Steyrer Tagebuch Nummer 1, April 1982

AnläQlich der Tausendjahrfeier Steyrs veranstaltete der Verein 'Junges Steyr' einen Literaturwettbewerb. In der Kate­ gorie 'Zeitgeschichte' setzte damals die Jury Erich Hackls Text "HUNGER NACH WIDERSTAND" an die erste Stelle. Einerseits wegen der Exklusivität dieses Wettbewerbs hinsichtlich der Förderung junger Steyrer Literatur, andererseits weil gerade dieser Text von Bedeutung zum Thema 'Vergangenheitsbewältigung' in Steyr ist, freuen wir uns, diesen Beitrag abdrucken zu können. [ERICH HACKL,Jahrgang 1954, als Teenager Mittelfeldorganisator der Chrietkindl- leitn - Elf 'Weisser Reiher', 1972 Matura am Steyrer Gymnasium, studierte Deutsch und Spanisch, als Lektor und Korrespondent des 'Extrablatt' in Madrid, derzeit Lehrer an einem Wiener Gymnasium. T*5jgf **S3!*S*** ***T*****!******!H!!HHH5KHHHMKS55S5HH!HHH5HHHHHHHH DIL STAD7, SIE SCHEINT SICH nicht zu bewegen. Vor 20 Jahren schon hatte sie 40.000 Einwohner und vor zehn und vor fünf. Andere Städte, un­ bedeutender noch vor kurzem, wachsen allmählich heran, ziehen ajf gleich, werden großer als Steyr. Seine jungen Bewohner tun sich schwer, auf Ausflü­ gen oder Zeltlagern ihre Heimatstadt zu verteidigen, die sich genauso im MittelmaO zu verlieren scheint wie ihre beiden FuBballmannschaften. . Eine alte, viel zu alte Stadt, aber trotzdem ohne Gespnicite. Statt dessen ein Kontinuum von Gegenwart; niemand weiO, woher er kommt. Das einzige, was interessiert, ist die Krisenfestigkeit der ansässigen Eisenindustrie, von ihr leben die Städter, sie haben Angst um ihre Arbeit , Angs^ vereinzelt. Kultur? Sie findet statt bei Gast­ spielen des Linzer Landestheaters, auf den Wohltätigkeitsbasaren von Lion's und Rotary, oei Abendmusik in stil- echten Innennofen, aucn nier vor aus- gewänltem Publikum : Arztfrauen, Mit­ te lschulle. re rn, mittleren Beamten mit dem Zug zum Höharen. Ali das ist auswecnseioar wie der Veranstaitungskaiender einer beliebig anderen österreichischen Kleinstadt, ebenso die zahlreichen Maturabälle^ Steyr ist Schulstadt!, die gelegent­ lichen Gastvorträge, die langweiligen Ausstellungen. Unverwechselbar dagegen, weil der Ruf der Stadt darauf beruht, die Existenz von drei Bordellen, in denen verrich­ tet wird,wa8 bei obengenannten Bällen verschämt stilisiert wird. Gasthäuser gibt es an die Hundert, die meisten schliessen um zehn Uhr abends, bereits

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