Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1911

beteten leise. Ihnen war der jähe Tod hier oben kein Fremder. Schon manch einen hatten sie so gefunden — ein fallender Stamm, ein schmetternder Stein, eine niedergehende Frühlings lawine hatte auch aus ihren eigenen Reihen schon jählings manch blühendes Leben gerissen. Geraume Zeit verging — da ver¬ nahm man ansteigende Schritte. Der greise Pfarrer war's, der Bürger¬ meister, der Ortsgendarm, der Bader und etliche, die Neugierde und Teil¬ nahme mitgeführt hatte. Ihnen allen voran eilte ein Mäd¬ chen. Ihre goldenen Haare hatten sich im Laufe gelöst und umwallten sie wie ein Strahlenkranz. Ihre zarten Wan¬ gen waren gerötet, ihr Atem flog, ihr Auge suchte und fand. Sie preßte die Hände an die Brust. „Sei Mutterl hat recht!“ stammelte sie, und es war ihr, als wollte sie sich neben dem Vater über den Körper des verunglückten Geliebten werfen. Aber sie faßte sich rasch in ihrem unendlichen Leid. Auf ein Knie nieder¬ gesunken, strich sie leise mit sanfter, liebkosender Hand über die bleiche Stirn Martls und prüfte mit vorsich¬ tigem Finger die Stelle, wo zwischen den Haaren das Blut hervorsickerte, dann schlang sie das Tuch vom Halse es war dasselbe, das er ihr gestern ge¬ schenkt hatte —und eilte zu der nahen Quelle. Der Meierhofer hatte sich wie aus einem Traum erhoben, als die Hand des Pfarrherrn milde seine Schulter berührte. „Habt Mut!“ sagte der greise Priester. „Der Herr wird's richten!“ Eine große, schwere Träne, die keiner als er sah, rollte dem Pfarrer auf die Hand, die er dem Bauern gereicht hatte. Beredter als tausend Worte erzählte sie ihm das unnennbare Leid, das den starken Mann durchschütterte. Da kam Vroni von der Quelle zurück und preßte den kühlenden Verband auf die Wunde. Kaum noch hatte das feuchte 15 Tuch Martls Kopf berührt, da öffneten sich seine Augen und ein kurzer, ver¬ ständnisloser Blick traf die Versam¬ melten. „Martl!“ jauchzte da der Meierhofer, aus seiner Erstarrung zu neuem Hoffen erwachend. Er kniete neben den Sohn nieder, faßte und preßte dessen schlaffe Hände und wiederholte: „Martl, Martl! Aber das Auge des Ruhenden öffnete sich nicht wieder. „Dem Himmel sei Dank!“ sagte der Pfarrherr. „Er lebt! Nun laßt uns nichts versäumen, was zu seiner Pflege nötig ist. Inzwischen hatte sich der Bader zu dem Verletzten gebeugt und träufelte ihm einige Tropfen Wein zwischen die Lippen. Der Meierhofer war aufge¬ standen und entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit. „Nimm's beste Pferd,“ sagte er zu dem Oberknecht, „reit' nach Murnau hol' den Doktor! Aber erschreck de Bäurin nit zu arg — sag' ihr —sag ihr: Er lebt! Er ... Der Kummer brach ihm die Stimme. O Gott, er wußte ja, welchen Todes¬ chrecken sie haben würde. Dann eilte er zu den Holzknechten. Eine Tragbahre ollten sie rasch fertigen und mit Moos füllen, weich mit Moos, daß er keinen Schmerz hätte beim Hinuntertragen. Dazwischen kam ihm Vroni in den Weg, die wieder zur Quelle geeilt war. „Vroni“, murmelte er mit unsicherer Stimme und legte seine zitternde Hand auf ihren Arm. „I vergiß dir's net i vergiß dir's g’wiß net! Es soll mir a Wink vom Himmel sein, daß er wieder zum Leben kommen is, wie du ihn an¬ g’rührt hast! Sie sah mit ihren klaren Augen freundlich zu dem Meierhofer auf. „Wenn nur der Martl wieder gesund wird!“ sagte sie schlicht. Er nickte. Ja, sonst hatte die Welt keinen Wunsch in dieser Minute. Der Bader, lauschend über die Brust des Verletzten gebeugt, konstatierte das

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