Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, Heft 34, November 1796

Drucker und Widmungsträger Paul Peuerls kompositorisches Werk ist ausschließlich aus den von ihm herausgegebenen Druckwerken bekannt, die sämtliche bei Abraham Wagen– mann in Nürnberg erschienen sind. Auch daraus hat man gelegentlich (inzwischen hinfällige) biographische Schlüsse gezogen. Tatsächlich fällt jedoch auf, daß unter den von Wagenmann gedruckten Komponisten82 } ein entscheidender Prozentsatz aus Österreich stammte oder hier tätig war (z. B. Johannes Brassicanus / Linz, Daniel Hitzler / Linz, Isaac Posch / Klagenfurt, Erasmus Widmann / Graz, Erasmus de 9ayve / Graz, Paul Peuerl / Steyr, sogar das Musiklehrbuch von Georg Daubenrock / Steyr). Außerdem scheinen besonders enge Beziehungen Wagenmanns zur ober– österreichischen Landschaft bestanden zu haben.83 } Daß Peuerls Verleger Wagenmann heißen würde, liegt also irgendwie nahe. Bei näherer Betrach– tung scheint jedoch wiederum das Verhältnis zwischen beiden ins Spiel zu kommen: Zunächst war aufgefallen, daß im Druck 1611 die Namens– schreibung des Komponisten Paul Bäwerl sowie seine Berufsangabe „der zeit bestellten Organisten bei der Evangelischen Kirchen zu Steyer" ein– malig und daß das Vorwort nicht von diesem gezeichnet ist, schließlich daß eine Widmung an eine bestimmte Persönlichkeit (wie sonst meist üblich) fehlt. All dies ließe sich am besten erklären, wenn man annimmt, die Drucklegung sei vom Verleger initiiert und sehr rasch vor sich gegan– gen . Sowohl Titel als auch Vorwort sind derart stereotyp gehalten, daß sie nicht von Peuerl selbst stammen müssen , sondern ihm auch nur in den Mund gelegt worden sein können. Vor allem aber wird die sonst völlig unübliche Namensschreibung und die schlechtweg falsche Berufs– angabe (Peuerl war 1611 noch nicht endgültig bestellt, und wenn, dann nicht von der evangelischen Kirche, sondern vom Rat - daher erübrigt sich auch die betreffende Argumentation Geiringers, vgl. oben) verständ– lich (für den Verleger ist derlei Exaktheit uninteressant). Dazu muß man sich des weiteren vor Augen halten , daß Wagenmann anfangs nur als Buchdrucker tätig war und erst ab 1610 auch als Buchhändler (Verleger) auftrat,82 } sich dann aber sehr rasch zum rührigsten Musikdrucker und -verleger der Zeit in Nürnberg neben Paul Kauffmann entwickelte. Und gerade dieser hatte bis zu dieser Zeit die wesentlichsten einschlägigen Neuerscheinungen herausgebracht (Haußmann , Haßler, Staden, zuletzt die fünfstimmige Sammlung dreisätziger Suiten „Newe liebliche Paduanen, Intraden vnd Galliarden, auff allerley Instrumenten zu gebrauchen, mit fünft Stimmen componirt durch Johannen Thesselium Musicum", der ebenfalls in Oberösterreich tätig war.84 ) Hingegen scheint Wagenmann mit Peuerls Werk seine bewußte Konkurrenzierung in dieser Sparte begonnen zu haben.85 ) Dies bedeutet für den vorliegenden Zusammenhang , daß Peuerl diese Kompositionen gewissermaßen schon „ in der Schreibtisch lade", d. h. schon einige Zeit vorher (also zumindest teilweise noch in Horn) komponiert hatte - was deren relative Unabhängigkeit bei der äußeren Angleichung der Titel erklärt, ja sogar als Anstoß für diese Andersartigkeit angesehen werden könnte. 23

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