Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1969

.Mein erstes Rendezvous H. Li»tberger Wie mein erstes Rendezvous war. wollt ihr wissen? Freunde, ich erzähk es nur ungern. · Es fiel in jene strapaziöse Zeit, in der ich mich mit Homer, Plato, Livius und anderen schreibfreudigen Herren der antiken griechischen und römischen Geisteswelt herumschlagen mußte. Hätten wir 29, der Pupertät knapp entwachsenen Burschen nicht in einer verschworenen Gemeinschaft gelebt, wäre so mancher, nur mit leichten Waffen gerüsteter Kämpe auf dem Felde des Wissens gefallen . Aber wir hatten eine .unerschütterliche Gemeinschaft wir die Urchristen. Traf einen Schüler das Los, ein verwirrendes Satzgefüge eines Livius in wohlgesetztes Deutsch zu übersetzen, fiel ihm von überall, akustisch wohldosiert, eine ausgefeilte Übersetzung zu, begünstigt durch den Umstand, daß unser Lateinprofessor etwas schlecht hörte. Falls aber ein Prüfling ein schwieriges mathematisches Problem auf der Tafel zu lösen hatte, wurde er durch ein ausgeklügeltes Nachrichtensystem, das dem Geheimdienst eines autoritären Staate, zur Ehre gereid1t hätte, auf dem laufenden gehalten. Schularbeiten waren für uns überhaupt kein Problem. Sie waren schlechthin Gemeinschaftsarbeiten, Teamworks sozusagen. Alles lief wie am Schnürchen bis zu Jenem Tag an dem sie kam. Sie hieß -· nomen est omen - Eva und war die hübsche Tochter eines Landesge1id1tsrates, der sich - uns zum Unheil -- in unsere Stadt versetzen ließ. Da in unserer Stadt kein humanistisches Gymnasium für Mäddten war, kam sie in unsere, bis dahin in Glück und Frieden lebende Gemeinsdrnft. 29 Burschen und dn verteufelt hübsches Mädchen. Das konnte nicht gut gehen! Und, meine Freunde, es ging auch nicht gut. Wir fingen an wir verrückte Auerhähne zu balzen. Unsere sturmerprobte Geistesunion zerplatzte wie ein überfüllter Luftballon an einem heißen Finnungstag. Aus war es mit geistiger Schützenhilfe und Teamwork. Bei Prüfungen war es nun in unserer Klasse so still wie in der Totenkammer einer gesunden Landgemeinde. Bei Schularbeiten waren wir buddhisitischen Schweigemönchen nicht unähnlich. Das Leist1111gsniveau unserer Klasse fiel so rapid wie ein geeichtes Schiffsbarometer vor einem Taifun. Ponkraz, der erst vor wenigen 1 agen bei einer kniffligen Integ:ralredmung btillierte, bewältigte mit Mühe eine schlidtte Verhältnisgleichung mit zwei Unbekannten. Der kleine Weller, der noch vor kurzem langatmige Passagen aus der Illias übersetzt hatte, erkannte einen simplen Aorist nid1t mehr. Und dem dicken Müller, der Livius gelesen hatte wie eine gute Hausfrau ihr Kod1bud1, wurde einen banalen ACI zum Verhängnis. Freunde es war verheerend! Die Professoren waren entsetzt und unser guter Direktor so konsterniert wie der Dirigent eines namhaften Orchesters, der vor der Premiere plötzlidt feststellen muß, daß seine Musiker nur mehr „Hänschen klein" spielen konnten, und das nur in C-Dur. Nur unser sdtwerhöriger Lateinproiessor, ein alter verstockter Hagestolz, schien die Wurzel des Übels erkannt zu haben; denn er sagte, einen scheelen Blick auf Eva werfend: .. A femina malificia omnia sunt!" (Was soviel wie ,,Alles Übel kommt vom Weibe" heißt). In dieser unglücklichen Zeit hatte ich mein erstes Rendezvous. Ich nehme an Preunde, ich brauche nicht besonders erwähnen, daß auch ich Evas Charme er• legen war und mit meinen 28 Rivalen kräftig mitbalzte. Rolf war der gefähr• lichste Konkurrent. Er war unser Klas - senbau. Der Geck war stets nad1 der neuesten Mode gekleidet und spielte auf Weltmann. Ich hatte diesen g-eschniegelten Burschen nie gemocht, doch jetzt wurde er mir direkt zuwider. Das hättet ihr sehen sollen, Freunde, wie 5'9

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