Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1955

Erst als wir einander sehr nahe gegenüberstanden, verschwand er plötz¬ sich und wurde eins mit mir. Und es schien nun so, als sei er auf dem Wege umgekehrt, von der Fraglichkeit des Daseins überzeugt, und als sei er nun damit zufrieden, schweigend wieder heim zu gelangen im Herzen seines Sohnes. Vor dem nächtlich aufgerissenen Wolkenhimmel ragte zur Rechten etwas Riesenhaftes aus der Dunkelheit empor. Es war der Schattenriß des Schorn¬ steins einer mächtigen Fabrik, ein Sinnbild der neuen Zeit, ein dräuendes Denkmal maschineller Arbeit und ihres unerbittlichen Ernstes. Da im Hause meines Vaters einst Weber am Werke gewesen, mit ihrer Hände Arbeit sich dürftig mühend vor dem hölzern klappernden Stuhl, erschien mir der Nachbar¬ liche Koloß zur Rechten, wohl eine neuzeitliche Weberei, wie ein siegreiches Ungetüm, das das bescheidene Wirken meiner Vorfahren gefressen, um sie dem senbetrieb zu opfern und seiner Unersättlichkeit. Mas In solch ernster Erwägung ging ich nunmehr dem Hause entgegen, und es beschäftigte mich die Frage: Sollte ich an die Tür pochen oder nicht? Wer wohnte darin? Wer wurde mir auftun? Es geschah aber so, das sich die Tür plötzlich wie von selber öffnete und dieGestalt einer älteren Frau auf der Schwelle erschien und mir langsam entgegenschritt. „Guten Abend“, sagte sie, mich beim Namen nennend. „Das ist schon, das Siegekommen sind. Wir haben Sie erwartet.“ „Wieso erkennen Sie mich?“ fragte ich erstaunt. „Und woher wußten Sie, ich kommen werde?“ das „Aus den Plakaten“, betonte sie wie selbstverständlich. Freilich aus den Plakaten! Ich war ja angesagt in dieser Stadt, in Vaters Heimat, an allen Ecken klebten die gelben Anschläge mit der Ankündigung meines Vortrages für den heutigen Abend. Und so hatte man mich also hier erwartet. „Ich bin die Tochter der Schwester Ihres Vaters“ sagte die Frau. „Es sind auch noch Briefe Ihres Vaters da, die er als junger Student an seine Mutter geschrieben. Ich werde sie Ihnen übergeben.“ Wir waren unterdessen ins Haus getreten. Eine wohlige Wärme umfing mich. Eine Hängelampe gab milden Schein. In ihrem Licht sah mir nun das Antlitz eines jüngeren weiblichen Wesens entgegen, ein anmutig feines besinn¬ lichesGesicht mit hellen, mich nicht ohne Wohlwollen begrüßenden Augen. „Das ist meine Tochter“ sagte die alte Frau. „Und hier ist mein Schwieger¬ sohn“ setzte sie hinzu, auf einen jüngeren Mann deutend, der eine Arbeiter¬ bluse trug und der nunmehr meine Hand mit kräftigem Druck umschloß. So war mein Vater heimgekommen in Gestalt seines Sohnes. Wir setzten uns und begannen zu erzählen. Verstorbene standen wieder auf und behaupteten ihren Anteil am tieferen Leben. Es ist heilsam, sie wieder zu vernehmen. Sie sind wie die Krönung des Lebens selbst, dessen letzten Sinn wir nicht kennen. Ich erfuhr auch manches aus Vaters Kindheit, das mir nicht unbekannt war. Es geschah nur überlieferungsweise, ein wenig sagenhaft, wie es eben von Mund zu Mund übernommen wird, und über¬ brückte doch ein ganzes Leben mit neuer Lebendigkeit. Währenddessen geschah aber noch ein anderes, es öffnete sich hin und wieder die Tür, und es traten Nachbarn herein. Sie nickten nur leise und stellten sich längs der Wand ins Dunkle, wie Zuschauer, die nicht fehlen, aber auch nicht stören wollen. Ich mußte plötzlich an Gerhart Hauptmanns „Weber denken, wo gleichfalls schattenhafte Gestalten die Bühne betreten und schwei¬ gend ein Schicksal verkörpern, obwohl sie nichts anderes tun, als vorübergleiten. Diese Menschen aus Vaters Heimat, mir im Geblüte stammverwandt, nicht allzuweit vom Lande von Hauptmanns „Webern“, sie berührten mich unendlich nahe und ließen mir diese Stunde unvergeßlich sein. Irgendwie stieg 34

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