Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1912

werde um mich, hörst du? Recht hell heller Tag, während es Nacht ist in mir! Vorwärts, spute dich!“ Kopfschüttelnd und zögernd ent¬ fernte sich der Kriegsknecht, um bald mit den Kerzen wiederzukehren und sie anzuzünden. Der Oberst hatte sich in einen Sessel geworfen, die Arme über die Brust verschränkt, und starrte wortlos, in finsterem Brüten vor sich hin. Da schallte von neuem Pferdegetrappel aus dem Hofe in den Saal. Ralstädt schrak plötzlich auf aus sei¬ nem Sinnen und zitterte heftig, als er dies hörte, doch faßte er sich sogleich wieder. „Es muß sein!“ sagte er halb¬ laut vor sich hin und stand dann, als eben die Türe des Saales sich öffnete und zwei Reiter einen Mann im lan¬ gen roten Mantel, von häßlichem, finsterem Ansehen, der eine Binde vor den Augen trug, hereinführten, hastig vom Sessel auf und trat ihm entgegen. Auf seinen Wink nahmen die Söldner ihm die Augenbinde ab. „Bist du der Scharfrichter von Naumburg?“ fragte Oberst Ralstädt. „Ich bin's!“ versetzte der Befragte etwas furchtsam. #77 „Und wie kommst du hieher? Der Scharfrichter erzählte, daß die ihn begleitenden Reiter vor einer Stunde an seine Türe geklopft und von ihm verlangt hätten, er solle einem vornehmen Herrn, der auf der Heer¬ straße das Bein gebrochen, zu Hilfe eilen. Als er sich dessen nicht gewei¬ gert, habe der eine ihm geheißen, hinter ihm aufzusitzen. Kaum seien sie aber ein Stück von der Stadt entfernt gewesen, so habe man ihm die Augen verbunden und ihn mit sich fortge¬ führt. „Weißt du, wo du bist?“ „Wie kann ich's wissen, da ich nicht sehen konnte? „Kennst du mich?“ „Ich kenn' Euch nicht, Herr! „Recht, du sollst mich auch nicht ken¬ nen, auch nicht wissen, wo du gewesen!“ 19 fiel der Oberst darauf zufrieden ein, zog den Säckel und reichte dem Naum¬ burger Meister fünfzehn Dukaten. „Hier ist Geld! Ist's wohl genug, daß du dafür ihrer drei dekollier? „So Urteil und Recht vorhanden o ja, Herr!“ drei „Hier ist ein Schwert; hat es Häupter gefällt, so mögen meine Reiter dir wieder die Augen verbinden, dich bis ans Buchholz vor Naumburg be¬ gleiten und dann ruhig deines Weges Naum¬ ziehen lassen. Und so du nach burg kommst, magst du deiner Obrig¬ keit berichten, was ich von dir begehrt und du getan, zu Johannes Beyer aber, dem Stadtrichter, magst du ins Haus gehen und seiner Tochter Klara sagen, der fremde Kriegsmann aus Schweden habe gehalten, waser geschworen bei Gott und seinem Ritterwort!“ Hastig schritt der Oberst nach diesen Worten aus dem Saale; kaum war er verschwunden, so führten zwei Reiter einen schlanken, ritterlichen Jüngling von einnehmendem Wesen und mit es war Axe klaren Augen herein — Almanried, der Sohn des Oberst. Als er die rote, finstere Gestalt er¬ blickte, die in dem hell erleuchteten Saal ein blitzendes Schwert schwang seine Wucht zu erproben, zuckte er zu¬ sammen. Sogleichaber warer wieder gefaßt. 77 „Ah, ist's so gemeint, Herr Vater? rief er schmerzlich; „gern sterb' ich nicht, da Klara lebt, doch sei's darum!“ Er hieß dem Scharfrichter mit seinem Schwert eine seiner blonden Locken vom Haupte trennen, zog dann die blaue Schärpe mit der Silber¬ stickerei über dem gelben Koller weg, legte das Wehrgehänge, das ihm so lieb gewesen, ab, die Locke in die Schärpe und übergab nun alles nebst einem Säckel dem Meister mit der Weisung, die Schärpe in sein Blut zu tauchen und dann Johannes Beyers Tochter zu überbringen und sie viel tausendmal zu grüßen. Als der Meister ihm das zugesagt, riß er das Koller auf, löste den Halskragen, entblößte 24

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