Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1951

Ich suchte mir am Herd ein mildes Stück Kohle — die Kiefer ist so gut und leiht mir die Feder, daß ich das Testament oder was es sein wird, der alten Drachenbinderin vermag aufzuschreiben. Als also der graufarbige Schrank offen stand und ich bereit war, auf die Worte des Weibes zu hören und sie zu verzeichnen, daß sie nach vielen Jahren dem Enkel eine Botschaft seien, da tat die Alte neben mir plötzlich ein helles Aufjuchzen. Eilig wendete sie sich seitab, jauchzte zwei= und dreimal und brach zuletzt in ein heiseres Lachen aus. Ich zerrieb in der Angst die Kohle zwischen meinen Fingern und schielte nach der Tür. Als das Weib eine Weile gelacht hatte, war es still, tat einen tiefen Atemzug, trocknete sich den Schweiß, wendete ich zu mir und sagte: „So schreib! Hoch werden wir nicht zählen, fang' aber doch an in der oberen Eck'!“ Ich legte die Hand auf die oberste Ecke des Deck¬ brettes. Hierauf sprach das Weib folgende Worte: „Eins und eins ist Gott allein. Das, du Kind meines Kindes ist dein Eigen.“ Ich schrieb die Worte auf das Holz. „Zwei und zwei“, fuhr sie fort, „zwei und zwei ist Mann und Weib. Drei und drei — das Kind dabei. Vier und vier bis acht und neun, weil die Sorgen zahllos sein. Bet', als wenn du keine Hand; arbeit', als wenn dir kein Gott bekannt. Trage Holz und denk' dabei: Kochen wird mir Gott den Brei. Als ich diese Worte geschrieben hatte, senkte die Drachenbinderin den Deckel auf den Schrank, versperrte ihn sorgsam und sagte zu mir: „Jetzt hast du mir eine große Guttat erwiesen, jetzt ist mir ein schwermächtiger Stein vom Herzen. Diese Truhe da ist mein Vermächtnis für mein Enkelkind. Und jetzt kannst du sagen, was ich dir geben soll für deinen Dienst.“ Ich schüttelte den Kopf, wollte nichts verlangen, gar nichts. „So gut schreiben lernen und so weit herreisen und eine ganze Nacht harte Kälte leiden und zuletzt nichts dafür nehmen wollen, das wär sauber!“ rief sie, „Waldbauernbub, das kunnt' ich nicht angehen lassen.“ Ich blinzelte durch die offene Türe ein wenig in die Kammer hinein, wo das Kirchlein stand. Das wäre eine prächtige Heiligket für mein Bettlein da¬ Da roch sie's gleich. „Mein Hausaltar liegt dir im Sinn“, sagte sie, heim. — „Gottswegen du magst ihn haben. Man kann's nicht versperren wie die Truhe, das liebe Kirchel, und die Leute täten mir's doch nur verschleppen, wenn ich nicht mehr bin. Bei dir ist's in Ehren und du denkst wohl an die alte Drachen¬ binderin zur Heiligen Stund', wenn du betest.“ Das ganze Kirchlein hatte sie mir geschenkt. Und das war jetzt meine größte Seligkeit meiner ganzen Kind¬ heit. Gleich wollte ich es auf die Achsel nehmen und forttragen über die Alpe 1 he B A 4# S W 9 1 2 AK zu meinem Hause. Aber das Weib sagte: „Du lieber Närrisch, das kunnt' wohl auf alle Mittel und Weis' nicht sein. Kommt erst der Knecht heim, der wird einen Rat schon wissen. Und als der Knecht heimgekommen war und mit uns das Mittagsbrot gegessen hatte, da wußte er einen Rat. Er band mir das Kirchlein mit einem Strick auf den Rücken, dann ließ er sich nieder vor dem Holzbock und sagte: „Jetzt, Bübel, reit' wieder auf!“ So saß ich das zweitemal auf seinem Nacken, steckte die Füße in die Hosen¬ taschen und umschlang mit den Händen seinen Hals. Die Alte hielt mir das 61

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2