Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1908

62 Sie standen vor dem Gasthaus und fingen ihr Kon ert an, da trat der Wirt mit zornroten Gesicht heraus: „Was, am Sonntag fideln? Det is verboten, marsch fort von hier!“ So schleppten sie sich müde, todmüde weiter in der brennenden Mittagshitze, immer weiter, immer weiter. Gegen Abend kamen sie an ein Schloß; noch einmal wollten sie versuchen, sich etwas zu verdienen und verzweifelt fingen sie an zu spielen, und zwar das wunder¬ schöne niederländische Gebet. Sie mein¬ ten, dieses müsse am Sonntag erlaubt sein; aber da erschien auch schon der Kastellan des Schlosses und winkte ge¬ bieterisch mit der Hand zum Weggehen. Also wieder nichts. Sie mußten sich nun darauf gefaßt machen, bis morgen zu fasten, zu hungern und zu dürsten und wieder im Freien die Nacht zu ver¬ bringen. Da tauchte hinter dem Kastellan ein Engelsangesicht auf, die junge, schöne Tochter des Hauses, die von der wunder¬ baren Melodie des ihr bekannten Gebetes angezogen herzutrat, um zu sehen, wer es da so schön spiele „Warum hören Sie auf?“ frug sie. „Spielen Sie doch weiter!“ Marr sah auf den Kastellan: „Der Herr hat es verboten.“ „Frau Gräfin werden nicht gestatten, „ gnadigste Komtesse, daß am Sonntag Musik gemacht wird“, sagte der Kastellan im unterwürfigen Tone Die Komtesse achtete nicht auf ihn. „Bitte spielen Sie, ich möchte es noch einmal von Anfang an hören.“ Und die beiden spielten, spielten es unbewußt so schön, als ob sie alles ver¬ gessen, ihre verzweifelte Lage, Hunger Durst, die Frackschöße, alles, alles, und nur in der Musik schwelgten. Unbemerkt war auch die Gräfin her¬ zugetreten und lauschte wie ihre Tochter dem schönen Spiele. Als die beiden ge¬ endet, dankten ihnen die Damen, und die junge, schöne Komtesse entnahm ihrem Geldtäschchen ein Goldstück, das sie Zil¬ lich reichte, der ihr am nächsten stand. Er nahm es dankend, indem er wie ver¬ zaubert in das holdselige Gesichtchen vor ihm blickte. Da wurde es dunkel vor seinem Auge, die Hitze, der Hunger, die Aufregung, der Frack... „Einen Tropfen Wasser“, flüsterten eine bleichen Lippen. „Wir haben seit gestern abends nichts genossen“ echote Marr, der, immer klug und schlagfertig, die Gelegenheit be¬ nützte, hier, ohne zu betteln, etwas für ihren knurrenden Magen zu bekommen. Er hatte sich nicht geirrt. Das gute Herzchen der Komtesse floß vor Mitleid über. „O Mama, seit gestern nichts ge¬ gessen“, wandte sie sich an die Mutter. „John“, rief diese dem Diener zu, der eben in der Tür erschien, „man soll den beiden Männern hier sofort in der Küche tüchtig zu essen geben. —Kommen Sie“ wandte sie sich an Marr und Zillich. Sie ging voran, zur Küche, die beiden folgten, die Komtesse, die zurückgeblieben war, um mit dem Kastellan zu sprechen der etwas von „unglaublichem Mitleid mit dem Bettel= und Vagabundenvolk in seinen Bart murmelte, schickte sich an den anderen in die Küche zu folgen, als sie Zillichs Frack gewahrte, der denselben bisher ängstlich versteckte, indem er sich immer so gedreht, daß man seine Rück¬ seite nicht sah, jetzt aber, im Vorge¬ schmacke der kulinarischen Genüsse, die ihn erwarteten, seiner Hinterseite ganz vergessen hatte. Die Komtesse brach in ein schallendes Gelächter aus. Der An¬ blick war aber auch zum Totlachen; nicht nur, daß die Frackschöße ganz fehlten sondern durch die Bewegungen beim Spielen hatte sich das Hemd herausge¬ drängt und bildete große Bauschen an verschiedenen Stellen; überall waren die Nähte geplatzt, man sah mehr Weißes wie Schwarzes. Dunkelrot vor Scham drehte sich Zillich um und schassierte schnell an eine Mauer, um sein Hinter¬ teil den Blicken der Komtesse zu ent¬ ziehen. Diese bereute schon, daß sie sich zu dem lauten Heiterkeitsausbruch hatte hinreißen lassen, und während die beiden sich's gut schmecken ließen — und wie

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