Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1902

86 daß die Blutgefäße des Gehirnes schadhaft ge¬ worden waren; motorische Paralyse war nicht vorhanden. Der Reise nach Osborne am 18. De¬ cember folgte eine ungewöhnliche Nervener¬ schöpfung und wenige Tage vor der letzten Krankheit erregten vorübergehende, aber repeti¬ rende Anfälle von Torpor und Apathie mit zunehmender aphasischen Symptomen und Schwäche große Besorgniß bei den Aerzten. Das Herz schlug regelmäßig bis zum Ende, die Temperatur blieb stets normal. Wenige Stunden vor dem Tode trat Paresis der Lungennerven ein. Außer dem geringen Verflachen der rechten Gesichtshälfte war nie motorische Paralyse vor¬ handen und außer den genannten Momenten der Gedankenschwäche war der Verstand nie ge¬ trübt; bis wenige Augenblicke vor dem Tode erkannte die Patientin die verschiedenen Mit¬ — glieder ihrer Familie. Schwere Sorgen verursachte der Königin noch in ihren letzten Lebenstagen das seitens der Engländer muth¬ willig heraufbeschworene Blutvergießen in Südafrika. Als die Königin den aus Südafrika rückgekehrten Lord Roberts empfing, war sie nicht mehr in der Lage, umfangreiche Berichte entgegenzunehmen. Gleichwohl fragte sie nack dem Stande der Dinge in Südafrika, und als Lord Roberts auf die Frage der Königin, wie lange der Krieg noch dauern werde, die Antwort er theilte „Das weiß ich nicht, Majestät“ erkannte die Königin, daß das Ende des Krieges unab¬ sehbar fern und der Ausgang zweifelhaft sei und diese Erkenntniß wirkte auf sie so tief, daß die Verschlechterung ihres Befindens daraus er klärlich wird. — Am 4. Februar wurde die Leiche der todten Königin an der Seite ihres im Tode ihr vorausgegangenen Gatten, des Prinz=Gemahls Albert, in Frogmore beigesetzt. Königin Victoria war am 24. Mai 1849 als Tochter des Prinzen Eduard von Großbritannien Herzogs von Kent und seiner Gemahlin Victoria verwitweten Fürstin zu Leiningen, geborenen Prinzessin von Sachsen=Coburg=Gotha, geboren. Sie folgte ihrem Oheim, König Wilhelm IV. am 20. Juni 1837 in der Regierung und ver¬ mählte sich am 10. Februar 1840 mit Albert Prinzen von Sachsen=Coburg=Gotha, der am 14. December 1861 starb. Als ihr Nachfolger be¬ tieg ihr Sohn, Kronprinz Albert Eduard Prinz von Wales als Eduard VII. den Thron Gro߬ britanniens. Er ist am 9. November 1841 in London geboren und seit 10. März 1863 mit Alexandra Prinzessin von Dänemark vermählt. Am 25. September 1900 wurde das eng¬ lische Parlament aufgelöst. Die im October vollzogenen Neuwahlen ergaben für die Re¬ gierung eine Majorität von 132 Stimmen. Nachdem Lord Salisbury altershalber die Stelle eines Ministers des Aeußern niedergelegt und mit Rücksicht auf das Ergebniß der Neu¬ wahlen wurde das englische Ministerium am 1. November 1900 wie folgt reconstruirt: Salisbury: Premierminister und Lord Ge¬ heim = Siegelbewahrer; Ritchie: Inneres; Lansdowne: Aeußeres; Brodrick: Krieg Selborne: Marine; Gerald Balfour: Handel; Am Walter Long: Localverwaltung 14. Februar 1904 fand die Eröffnung des Parla¬ mentes durch König Eduard VII. in besonders feierlicher Weise statt. Die Anfangs October 1900 gemeldete Er nennung Lord Roberts zum Oberbefehlshaber der britischen Armee an Stelle des Feldmarschalls Wolseley liefert den Beweis, daß die britische Regierung gesonnen, die Reform des englischen — was das Landheer an¬ Heerwesens, das — wie der noch immer nicht beendete belangt Burenkrieg darthut, gewiß nicht auf der Höhe einer Aufgabe steht, ernstlich anzubahnen. Daß die Ernennung Lord Roberts auch eine An¬ erkennung seiner Verdienste um das Vaterland durch die „siegreiche“ Durchführung des Buren¬ wie in englandfreundlichen krieges bedeute — Kreisen verlautete — ist bei dem gegenwärtigen Stande der Kriegsereignisse in Südafrika wohl nur eine tropische Redeblume. Am 28. October 4900 starb in Oxford der berühmte Philologe und Sanskritforscher Friedrich Max Müller. Er war am 6. December 1823 zu Dessau als Sohn des Liederdichters Wilhelm Müller geboren. 1850 wurde er an die Oxforder Universität berufen und 1860 zum ersten Professor der von dieser Universität neu¬ gegründeten Lehrkanzel für vergleichende Philo¬ logie ernannt. 1875 legte er seine Professur nieder, blieb aber in Oxford. — Am 9. Juni 1901 starb in London der englische Schriftsteller Sir Walter Besant und am 10. Juni eben dort der englische Dichter Robert Buchanan Beide Männer, welche zu den hervorragendsten Vertretern der englischen Literatur gehörten. Besant war 1838 zu Portsmouth geboren; er befaßte sich eingehend mit dem Studium der älteren französischen Dichtung, dessen Früchte er in mehreren umfangreichen Werken niederlegte auch war er ein vielgelesener Romanschriftsteller. Robert Buchanan, am 18. August 1841 ge¬ boren, schrieb ebenfalls eine Reihe vielgelesener Romane, ferner mehrere Dramen, Lustspiele und einige größere epische Dichtungen. Rußland. Am 18. Juni 1904 wurde die Kaiserin von Mitte Rußland von einer Tochter entbunden. Olga März verlobte sich die Großfürstin Alexandrowna, eine Schwester des Kaisers Nikolaus, mit dem Prinzen Peter Alexan¬ drowitsch von Oldenburg. Am 3. Juli 1900 veröffentlichte der „Re¬ über gierungsbote“ den Wortlaut eines Ukas eine theilweise Aufhebung der administrativen Der Verschickung (Deportation) nach Sibirien. —

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