Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1985

Stolz, sie habe sie sich vor vielen . Jahren erworben ·und an dem Kleide· angenäht. Die Knöpfe wurden von mir da.nn auch mehrmals gebührend bewundert. Bei einem meiner späteren Besuche konnte ich nur mit Mühe mein erstauntes Erschrecken verbergen, ich sah es sofort. Die Alte saß steif auf ihrem Stuhl und blickte mir erwartungsvoll, ja beinahe feierlich entgegen; ihre geballte Rechte lag auf dem Schoß, ich ahnte, was sie barg. Die Knöpfe waren abgeschnitten. Deutlich standen ihre Spuren am Kleid, lange hatten sie dort gesessen, hatten Einstichlöcher u. Wetzstellen hinterlassen, häßliche Stellen. Und das Kleid, seiner einzigen Zierde beraubt, ' war plötzlich schäbig geworden. Die Alte aber strahlte. Sie öffnete ihre Hand, streckte sie mir entgegen und sagte schlicht: Für sie. Es war das Einzige, das sie entbehren konnte, das sie mir geben konnte. Ich verstand, und war gerührt. Freude ob der empfangenen Dankbarkeit · durchflutete mich. Gehobener Stimmung ging ich nach Hause. Die Knöpfe, ohne jeden realen Wert, sie waren für mich zum Scha,tz geworden. Der Herbst, der Winter kam ins Land; den darauffolgenden Frühling hatte die Alte · nicht mehr erlebt. An einem stürmischen Februartage war sie sanft hinübergeglitten- in jene andere Welt; von der sie selber oft als ihr endgültiges Ziel gesprochen hatte. Nun hatte sie es erreicht, mit leichtem Gepäck, .da gab es nicht, was sie beschwerte. Ja selbst das einzige, kleine bescheidene Glück s,chön er Knöpfe hatte sie hingegeben, hingegeben aus Dankbarkeit." Die Erzählerin schloß ihre Hand. Die Knöpfe machten dabei kleine Geräusche, grad so, als würden nun wertvolle Mü=en in der geschlossenen Rechten aneinanderklingen. Und als die Gastgeberin das Zimmer verließ, ihr Erbe wieder zu verschli~ße:b., ging ein leises : Raunen durch die Runde. Vernnika Hamilgr.uber-Rothmayet f inmal imlabr Einmal im Jahr, ·zur Osterzeit, fuhren wir alle nach N., wo wir über die Feiertage blieben. Die verwitwete Bäuerin vom Grubbauernhof war · eine Tante unserer Mutter, bei der diese, früh verwaist, ihre Kindheit verbracht hatte. So wie Mutter, hingen auch wir mit Liebe an der ältlichen, noch immer rüstigen Fra.u, bei der wir uns geborgen fühlten und zugleich eine köstliche Freiheit genossen. Das stattliche Anwesen .mit seiner ländlichen Umgebung war der Inbegriff des Paradiesischen für uns junges · Stadtvoll<, und. die österlichen Fahrten gehörten zu den meist ersehnten Ereignissen , unserer Kinderjahre. Da.ß der Osterhase seine Gaben · für uns auf dem Grubbauemhof versteclfte, war eine selbstverständliche Tatsache, deren Reiz · durch mancherlei Umstände noch erhöht wurde. Nicht nur, daß das umfangreiche Gehöft mit seinem Garten und den zahlreichen Nebengebäuden besonders viele und dankbare Verstecke bot; auch die Ostereier hier waren bedeutend größer als anderswo, und ihre Farben bunter und leuchtender als bei unseren Freunden in der Stadt. Manche von ihnen wa.ren mit farbigen Ornamenten oder gar mit kunstvohlen, kleinen Bildern verziert, und unser Jubel kannte kein Ende, wenn- wir sie an den verborgensten· Stellen entdeckiten. Wer der Osterhase auf dem Grubbauemhof war, offenbarte sich uns freilich erst viel später. Zur Zeit unser-es ungetrübten Kinderglaubens an. die Wunder einer anderen Welt machten wi,r uns keine Gedanken über den alten Daniel, den Roßknecht bei unserer Tante, der mit Eifer und heiligem Ernst alljährlich da.s Färben der Eier und ihr sorgfältiges Verstecken, ub,emahm. Auch die bunten Verzierungen und saube57.

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