Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1955

S dtenlaus Von Franz Karl Ginzkey Nun ist es schon weit über hundert Jahre her, seit mein Vater, noch ein Knabe fast, durch das Tor seines Elternhauses in die Welt hinauszog und niemals wiederkehrte. Ich aber, sein Sohn, schritt über die gleiche Schwelle wieder zurück und trat in die Stube ein, worin er geboren worden war. Es geschah im Gefühl, das sich damit ein Ring des Schicksals schließe und eine Forderung erfüllt werde, die die Dinge um des Treuegedankens an uns stel¬ den. Auch die Dinge sind es, die unser Leben begleiten, sie haben ein Anrecht auf Lebendigkeit und auf Beharrung in unserer Liebe. Zugleich aber schien es mir durchaus möglich, das der Sohn übernehmen könne, was der Vater be¬ gründeterweise versäumen mußte, als eine Art Familienschuld, als eine Pflicht des Blutes über den Tod hinaus, die für den einzelnen nicht minder bedeut¬ am ist als etwa für das Leben der Völker. Es lag schon Abenddunkel über dem Gelände außerhalb der Stadt, und es war mir nicht leicht gefallen, das Haus zu finden. Ich hatte mich vorerst zum Pfarrer begeben, um die Nummer ausfindig zu machen, wobei mir zwei junge Kapläne beim Durchforschen der alten Taufbücher halfen. Als wir die Eintragung endlich gefunden, war es auch schon Abend geworden, tiefe Däm¬ merung umspann die Landschaft, und ich erschien mir nun auf der Suche nach dem Hause wie ein abendlich Heimgekehrter nach einer Wanderschaft von hundert Jahren. Ich hatte das Haus allein auch niemals gefunden, doch begegnete von den Nachbarn dieser und jener, der Bescheid wußte, und so sah ich mich schließlich einer kleinen Wiese gegenüber, durch die in der Wuere ein Weglein lief, und ebendieses führte zum Geburtshaus meines Vaters. mit Es stellte sich mir dar als ein überaus bescheidener ebenerdiger Bau die wenigen Fenstern und einer Tür in der Stirnseite, eben jener Türe, durch jetzt für meinen Vater heimzukehren hatte. Zwei der Fenster waren be¬ ich leuchtet und winkten mir zu, und die visionäre Eingebung, die mich plötzlich betraf, war überaus stark. Ich sah meinen Vater, der doch schon lange tot war, als junges Student¬ frohgemut aus der Tür treten, einen kleinen Koffer in der Hand, der sein allesenthielt, was er damals besaß. Wundersam reich aber erstrahlte in seinem Auge froher Mut, Lebenswille, Hoffnung auf Erfüllung seiner jungen Träume. Ich selbst aber, sein Sohn, der zur Genüge wußte, wie wenig von all diesen Träumereien sich hatte erfüllen können, ich schritt ihm nun entgegen, von seltsam tragischer Schwere belastet. Es ist gut, empfand ich, ein Erbe zu sein, und ist es auch nicht. Man wird befrachtet mit den Mühen und Ent¬ täuschungen eines früheren Geschlechts und hat doch selbst genugsam zu tragen an dem, was das Leben verlangt, um sich zu behaupten. Und also kamen wir uns nun auf der dunkelnden Wiese entgegen, mein Vater und ich, und es war jetzt so, das er der hoffnungsfrohe Jüngling war und ich der alternde, um Allzuvieles wissende Mann. Er, der Vater, ging noch die Wege in seine helle Jugend hinaus, ich aber kehrte jetzt heim für ihn auf Wegen der Dunkelheit. 33 2

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