Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1903

Es. Bülow. Von H. v. da füllte. Man wollte erst „klein“ taufen, weh, es war ein Mädchen! ge¬ es der erwartete Stammhalter nicht Gar nicht in den Sinn war wesen, aber bei dem reichen Bekannten¬ es ihnen gekommen, daß es und Verwandtenkreis war es trotzdem zu ein Mädchen sein könnte! Wie einer großen Taufe gekommen. Der hatten sie sich auf einen Jungen gefreut Pastor war eben eingetreten. Die männ¬ das erste Kind muß doch ein Junge, lichen und weiblichen Pathen ordneten ein Stammhalter sein! Hans Wolfgang sich, als erstes Paar der Vater des Doc¬ sollte er heißen, zwei Namen sollte er tors, der alte Justizrath Berns, mit haben, Hans Wolfgang, das klang so vor¬ weißem Haar, ein jovial aussehender nehm, und nun lag es da in der Wiege Herr, führte die Schwiegermutter seines und zappelte mit den kleinen Füßchen Sohnes am Arm, als letztes Paar ein und Händchen, ein herzliebes Kindel, mit älterer Herr mit einem jungen Mädchen, sonnigen, blauen Augen und dunklem einer entfernten Verwandten der Berns. Lockenhaar, schon in der Wiege eine Rosalia Wintheim, dies der Name des Schönheit, aber — ein Mädchen! In der jungen Mädchens, war eine zarte schöne Verlegenheit des ersten Augenblicks, wo Erscheinung, in einfachem weißem Mull¬ man doch keinen Namen so schnell bei der kleid, was sie zu dem reichen dunklen Hand hatte, denn das will ja doch überlegt Haar und dem brünetten Teint pracht¬ sein, besonders bei einem Mädchen, nannte voll kleidete. Die übrige Gesellschaft stellte man das kleine Wesen Es, und jetzt, wo sich im Halbkreis auf, nur die junge Mut¬ die Taufe vor der Thüre stand, wo es ter, in einfacher, grauseidener Toilette den schönen Namen Dorothea erhalten saß in einem Fauteuil, ihr vis-à=vis sollte, wurde es nach wie vor mit Es be¬ lehnte ihr Gatte, der Doctor, ein großer zeichnet. Es schreit! hieß es, und die Mut¬ breitschulteriger Mann mit dunklem Haar ter flog vom Tisch, um Es zu beruhigen und Vollbart, am Kamin. Die Amme „Schläft Es?“ mit diesen Worten trat „ kam mit dem Taufling, um ihn der ersten der Vater, wenn er von seinen Besuchen Pathenmutter auf den Arm zu legen. Es nach Hause kam, ins Zimmer, bog sich war sich wohl bewußt, daß es sich, da es zärtlich über die kleine Wiege, in welcher die Erwartung der Eltern getäuscht, in Es mit sanft angehauchtem Gesichtchen jeder Hinsicht brav benehmen mußte, denn die langen seidenen Wimpern auf den 13 es lag fein still und sittig in seinem weißen runden Wangen, in süßem Schlummer duftigen Spitzenkleidchen auf dem seidenen lag. Trotz des erwünschten Jungen war Kissen und die Augen blickten groß und Es bald der Abgott des ganzen Hauses erstaunt die Taufmutter an. Der Pastor und tyrannisirte Groß und Klein. zum sprach. Es wanderte von einem Arm Im eleganten Salon der ersten Etage — dem anderen, jetzt lag der Taufling auf der großen, geräumigen Villa, die dem Arm der jüngsten Taufmutter, auf dem Dr. Berns, einem der gesuchtesten Aerzte Arm der schönen Rosalie — ein reizendes der Stadt gehörte, hatte sich eine elegante Bild: das ernste, schöne Mädchen, sich tief Gesellschaft versammelt, Herren im Frack herabbeugend auf das holde Kind, das Damen in seidenen Gewändern. Das plötzlich verlangend die kleinen, dicken Tageslicht war durch dichtgeschlossene. Händchen ausstreckte und das Mündchen schwere, rothseidene Draperien abgeschlos¬ zu lieblichem Lächeln verzog. Die Mutter sen worden, das reiche elektrische Licht lächelte, unwillkürlich flog ihr Blick zu ergoß sich in graziösen Kelchen und Tul¬ dem Gatten, als wollte sie ihn auf das pen vielfarbig über den ganzen Raum, der entzückende Bild aufmerksam machen, da sich nach und nach mit der Taufgesellschaft

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