Aufbau oder Zusammenbruch!

□ 43 □0 Schlußwort. Hiemit meine Ausführungen beendigend, drücke ich die Hoffnung aus, daß dieselben das Intereise der geehrten Leser und Leserinnen gefunden haben mögen. Ich möchte noch bemerken, daß ich hinsichtlich deren Vollltändig¬ keit, Unfehlbarkeit oder unverbesserlicher Vorzüglichkeit nicht den geringsten Anspruch erhebe; es wäre dies selbstredend auch ganz unmöglich und un¬ denkbar. Es soll mich aber freuen, wenn dieselben Beachtung und geneigte Würdigung finden und andere, bessere Gedanken und ldeen im Interesse unseres Volkes und jungen Staates zur Auslösung bringen. Eines aber will ich meinen geehrten Mitbürgern und Mitbürgerinnen ohne Unterschied des Standes wärmitens ans Herz legen, um eines möchte ich Sie alle ohne Ausnahme bitten: halten Sie sich den Ernst unserer Lage vor Rugen, der von uns allen Ruhe, Ordnung, Arbeit und gegenseitige Rücksichtnahme fordert. Weg mit allem Egoismus! Sonlt kommen wir zu Diebstahl, Raub, Plün¬ derung und Mord, zum Bolschewismus, damit zu allgemeiner Hungersnot und gehen wirtschaftlich zugrunde. Wollen wir unseren jungen Freistaat erhalten und ihn zu lebensfähiger Kraft, zu konkurrenzfähiger Stärke bringen, dann können wir dies nur auf dem Wege wirtschaftlicher Arbeit, Einigkeit und vernünftiger Gemeinwirtschaft, nie aber bei Vorkehren des politischen Streites erreichen. Wohin man mit letzterem kommt, hat uns das unselige altösterreichische Parlament gezeigt. Mit phrasenreichen politischen Tendenzreden ist unserem Staate jetzt nicht gedient. Ihm nützen jetzt nicht politische Parteiprogramme und uto¬ pische Träumereien. Er braucht in erfter Linie wirtschaftliche und finanzielle Wiederherstellungsarbeit, Hebung der Verdienstmöglichkeit und der Arbeits¬ luft, Wahrung seiner finanziellen und wirtschaftlichen Interessen gegenüber den Nachbarstaaten und bei den Ententemächten. Diese aber mögen sich vor Rugen halten, daß sie durch rücksichts¬ lose, spekulative Verfolgung und Ausnutzung ihrer glücklicheren Lage unser Volk zu Verzweiflungsschritten drängen und es sich an ihnen selbst am meisten rächen würde, wenn es heißen sollte „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!“ Es muß jetzt ruhige, zielbewußte Zusammenarbeit zur Rettung aller arbeitenden Stände unseres Volkes und Staates ermöglicht werden. Die uns erwachsenen schweren Schäden können wir nur durch gemein¬ same Arbeit bei Ruhe und Ordnung gut machen. Im Gegenfalle arbeiten wir den uns feindlich gesinnten Staaten und Völkern in die Hände, und unser Staat, unser Leben verfiele vollltändiger Zerrüttung, dem Untergange. In diesem Sinne schließe ich mit unseres großen Schiller’s herrlichen Worten: „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis.“ Steyr, Neujahr 1919. Der Verfasser.

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