Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1959

A 4 Der Besden von Sepp Stöger 21 1. Herr Mayr, Bürstenbinder und Gemeinderat, von seinem Freund General¬ direktor Josef Werndl spaßhalber Bürstenrat und Gemeindebinder genannt, war ein allbeliebter Sänger, Schauspieler und Vorstand des Männergesangvereines „Kränzchen“. Durch Freund Bayer, Chordirektor und Lieblingsschüler Bruckners, wurde Letzterer mit Herrn Mayr und dessen reizenden rotblonden Töchterlein, einer ausgezeichneten Sängerin, bekannt, und heute kam es zu dem versprochenen Besuch. Angetan mit schwarzen, ganz außergewöhnlich weiten Kleidern, schritt Mei¬ sterBruckner gemächlich durch die Stadt, ehrfürchtig gegrüßt von einigen, verwun¬ dert angesehen von anderen, die ihm nachstarrten. „Na sowas, wia der daherkimmt“, sagten einige. „Ob dös öppa a geistlicher Herr is“ fragten andere. Auf der Steyrbrücke bekreuzte sich der Künstler demütig vor dem Kruzifix. Durch die finstere Badgasse führte der Weg hinunter zur Steyr. Von weitem schon hörte er die schweren Fallhämmerschläge der Gewehrfabrik, die auf die glühenden Bestandteile niedersausten und mit Verwunderung sah er durch die offenen Fenster auf die feuersprühenden Essen und die fleißigen rußgeschwärz¬ tenSchmiede. Vor der alten Kapelle am oberen Ende des „Müllnerhammers“ wie das Werksgebäude genannt wurde, blieb der Meister eine kurze Zeit andächtig stehen, dann betrachtete er das große Wasserrad, das klatschend die Kraft des Wassers den Mühlsteinen zutrug, die Knochen zu Mehl zerrieben. Vom Steg grüßte ein weißbestaubter hagerer Mann, der sogenannte Teufels¬ müller, freundlich herüber, während aus dem Werk zwei Männer den Meister stür¬ misch begrüßten. Es waren der musikliebende Werkmeister Rospara und der be¬ kannte Sologeiger Mitteregger. Beiden wurden Besuche zugesagt. An kleinen Schleifereien, aus denen unter schrecklichen Geräuschen auf riesen¬ großen Steinen Feilen geschliffen wurden, kam der Meister zu einem Steg, wo er warten mußte, bis einige Flößer, sogenannte „Ladenkarlfahrer“ in kühnem Schwung auf den durch den Ablaß durchsausenden Bretterfloß sprangen. Etwas aufgeregt durch das eben Gesehene, ging der alte Herr kurzweg in das nächstgelegene Haus. Eben kam der Besitzer, ein biederer Schleiferer, heute aber ein zur Ausrückung bereiter Bürgergardefeldwaibel, säbelrasselnd die steile Stiege her¬ unter. Verwundert sahen sich die beiden Männer gegenseitig an. Hier der kurz¬ geschorene, in schwarzen weiten Kleidern steckende Künstler und da der finster blik¬ kende, in enge bunte Uniform gepreßte Kriegsmann, dessen Halsstreiferl noch um einige Zentimeter den weiten Umlegkragen des Künstlers übertraf und auf dessen 77 Tschako ein schwarzes Roßhaarbündel drohend wackelte. „Wen suachens denn das fragte der Waffenträger. „Sö, wo loschiert denn da mei Primadonna?“ fragte Bruckner zurück. „Wer?“ „Mei Primadonna!“ „Wer is denn dös, i kenn s’ nöt, murrte der Krieger. „Nau, mei Pimadonna, d’ Mayr Hanni werdn S' doh kenna, dö so schen singa kann.“ „Ja so, freili kenn i s’, da müassn S' noh um zwoa Häusl weita gehn,“ sagte salutierend der Gefragte. Gleich darauf trat Meister Bruckner in das Mayrhaus und blieb lauschend stehen, weil aus einem Lokal fürchterliches Kampfgeschrei herausdrang. Der biedere Bürstenmacher hielt in seiner Werkstätte gerade Probe für ein spä¬ ter aufzuführendes Ritterstück. „Ritter Zwerglheim!“ schrie er mit Donnerstimme, „Ihr, der Ihr das Burgfräulein entführen wolltet, macht Euch zum Sterben be¬ 52

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2