Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1900

48 in der Fremde zu dienen, als zu Haus, Anne=Marei's kräftige Natur über¬ wand, gegen des Arztes Erwarten, die wo sie es noch nicht gelernt, sich wieder schwere Krankheit, welche sie Wochendaheim zu fühlen? lang an das Bett gefesselt hielt. Ihr Gedankengang wird plötzlich Ohne Freude und Verlangen schaute unterbrochen durch eilige Schritte hinter sie dem Leben entgegen, in dem sie schiff¬ ihr, aber sie blickt sich nicht um; wer brüchig geworden und einen einzigenwird von ihr etwas wollen! Mißgriff so theuer bezahlt hatte. Es war Diesmal irrt sich Anne=Marei jedoch ein Glück, daß sie zu den dankbaren es gibt Einen; der etwas von Naturen zählte und daß sie „ihren Stolz ihr will! hatte,“ wie es im Dorfe hieß. Sie wollte Der Mann, welcher jetzt, nachdem dem Vater die karge, ihr in der elften er sie eingeholt, seine Schritte verlang¬ Stunde erwiesene Liebe, nicht schuldig samt und bescheiden „mit Verlaub“ sagt, bleiben und da sie auf keine andere wie er sich ihr zugesellt, ist kein Anderer Weise erkenntlich sein konnte, arbeitete als Derjenige, dem sie vor Jahren den sie für ihn. Aber diese Arbeit bracht Nazi vorgezogen hat. Oftmals haben sich viel Schmerzliches, denn sie durfte sich either Anne=Marei's Gedanken mit ihm dabei nicht der fortwährenden Berührung beschäftigt; aber gewaltsam hat sie die mit Leuten entziehen, welche alle ihre Augen geschlossen vor der Ueberzeugung, Geschichte in ihren traurigen Einzelnhei¬ die sich ihr dabei unwillkürlich aufdrängte ten kannten und sie mit Neugier oder Sie hat ja nicht anders gekonnt, wenn einem Mitleid betrachteten, das ihren sie ein ehrliches Weib bleiben wollte, Stolz verletzte. und nachher — seit sie wieder frei ist Es ging in's zweite Jahr, seit Nazi da war es zu spät — viel zu spät Bäumer's Weib Witwe geworden und so sagte sie sich. der Frühling hatte schon seine ersten Nun aber erklärt ihr der schlichte Boten in die Welt ausgeschickt. In Anne¬ Mann an ihrer Seite, daß Mancher sein Marei's Stübchen stand in einem Glase Glück nach langen Prüfungen erst zu ein großer Veilchenstrauß; den wollte finden vermag und daß er es jetzt mit ie vor der Vesperzeit, wo man sie in der hr zu suchen gesonnen ist Wirthschaft leicht entbehrte, dem Wende¬ wenn sie nur will. lin auf's Grab bringen. Es waren die Am guten Willen dazu scheint es ihr ersten Veilchen und ihr Büble hatte nicht zu gebrechen, denn als sie zu vor¬ immer seine Freude an den Blumen gehabt. gerückter Stunde (viel zu spät für's Der Gang zum Kirchhof gab ihr nun Vesperbrot!) mit Toni Lomand, dem jedesmal einen Stich in's Herz, denn Schreinermeister, in die „Sonne“ zurück in einer Ecke desselben, welche kein kommt und erzählt, wie sie sich eben Kreuzchen zierte, lag der Nazi einge¬ ihrem Begleiter anverlobt, da strahlt ihr — charrt der einzige Selbstmörder im Gesicht vor innerer Zufriedenheit und Dorfe seit Menschengedenken ... die Hoffnung auf ein spät erreichtes Wie Anne=Marei heute hinauswan¬ Glück — nicht an der Seite eines schönen, derte mit ihrem duftenden Sträußchen aber eines grundbraven Mannes hat in der Hand, überlegte sie es sich ernst¬ schon begonnen, auch in ihrem Herzen lich, ob sie es daheim noch viel länger Wurzel zu schlagen. aushalten könne. Wär' es nicht besser B „R

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