OÖ. Heimatblätter 1949, 3. Jahrgang, Heft 4

Kneidinger: Über vorgeschichtliche Spinnerei und Weberei Mit einem einschäftigen Webstuhl konnten nur einfache, leinwandbindige Ge¬ webe erzeugt werden. Wollte man kompliziertere Gewebe, wie z. B. den Köper, der auch schon in der Urzeit bekannt war, herstellen, so mußte man mehrschäftige Webstühle verwenden. Der aufrechtstehende Webstuhl hat sich von der vorgeschichtlichen über die frühgeschichtliche bis in die geschichtliche Zeit erhalten. Nach La Baume soll er bei den Lappen noch gegenwärtig in Gebrauch und in Island und Norwegen noch im 19. Jahrhundert vorgekommen sein 4). Es gibt über die Spinn- und Webetechnik eine Anzahl ägyptischer und grie¬ chischer Abbildungen, von denen die Darstellung eines vertikalen Webstuhles auf einer schwarzfigurigen griechischen Vase (6. Jh. v. Chr.) schon angeführt wurde Dieser Webstuhl entspricht ganz unserer Schilderung, läßt deutlich Zeugbaum, Schaft, Trennholz und Webegewichte erkennen. In den Kettenfäden erblicken wir die Spindel mit dem aufgewickelten Faden, oben ist bereits ein Stück fertig gewebt und der Faden läuft von dort zur Spindel. Das sagt uns, daß man damals das Weberschiffchen noch nicht kannte, sondern gleich von der Spindel weg, und zwar von oben nach unten webte. Einen ganz ähnlichen Befund ergibt die primitive Darstellung eines aufrechten Webstuhles auf einer Urne von Ödenburg, die der Hallstattzeit angehört 5). Der Rahmen des Webstuhles fehlt bei dieser Darstellung, von den Kettenfäden sind nur vier gezeichnet, an denen unten rundliche Webstuhl¬ gewichte angedeutet sind. Oben sehen wir wieder ein Stück fertiges Gewebe, von dem der Faden zur Spindel läuft. Die beiden angeführten Abbildungen sprechen eine deutliche Sprache. Sie sagen uns, daß tatsächlich aufrechtstehende Webstühle mit Schaft und Trennstab und mit Webstuhlgewichten in der Ur- und Frühzeit verwendet wurden und daß man von oben nach unten, und zwar gleich von der Spindel weg, webte. Die Gewebe, die uns aus vorgeschichtlicher Zeit erhalten sind, bestehen vor¬ wiegend aus Schafwolle und Flachs. Reste von Geweben aus Wolle fanden sich besonders in nordischen Mooren. Es sind hier die bronzezeitlichen Baumsargfunde, die eisenzeitlichen Moorleichen und die Votivfunde in Mooren zu nennen. In allen diesen Fällen verdanken wir die Erhaltung der Gewebe der konservierenden Kraft der Moorsäuren. Für Leinengewebe waren die Erhaltungsbedingungen nicht so günstig, weshalb nur selten solche Funde gemacht wurden. Daraus darf man aber keineswegs den Schluß ziehen, daß im Norden Leinenkleider unbekannt waren. Vielmehr spricht die Kleidung der Germanen, die man durch die Baumsargfunde ziemlich gut kennt, dafür, daß man unter den wollenen Kleidern leinene Unter¬ kleider trug. Gerade entgegengesetzt liegen die Verhältnisse im Süden. In den Schweizer Pfahlbauten fanden sich Leinengewebe in großer Zahl, nie aber kamen Gewebe aus Wolle zutage. Der Grund ist wieder in den verschiedenen Erhaltungsbedin¬ *) La Baume, Der stehende Webstuhl, Prähistorische Zeitschrift Berlin 1933, S. 304. 5) Hoernes-Menghin, Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa (Wien 1925), S. 559. 333

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