familiären Leben wird ihnen ein so außerordentliches Maß an schu lischer und medizinischer Betreuung zu teil, wie sie es in ihrer natürlichen Fa milie wohl kaum hätten erhalten kön nen. Ein relatives Minimum an Auf wendung ermöglicht in St. Isidor ein Maximum an spezieller Behandlung — ein Vorteil, der den Kindern sichtbar zugute kommt. Mit dieser Spezialaufgabe nimmt St. Isidor zwar eine Sonder stellung ein, stellt aber gerade in seiner Besonderheit eine wesentliche und not wendige Ergänzung des Kinderdorf gedankens an sich dar. Wie in den SOS-Kinderdörfern spielt auch in St. Isidor das Familienleben die wichtigste Rolle, aber es ist ver ständlich, daß sich die Form infolge der gegebenen Notwendigkeiten anders als etwa in Altmünster darstellt. Auch hier wird durch das Leben innerhalb der Familie in den Kindern das notwendige Gemeinschaftsgefühl geweckt und eben so lernen die Kinder eine selbstver ständliche Verantwortlichkeit füreinan der, die ihnen gleichzeitig hilft, über ihre eigenen Schwächen besser hinweg zukommen. Jede der konstitutionellen Behinde rungen bringt aber auch zusätzlich zu den körperlichen Erscheinungen eine ge wisse Einbuße an geistigen Kräften mit sich, welche die Kinder übermäßig sen sibel und nervös macht. Daher treten in der Erziehung behinderter Kinder Schwierigkeiten auf, denen man schon bei der Planung der Familien vorbeugen muß. Aus solchen Erwägungen heraus gibt es in St. Isidor die Einrichtung der „Doppelfamilie"; das heißt; zwei Mütter mit je sechs Kindern leben ent-- weder miteinander in einer entsprechend 27

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