Josef Ofner - Die Eisenstadt Steyr

68 Für den Lebensunterhalt der Kantoren kam die Stadt auf. Eine Neben- einnahme bildeten die Gaben der Bürger, die durch das Singen „mit dem Stern“ am Feste der Heiligen drei Könige eingingen. Dieser uralte Brauch, der ein Vorrecht der Kantoren gewesen sein dürfte, wird in den Ratsprotokollen 1576 erstmalig genannt. Im Jahre 1606 fanden sich die beiden Söhne des berühmten Tondich- ters Orlando di Lasso, Ferdinand und Rudolf, in Steyr ein und offerierten dem Rate Motetten ihres Vaters. Nachdem aber dieses Notenmaterial „in guter Anzahl“ vorhanden war, wurden sie abgewiesen und ihnen für ihre „gute Af- fection“ zwei Taler gegeben. Annales Styrenses Trotz der großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten war Steyr vor dem Dreißigjährigen Krieg führend auf wissenschaftlichem Gebiet. Die evangeli- sche Lateinschule wetteiferte mit dem berühmten Landschaftsgymnasium in Linz, 1584 wurde eine Stadtbücherei eingerichtet, Prediger, Gelehrte und Buchdrucker widmeten dem Rat ihre Werke. Dem genialen Astronomen Jo- hannes Kepler, der seit 1611 als Mathematikus der Landstände in Linz wirkte, ließ die Stadtobrigkeit im August des Jahres 1616 für „verehrte Exemplar“ acht Taler einhändigen. Historiker schrieben vor und nach 1619 die für die Geschichte der Stadt überaus wertvollen Jahrbücher. In lateinischer Sprache verfasste sie im Auftrage des Garstner Abtes Anton II. der katholische Lateinschulmeist er Wolfgang Lindner. Seine „Annalen“ verzeichnen die Ereignisse der Zeit von 1590 bis 1622. Vom Ennsdorfer Färbermeister Jakob Zetl (gest. 1660) stammt die von 1618 bis 1635 reichende Stadtchronik. Zu den bekanntesten Geschichtsforschern aber zählt Valentin Preuen- hueber. Er war Schreiber in der Magistratskanzlei und seit 1620 Sekretär der Eisengewerkschaft. Um 1630 finden wir ihn in Regensburg, von 1636 bis zu seinem Tode als Oberpfleger der Herrschaft Salaberg. Am 7. April 1642 wurde er in Haag, Niederösterreich, bestattet. Preuenhueber ist der Verfasser mehrerer historischer und genealogi- scher Arbeiten. Sein Hauptwerk, gegliedert in zehn Bücher, sind die „Annales Styrenses“ (Steyrer Jahrbücher). Sie entstanden in der Zeit von 1625 bis 1630

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