Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender 1896

Ich bin von Melide, das heißt ich wohne jetzt da, ich bin dort Arzt. „Wir nehmen also Ihr freundliches Anerbieten nun umso eher an. Sie sind also Arzt — wohl ein Deutscher?“ „Nein,“ sagt der junge Mann,„ich bin ein Tessiner, aber ich habe auf deutschen Universitäten studirt. Ich bin“ und hier wendet sich das Gesicht des jungen „ Madchens ihm zu und er schaut ihr fest in die Augen des „ich bin der Sohn Lehrers von Massagno. Die schöne Blondine ist bis unter das krause Haargelocke erröthet, das unter dem breiten Hute hervor sich über die weiße Stirn drängt. Riccardo Campioni sieht es. „Sie ist es und sie weiß es noch!“ denkt er, wendet sich aber lächelnd zu der Mutter, die eine Hand auf des Doctors Arm legend mahnt: „Müssen wir nicht etwa schneller geh'n?“ „O nein, gnädige Frau, Sie haben vollkommen Zeit. Ich bürge dafür. „Massagno“ beginnt die Mutter, „das ist doch dicht bei der Stadt, nahe am Bahnhofe, nicht wahr?“ „Ganz recht, gnädige Frau, nahe am Bahnhofe, oben liegt die Villa Washing¬ ton. Riccardo sieht seitwärts nach dem Fräulein hinüber. Kein Ton, kein Blick mehr von da. Der feine Mund ist fest ge¬ schlossen, die Augen blicken kalt in eine weite Ferne. Die Wandelnden näherten sich, an reichen Gärten vorüber, aus denen Feigen¬ bäume ihr tiefgrünes Laub erhoben und Granaten ihre glutrothen Blüthen zeigten allmählich der Schiffslände. Sie kamen zur rechten Zeit. Der Dampfer rutschte heran, legte sich fest an die knarrenden Pfosten des Piers, und chnell erfolgte der Wechsel der Fahrgäste und der Waaren. Die Mama bedankte sich für die kleine Gefälligkeit herzlich in einfachen Worten indem sie dem jungen Manne die Hand 51 reichte. „Wir wohnen in der Villa Washing¬ ton. Sie kennen sie, Herr Doctor?“ „Ich kenne die Villa sehr gut, Frau Gräfin,“ entgegnete der junge Arzt schnell, „ich erinnere mich der Villa sehr genau Glückliche Reise, meine Damen, das Schiff geht! Margot v. Schellendorf hatte den Italiener mit einem schnellen Blicke ange¬ ehen, als er das Wörtlein sehr so scharf und hastig betonte. Ein furchtbarer Blick war es gewesen, dem ihr Auge begegnet war, und da hatte er, aus seinen schwarzen Augen sie haßglühend ansehend, daß sie erbebte und erbleichte, bedeutsam hinzu¬ gefügt: „Ich erinnere mich der Villa sehr genau, Frau Gräfin!“ Das Schiff wandte sich brausend dem gegenüberliegenden Campione zu, die junge Comtesse mit einer unbeschreiblichenAuf¬ regung im Herzen über die blaueFluth tragend, während der junge Mann, dessen haßerfüllter Blick ihr solches Entsetzen be¬ reitet hatte, drüben, ihr nachblickend, am Ufer stand. „Sie ist wunderbar schön, ein herr¬ liches Weib. O, so mögest Du Einen finden unter Denen, die Dich lieben werden, der Dir Dein Leben zur Last macht, der Dich alle Schmerzenspein der Erde fühlen läßt, die Pein verschmähter Liebe, und der Dich haßt, wie ich Dich hasse, Du elendes Ding!“ * * * Die Gräfin Schellendorf, Mutter, hatte einen Monat lang eine merkliche Besserung eines alten Brustleidens verspürt, wegen dessen sie den Süden aufgesucht hatte. Sie fühlte sich recht wohl, und eines Tages chlug sie ihrer Tochter vor, einen größeren Ausflug zu unternehmen. Auf den San Salvatore, Mama? meinte Margot. Eine „Besteigung“ des San Salvator ist jetzt eine recht einfache Sache. Früher hatte man doch stets zwei bis drei Stun¬ en steilansteigenden Weges, jetzt setzt man ich am Fuße des Berges in einen be¬ 4*

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