Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, Heft 34, November 1796

geweiht, der zweite dem Kreuze Christi, heilbringendes Zeichen unseres Heiles, äer dritte dem heiligen Florian, Märtyrer und Patron von Oberöster– reich. Auf der Gegenseite ist der letzte dem heiligen Leopold , Patron und Markgraf von Österreich unter der Enns, der mittlere den Apo– stelfürsten Petrus und Paulus, und der erste der glorreichen, in den Him– mel aufgenommenen Jungfrau geweiht. Die Kapellen sind zusammen mit dem Kirchengewölbe bildhauerisch ausgearbeitet und zeigen eine wunder– bare Fülle und Mannigfaltigkeit an Früchten, Rosen mit Engelköpfen und Gold. Der erste Eindruck der Kirche ist ein erhabenes Ganzes (universum augustum), dem ein rundhe rum über den Kapellen angelegter Gang, durch Säulenschranken in Gold und Kunst fein ausgestattet, eine Schönheit ver– leiht.120) Unterhalb der Säu lenschranken , in der Mitte, stehen neun harmo– nisch abgestimmte Pedestella hervor, stellvertretend für die ebensovielen Chöre der musizierenden Engel. Dazu noch die allseits kunstvoll ausge– führten Bänke, die sowohl die Menge fassen sollen , als auch der Schönheit der Kirche dienen. Neben diesen befinden sich sechs Krypten für die Ver– storbenen (auf ebensoviele Kapellen verteilt) mit S'tufen und Marmor dar– aufgelegt, jede Krypta vollendet. Wenn die breite Front mit zweifachem Turm - gegen Brücke und Stadt gewendet - in ihrer Vollendung dastünde, könn– te man sagen , daß diese Kirche unserer Gesellschaft Jesu in Oberösterreich an Eleganz und Schönheit die erste ist und würdig der Freigebigkeit des Gründers und der Wohltäter. . . . Drei der Altäre sind wegen ihres Goldes und Glanzes denkwürdig : Den ersten ließ die erlauchte Gründerin , Mutter unseres Gründers, Gräfin Than– hausen, der Magna Mater et Virgo errichten - doch ohne Inschrift des Na– mens und des Wappens, was eine demütige Haltung ihres Geistes ist, damit der Name umso größer im Himmel eingetragen werde, je mehr sie ihn beim Wohltatenspenden hier auf Erden unterdrückt. Den zweiten , von gleicher Schönheit und gleichem Wert, ließ der wohledle Bürgermeister der Stadt Steyr, Josef Achtmarkt, den heiligen Aposteln Petrus und Paulus durch Testament anfertigen. Den dritten Altar ließ Christophorus Janeschitez, un– ter den Einzigartigen ein erlesener Gönner und Freund unserer Gesellschaft, - mit gleicher Frömmigkeit und Wohltätigkeit - den Bekennern Christi (Con– fessoribus) aufstellen . . . . Damit das Gedächtnis all dieser Wohltäter gesegnet sei, ließen wir am ersten Tag nach der Weihe der Kirche durch den hochwürdigen Herrn Pfar– rer der Stadt, Dr. Achaz Schrott, ein gesungenes Amt für die lebenden Wohl– täter zelebrieren und am Tage darauf für die verstorbenen. "121 ) In bitteren Jahren der Not durch Armut, Glaubensstreitigkeiten und Krieg ist dieses Gotteshaus so weit erstanden . Die Michaelerkirche in Steyr, die so offen und anmutig ihrer Stadt das Antlitz bietet, will mehr sein als ein Wahrzeichen frühbarocker Baukunst. Als monumentum fidei will dieses Got– teshaus allen gegenwärtigen und zukünftigen Zeitgenossen ins Gedächtnis rufen : ,, Eine feste Burg ist unser Gott! Eine feste Burg soll auch unser Glaube sein!" Dringende Baunotwendigkeiten im Kol leg einerseits, Mangel an Geld ande– rerseits verzögerten die Fertigstellung der Kirche. Der Bau wurde eingestellt. 61

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