Zwanglose Blätter, Nr. 25, vom 11. Juni 1848

der Wiener kenne, verlangt man auch nicht mehr, will aber dagegen auch von diesen Errungenschaften nichts einbüßen. Frankfurt läßt (wie der so eben eingetroffene Schuselka sagt) unserer Stadt alle Ehre wiederfahren durch das Geständniß, daß Wien an der Spitze der geistigen Bewe= gung Deutschlands stehe. Aus Prag langten 150 Studenten hier an, welche aus= sagten, daß die dortige provisorische Regierung wenig Simpa= thien für sich habe, sich auch wahrscheinlich selbst auflösen werde, im widrigen Falle aber mit den Waffen auseinander gesprengt werden würde. Das hier durch mehrere Tage verbreitete Gerücht als wäre Prag bombardirt worden, ist heute durch ein Plakat vom Sicherheits=Ausschuß gänzlich wiederlegt. Die Nationalgarde betreffend. Folgender Tagsbefehl des Kommandanten der Natio= nalgarde in Wien wird hier mitgetheilt, da er auch die Nationalgarde vieler anderer österreichi= schen Städte berühren dürfte. „Da sich in Betreff des Wacht= und anderen Dienstes fort und fort Fälle ergeben, daß Garden sich auf eine un= verantwortliche Weise ihrer Pflicht, die sie dem allgemei= nen Besten, der ganzen Bevölkerung schuldig sind, entziehen, so wird von nun an nicht mehr zu Geldstrafen, welche des großartigen Institutes ganz unwürdig sind, sondern zu Ehrenstrafen geschritten. Dem zu Folge werden nunmehr, wenn nicht sehr gegründete Ursachen angegeben werden können, welche das Erscheinen als unmöglich erweisen, jene Individuen, welche fehlten und von betreffenden Commandanten dem Ober= Kommando namentlich angezeigt werden, der Offentlichkeit durch Plakate Preis gegeben, und das wird insbesondere bei Ausrückungen, welche von Bedeutung sind, mit den Beisatze geschehen: „Hat sich der Gefahr entzogen.“ Wer der Ehre theilhaftig werden will, der Nationalgarde anzugehören, darf sich auch nicht scheuen ihre Mühen und Gefahren zu theilen. Pannasch, Ober=Kommandant der Nationalgarde. Zur Geschichte des Tages. Das Manifest des Kaisers vom 4. Juni d. J. fin= det in den kleinen Wiener Blättern die verschiedenartigster Beurtheilungen. Von allen Einwendungen dagegen mag wohl die der Sonntagsblätter die kräftigste sein, welche die Stelle: „die öffentliche Meinung in ganz Europa habe sich gegen den 15. Mai einstimmig im höchsten Grade mißbilli= gend ausgesprochen“ die Thatsachen gegenüber stellt, daß ein großer Theil der Presse sich für den Maitag erklärte und Adressen aus allen Provinzen des Kaiserstaa= tes ihr Einverständniß mit den Schritten der Hauptstadt offen darlegten. Uebrigens wird so oft von einer Seite et= was zur Herhaltung des nöthigen Ansehens wiederholt behauptet, was von der andern Seite zwar nicht geglaubt, jedoch aus Klugheit hingenommen wird. So viel ist Gott sei Dank — gewiß: der Kaiser hat sein Ohr der Stimme seines Volkes geöffnet und die Errungenschaften des 15. Mai von Europa anerkannt. Die Reaktion ist entlarvt und enttäuscht. Nun hat der freisinnige Schrift= steller keinen Gefahr drohenden Weg mehr zu wandeln, er braucht nicht mehr um die Errungenschaften des 15. Mai zu kämpfen. Diese stehen jetzt fest durch das Wort des Kaisers. Die Wahrheit hat gesiegt. Sie mußte siegen, denn sie ist Gottes Streiter! Nach den letzten glänzenden Erfolgen unserer Trup= pen in Italien, betrüben uns heute wieder ungünstige Pri= vatnachrichten aus dieser heimgesuchten Provinz. Währen der Tiroler Bote die Hoffnung ausspricht, Peschiera sei entsetzt, melden Briefe aus Tirol von 30. v. M., daß diese Festung sich den Piemontesen habe ergeben müssen. Der General Rath, der sie so heldenmüthig vertheidigte, sei be= reits in Innsbruk eingetroffen. Radetzky ist noch immer zu schwach und sein Angriff auf Goito mißlang. Dagegen soll Venedig von unseren Truppen sehr in die Enge ge= trieben sein. O wäre doch dieser unselige italienische Krieg auf eine ehrenvolle Weise zu Ende. Italien war immer das Land, in dem Deutschlands Kraft nutzlos verblutete. So auch heute. Könnten wir eine mächtige Bundeshülfe nach Schleswig senden, Jütland bliebe unser und wir dik= tirten den falschen, höhnischen Dänen den Frieden, trotz den Knuten gewohnten Fäusten Rußlands, das in Jütland die willkommene Gelegenheit vom Zaune zu brechen sucht, dem freien Deutschland, dessen Flug den absoluten Thronen so gefährlich wird, die Flügel zu beschneiden. Könnten wir nach Norden marschiren, unmöglich würde der lächelnde Verrath des Königs von Preußen der mit der schwarz= rothgoldnen Fahne in den Strassen Berlins und auf der weißen Dünen der Ostsee spielt, wie ein geschminckter Seil= tänzer mit seinem Fähnchen. Briefe aus Innsbruk versichern, daß seit der Ankunft des Ministers Wessenberg die reaktionäre Camarilla gänz= lich gelähmt sei. Auch wird gemeldet, daß der Kaiser noch vor Eröffnung des Reichstages nach Wien zurückkehren werde. In Verbindung damit steht die Nachricht, daß in Wels schon Postpferde für ihn bereit stünden. Nach an= deren Berichten soll er vor der Hand nur sein Lustschloß Persenbeug an der Donau bei Ybbs in Unterösterreich be= ziehen. Jedenfalls hat sich der Kaiser schon durch sein letztes Manifest und die Entfernung Bombelles dem Her= zen seiner Monarchie aufs Erfreulichste wieder ge= nähert. Pfefferkörner. Nach einer Bekanntmachung des Kriegsministers darf die Prügelstrafe über einen Soldaten nur mehr kriegs¬ rechtlich oder commissionell nach Stimmenmehrheit verhängt werden. Das Gassenlaufen ist im Disciplinarwege außer Anwendung gesetzt. Nach einer Bekanntmachung des Ju= stizministers ist Prügelstrafe gegen Verbrecher ganz auf=

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