Zwanglose Blätter, Nr. 53, vom 16. September 1848

226 mißliebigen Lieberalen, sondern ihre Gegner „auf den Beistand der Sensen= und Dreschflegel vertrauen dürfen.“ Es ist bei dieser Stelle nicht zu übersehen, daß der bespro¬ chene ministerielle Artikel, „den bäuerlichen Abgeordneten Galiziens“ über ihre „Ergebenheit an das Recht und die Würde des Thrones“ ein tiefes Kompliment macht. Am Schlusse des Artikels wird das Ministerium sammt seiner Majorität und seinen Plänen mit seltener Offenheit karakterisirt. Seit ich diesen Schluß gelesen habe, ererziere ich die Compagnie der Nationalgarde, deren Hauptmann ich zu sein die Ehre habe, viel fleißiger als früher. Es heißt dort: was das Ministerium thue, sei nicht Reaktion, sondern — Reparation!! das Ministerium wird mit einem Uhrmacher verglichen, der klugerweise nicht mit Schmiedehämmern, sondern mit feinen Werkzeugen eine alte Uhr reparirt! Ich bin ganz der Meinung jenes Champion des Mi¬ nisteriums, daß „diesem Gleichnisse Wahrheit schwerlich ab¬ zusprechen sein wird.“ Fein sind seine Werkzeuge und un¬ verkennbar sein Streben, die alte Uhr wieder in Gang zu bringen. Aber wie genau sie dann auch gehen möge — es bleibt das alte Werk, und vor dessen Getriebe bewahre uns für alle Zukunft der Himmel — unser gutes Recht — und unser deutscher Muth! Aler. Jul. Schindler. Zur Geschichte des Tages Es ist eine alte Geschichte, sie bleibt aber ewig neu, aber auch wahr, daß man, um Krieg zu führen, Geld, aber¬ mals Geld, und noch sehr viel Geld haben müsse. Wenn wir nicht irren, führt Jellachich Krieg, oder so eine Art Krieg; hiezu dürfte er wohl auch Geld benöthigen. Die Ungarn geben ihm vielleicht solches nicht, die über die Donau kommenden Serben werden ihm solches wohl auch kaum bringen, — woher erhält der Banus nun dals Geld? — Bei dem Sturme, den die Serben auf Weißkirchen wiederholt versuchten, soll den Letztern eine ganz neue Kanone abgenommen worden sein, die das Zeichen der Wie ner Bohrung hatte. Haben die Serben diese Kanone ge¬ kauft, oder haben sie solche von irgend Jemanden als Ni¬ kolaus=Geschenk erhalten? Aus Wien. Die Swoboda=Aktien, ein Kreditspapier für kleine Gewerbsmeister und für Arbeiter, welche schon vorgestern Abend die Veranlassung zu einem Krawalle ge¬ wesen, waren gestern die Ursache von einem neuen, hefti¬ geren Krawalle, von einer Invasion im Ministerium und von einer Maßregel, deren Ergreifung man bei einer sol¬ chen Gelegenheit nicht leicht erwartet hätte: die Herbei¬ ziehung des Militärs. Die Inhaber der Swoboda=Aktien verlangten vom Ministerium des Innern Garantie für die¬ Neu Die Ereignisse des 12. und 13. September 1848, welcht in Wien zumeist veranlaßt von den Besitzern der Swoboda=Ak¬ tien Statt fanden, geben einen neuen Beweis, wie wenig der Sinn für Gesetz und Ordnung noch alle Schichten der Gesell¬ schaft durchdrungen hat Doch gelang es den Garden und na mentlich der vielverdienten akademischen Legion die äußer Ruhe wieder herzustellen. Das ausgerukte Militär wurde zuruck gezogen, böswillige Geruchte, welche namentlich wieder auf die Legion gemunzt waren, veranlaßten den Reichstag sich für per¬ manent zu erklären, obwohl niemand einsieht, wozu die Per¬ manenz eines constituirenden Reichstages helfen soll. Die Minister mußten während den Stunden dieser Permanenz bittere Wahrheiten über ihre Unpopularität vernehmen. Ueber einen Antrag votirte der constituirende (!!) Reichstag den Mini¬ stern einen Credit von 2 Millionen zur Unterstützung der kleine¬ ren Gewerbtreibenden. Das ist eine sehr heilsame Maßregel und sie hätte längst von den Ministern ergriffen werden sollen; der Reichstag aber überschritt damit schon wieder einmal seine Vollmachten, wie überhaupt niemand in unserem lchen Grund hin, ob auf Zusagen oder viel¬ rrigen Meinung, das Handels= oder Arbeiter¬ Ministerium müsse auch Privatunternehmungen dieser Art unter Staatsgarantie nehmen, wissen wir und wußten auch die Betheiligten nicht zu sagen. Das Ministerium weigerte sich, der Anforderung Folge zu leisten, und es entstand ein gewaltiger Auflauf, man drang in das Ministerial=Gebäude und überließ sich dort Ercessen. Die herbeigezogenen Ab¬ theilungen von Nationalgarden wurden zum Theile zurück¬ gedrängt, zum Theile verweigerten sie sich, gegen ihre Ka¬ meraden und Mitbürger Waffengewalt anzuwenden. In Folge dessen wurde vom Ministerium Militär requirirt, welches sich auf dem Judenplatze aufstellte. Dies war kaum geschehen, so zogen Abtheilungen der akademi¬ schen Legion heran, die heute noch von derselben Be¬ geisterung für die Freiheit durchdrungen ist, als an dem Tage, an welchem sie den Ruf nach ihr erhob. Sie und mehrere Chefs der Nationalgarde protestirten gegen die Herbeiziehung des Militärs und bewirkten, daß das Mili¬ lär Befehl zum Abmarsche erhielt. Später wurden die Zu¬ gänge zu dem Ministerium des Innern durch Nationalgarde abgesperrt. Minister Dobblhof hat mittelst eines Anschla¬ ges bekannt gemacht, daß zur Liquidation der Swoboda'¬ schen Aktien eine Kommission niedergesetzt werde, welche von heute an selbe einlösen solle. Hum. stes. Staate sich so eigenmächtig, so ab solut benimmt, als eben dieser Reichstag. Uebrigens bleibt die leichte Erregbarkeit Wiens ein unläng¬ barer Beweis wie gering das Vertrauen des Volkes zur gegen¬ wärtigen Regierung ist. Nachdem wir nun die Wiener=Berichte vollständig gelesen haben, sehen wir uns zu folgenden Fragen veranlaßt: 1. Kann denn der Kriegsminister nach Willkur Mili¬ tär zur Herstellung der Ruhe ausrücken lassen? Wir glaubten gesetzlich könne das nur über Anlangen der Nationalgarde geschehen. 2. Wie kann das Ministerium in einem Lande, wo voll¬ kommene Preß- und Redefreiheit besteht, das Tragen gewisser Zettel, die um Wiedereinsetzung des Sicherheitsausschusses baten, verbieten? 3. Wer waren denn diese Leute, die Vivat riefen, als die Kanonen aufgefahren wurden? Mit einem Anzeiger Nr. 28. Verantwortlicher Redacteur Alex. Jul. Schindler; Mitredacteur F. W. Arming. Druck und Verlag von Sandböck und Hags in Steyr.

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