Oberösterreich, 4. Jahrgang, Heft 3/4, 1954

FRIEDRICH MORTON Der toeiQe Bergfegen bea Salzhammergutea Vor viereinhalbtausendJahren: Jäger aus einem Pfahlbau der Salzkammergutseen stoßen bei einem Pürschgang auf der Freywiese unterm Plassen auf einen Quelltümpel. Auf dem moorigen Gelände wehen gerade die Silberhaare des Wollgrases, glühen in der Abendsonne die Purpurglocken des pannonischen Enzians, duften die Blüten der Kuckucksblume. Der Boden um den Tümpel ist von Schalenwild ganz zerstampft. Wechsel münden hier, wie sie schöner nicht sein können! Das Rätsel löst sich leicht und rasch. Die Quelle führt Sole. So stark, so hochgradig ist diese, daß es die Jäger mit wilder Freude erfüllt. Salz! Dieses kostbare Gut, hier quillt es so freigebig aus dem Berge hervor, daß alle Pfahlbautensiedler leicht befriedigt werden können. Diese Entdeckung, die vermutlich vor viereinhalb Jahrtausenden erfolgte, ist mit der Geburtsstunde des Salzkammergutes gleichbedeutend. Zunächst werden die Menschen sich das Salz nur fallweise geholt haben. Bisher wurde angenommen, daß die Anziehungskraft dieses Hallstätter Salzes erst im letzten Jahrtausend vor Christus, also um 900 herum, den Menschen an Ort und Stelle seßhaft machte. Nun wurden aber unter den hallstattzeitlichen Schichten im Salzbergtale einige Scherben gefunden, die einwandfrei der Urnenfelderzeit angehören, also älter sind. Die letzten Jahre brachten uns ferner Funde aus dem Trauntale, die eben so alt, ja sogar noch älter sind. Es seien hier die interessanten Funde aus Altmünster erwähnt, die der ersten Stufe der Hallstattzeit angehören, und ferner die Randleistenaxt aus dem Ebenseer Gebiet, die der ersten Stufe der Bronzezeit angehört, die um 1800 v. Chr. beginnt. Es ist also damit zu rechnen, daß der Mensch bereits vor der Hallstattzeit im Hallstätter Salzbergtale seßhaft war. Allbekannt ist die Glanzzeit Hallstatts, das letzte vorchristliche Jahrtausend. Mit unglaublichem Fleiß und Geschick trieben die damaligen Bergleute Stollen vor, legten Stempel- und Verschalverzimmerungen an, brachten mächtige Steigbäume in den Berg, gingen dem Salzgebirge mit Bronzepickeln an den Leib, arbeiteten im Scheine ihrer Fackeln vor Ort, füllten ihre Felltragkörbe mit den kostbaren Brocken, kamen auf ihren Handelswegen im Norden bis zur Bernsteinküste, im Süden bis zum Mittelländischen Meer. Ihr Friedhof nahm den unteren Teil des Salzbergtales ein. Hier wurden weit über tausend Gräber freigelegt und viele, viele Tausende von Beigaben aus der Erde herausgeholt. Eine neue Kultur offenbarte sich dem Menschen, und die Hallstattzeit ist heute jedemGebildeten bekannt. Viel ist durch unsachgemäße Grabungen des vorigen Jahrhunderts verloren gegangen. Eine Schrift war auch nicht vorhanden. Vor manchen Geheimnissen wird der Schleier nie gelüftet werden können. Aber für unsere Betrachtung liefert die Hallstattzeit in Hallstatt Stoff genug. Das Salz band die Menschen an das Salzbergtal. Es entwickelte den Sinn für Familie und Ethos, es führte zu einer Religion, die vermutlich monotheistisch war. Es entwickelte den Sinn für Kunst und Schönheit. Über die sozialen Verhältnisse können wir freilich nichts aussagen. Gab es Fürsten und Knechte, oder waren alle nach Art einer Genossenschaft gleichberechtigt? Wir wissen es nicht. Jedenfalls blühte ein Gemeinwesen, in dem Wohlstand herrschte, in dem das Leben geregelt verlief, in dem Religion und Totenkult eine große Rolle spielten-. Die folgenden Zeiten mögen an diesen Tatsachen grundsätzlich nicht viel geändert haben. Die Kelten, die um 500 v. Chr. das Gebiet erreichten, dürften den Salzabbau durch die bodenständige Bevölkerung weitergeführt haben. Um 50 n. Chr. stellten sich die Römer ein. Sie besaßen im Echerntale und am Nordende des Sees eine Niederlassung. Die Völkerwanderung machte der römischen Zeit, die durch Tausende von Funden belegt ist, ein Ende. Wie weit die römischen Götter und später Isis und Osiris, Sendboten des Pharaonenlandes, in 50 das Volk Eingang gefunden hatten, entzieht sich unserer Kenntnis. Die folgenden Jahrhunderte liegen ganz im Dunkeln. Erst das Jahr 1311 steht in grellstem Scheinwerferlicht. Königin Elisabeth erhob den Hallstätter Salzbergbau vom wilden Gebirge und grünen Wasen. Es kann aber mit Sicherheit angenommen werden, daß auch vorher Salz abgebaut wurde, denn wir wissen beispielsweise, daß im Jahre 1344 dem Markte Lauffen Handelsfreiheiten bestätigt wurden, die aus der Zeit König Rudolfs I. stammten. Aus dem Jahre 1313 sind verschiedene große Salzwidmungen bekannt, die einen geregelten Bergbau voraussetzen, der nicht über Nacht entstanden sein konnte. Jedenfalls gab es 1313 in Hallstatt bereits Häuser und Bürger, denn die in diesem Jahre geschaffenen privilegierten Erbeisenhäuerstellen setzen einen ortsansässigen Bürgerstand voraus. Nun beginntjene Entwicklung, die durch Jahrhunderte andauerte und in ihrer Art einzigartig ist, die aus den staatlichen Anlagen eine hochbedeutsame Geldquelle machte, die jene Bevölkerung formte, die noch heute das Trauntal besiedelt. Wesentlich und voran zu setzen ist die vom Staate gewollte und geförderte Abgeschlossenheit des Gebietes, das als Kammergut oder Salzkammergut ein Begriff wurde. Dem Ärar war es vor allem darum zu tun, ständig über einen umfassenden Grundstock gelernter Arbeiter verfügen zu können und diesem immer sicher zu sein. Zu diesem Zwecke wurden den Kammergutsarbeitern verschiedene Begünstigungen zuteil: sie zahlten keine Steuern, sie hatten nicht mit Einquartierungen zu rechnen, sie brauchten nicht in den Krieg zu ziehen, sie erhielten ein Heiratsgut, unter Umständen auch Grund und Boden, den sogenannten „Infang", sie bezogen auch Naturallohn, und der Staat brachte in manchen Jahren große finanzielle Opfer, um seinen Arbeitern Getreide, Schmalz und Fleisch zu gleichbleibenden Preisen bieten zu können. Sicher waren die Kammergutsarbeiter nicht glänzend gestellt. Aus verschiedenen alten Aufzeichnungen wissen wir, daß der Lohn oft gerade ausreichte, um die allerdringendste Notdurft zu befriedigen, daß an ein Anschaffen von Hausrat, von Kleidern und Schuhen überhaupt nicht zu denken war, wenn sich der Arbeiter nicht irgend einen Nebenverdienst durch Holzarbeit oder bei den Salzfertigern zu schaffen vermochte. Es ist bekannt, daß es Zeiten gab, in denen die Sudhüttenarbeiter vor Entkräftung kaum ihren Obliegenheiten nachkommen konnten, und daß es oft nur Suppen aus Kleie gab. Dem muß aber entgegengehalten werden, daß, wie oben bereits angedeutet, die Kammergutsarbeiter verschiedene Benefizien genossen, zu denen noch das Recht auf Bezug von Deputatsalz, von Holz zu verbilligtem Preise, die Behandlung der Kranken und eine Altersfürsorge, die sogenannte Provision, traten. Alle diese Benefizien zusammen genommen wogen auch nicht leicht und zeigen uns, daß die soziale Fürsorge im Kammergute ihrer Zeit weit vorausgeeilt war. Es bedurfte eines sehr planmäßigen Aufbaues des ganzen Betriebes, um die für das Kammergut nötigen großen Getreidemengen aufzubringen, um diese in den Getreidekästen aufzuspeichern, um die Schmalzversorgung sicherzustellen, um den Fleischhauern die Zuschüsse zu zahlen, um all das zu regeln, was im „Brotspan", dem Kerbholze für Hofkorn und daraus gebackenem Brote, seinen sinnfälligen Ausdruck fand, was den begehrten Beruf eines „koaserischen" Arbeiters im ganzen ausmachte. Besonders das Halten des „Limito-Preises", also jenes Betrages, der den Arbeitern beim Kornbezuge angerechnet wurde, kostete dem Ärar viel Geld. Das Getreide wurde u. a. sogar aus Preßburg bezogen. Im Jahre 1818 beispielsweise kamen aus der alten Krönungsstadt 30.700 Metzen Getreide. Die Lieferungskosten waren so hohe, daß auf einen Metzen 1 fl 27 kr entfielen. Während der Limito-Preis zwischen 1810 und 1850 etwas über

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2