Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1896

er von Zeit zu Zeit die Erinnerung an sich durch irgend einen gelungenen Beute¬ zug auffrischte. Im Jahre 1867 war Copper Tom mit einigen Vertrauten wieder in den Heimatstaat Montana gelangt. Die ihm befreundeten, schon häufig bei seinen Unter¬ nehmungen zur Seite gestandenen Indianer veranlaßte er zu Feindseligkeiten gegen seine Landsleute, damit manche der von ihm geplanten Straßenanfälle auf Reisende ihnen einstweilen beigemessen werden könnten. Das war so seine Taktik immer ge¬ wesen, die Muthmaßungen für die Aus¬ führung des begangenen Verbrechens ent¬ weder auf die Indianer oder auf sonstige Bundes= und Berufsgenossen zu lenken Gelang es ihm doch hauptsächlich dadurch, sich rechtzeitig den Rückzug vom Schau¬ platze der That zu sichern Im Dienst der Paketbeförderungs¬ Compagnie in Galatin, befand sich James Butler, ein alter ergrauter Postkutscher von dem die Wundersage erzählt wurde, nie durch Beraubung irgend ein seinem Schutze anvertrautes Gut verloren zu haben, und doch waren die Straßenräuber auf der Route Galatin nach Helena stets dicht gesät. Er fuhr seine vierspännige Sommer¬ kutsche oder sein Tilbury im Winter schon über dreißig Jahre täglich und hielt seine siebzig englische Meilen genau ein, obgleich die Fahrstraße durch die wildesten Gegenden führte, durch die gefährlichsten Abgründe bald durch fließende Gewässer, manchmal durch dunkle Schluchten und zwischen riesen¬ haften Waldstrecken vorbei. Trotz alledem durfte sich James Butler tolz der glücklichste Fahrer nennen, der seine Zeit einzuhalten wußte und der Ge¬ sellschaft am meisten zu erhalten und zu retten verstanden hatte. — Aber wenn nun doch einmal das Unglück es wollte?! Es war wahrhaftig keine leichte Hand, die des Schicksals Genius auf ihn gelegt hatte. Es mochte sechs Uhr Morgens sein, als Butler vor die Thüre des Expeditions¬ bureaus mit seinem Fuhrwerke vorfuhr 57 um die verschiedenen Eil= und Ladegüter, sowie die eingeschriebenen Passagiere abzu¬ holen. Das Wetter war unfreundlich, na߬ kalt und ließ auf einen unangenehmen Tag deuten. Butler hatte bereits fünf Minuten gewartet, um die Thüre sich öffnen zu ehen, aber Niemand erschien. Da endlich ah er vom Bocke aus, daß der Expedi¬ tionschef ihm vom Fenster aus winkte, hineinzukommen. Die Zügel über das Knieebrett hängend, stieg Butler vom Bock und betrat das Comptoir. Der Chef schloß hinter ihm die Thür und zog ihn ins Nebenzimmer, wo er fast flüsternd sagte: „Butler, wir haben heute 15.000 Dollars in baarem Gelde zu ex¬ pediren.“ „Sehr wohl!“ antwortete Butler. „Ich habe, Gott sei Dank, schon mehr zu be¬ ördern gehabt, und es ist prompt und icher besorgt!“ —“ flüsterte der Chef „Ja — aber ihm weiter zu, „Herr Marnisch ist krank und — es ist für den Augenblick kein Wagenmeister zur Stelle!“ „Ah!“ sagte nachdenklich Butler und uchte nach seinem Revolver, welcher ihm um den Hals hing, „dann will ich Beides in einer Person sein, Herr — Wagen¬ meister und Kutscher!“ So habe ich mir Deine Antwort ge¬ dacht, Butler!“ erwiderte der Expeditions¬ chef. „Jedoch — es ist etwas Wichtiges zu bedenken!“ — Mit diesen Worten lehnte er seinen Mund an Butler's Ohr. „Copper Tom und sein Genosse „Old Jim' machen die Straßen wieder unsicher. Mir wurde noch soeben von einem Raubanfalle auf inen Kaufmann aus Craß=Trees erzählt, den sie vorige Nacht unternommen.“ Ueber Butler's Lippen glitt langsam dem ein leiser Pfiff, seine Hand hatte nach iel Revolver gefaßt, bei dieser Mittheilung sie schwer zur Seite. Er hatte schonzu ge¬ viel von Copper Tom's Schandthaten hört, um ihn nicht zu kennen und doch im ersten Augenblick etwas ängstlich zu werden.

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