Maturazeitung 1940

Das bekannte Läuten der lieblichen Glocke kündet den Beginn der Vorstellung an. Herein in den Raum seines Wirkens tritt der berühmte Beherrscher der Geraden, Kurven und Kreise. Heiliges Schweigen der Schüler ehret die Anwesenheit des ältlichen Mei¬ sters. Ein unwirsches „Setzen!“ entfleucht dem Mund des Mißge¬ stimmten, den schwerwiegende Gründe veranlaßt haben, eine drohen¬ de Miene seinen Untertanen gegenüber aufzusetzen. Diese jedoch, in tausend Gefahren erhärtet, nehmen geräuschvoll Platz auf den historischen, altehrwürdigen und knarrenden Sitzen (Stockerln) und harren unverzagt der drohenden Dinge, die da kommen würden. Während der gramgestimmte Greis diensteifrig seine Eintragungen macht in das berühmt-berüchtigte Buch der Klasse, in dem getreu¬ lich alle Greuel- und Missetaten verzeichnet sind, gemäß alther¬ D gebrachter Überlieferung, hebet ein allgemeines Husten, Räuspern, Schneuzen und Dreieckklappern an. Diese prfanen, höchst unmusika¬ lischen, Geräusche scheinen dem großen Meister der Winkel, Seiten und Ebenen im höchsten Grade zu mißfallen. Er hebet sein staunen¬ des Antlitz, seine Rechte zuckt verdächtig, er schnellt von seinem Sitz empor und mit raschem Griff zieht er ein greulich Messer (Original-Trattenbacher-Taschenfeitel mit Pfeifenstierer) aus Hosensackes hervor. In der er¬ den unergründlichen Tiefen seines in der andern ein Stück Kreide, hobenen Linken das Mordinstrumant so eilet er vorwärts, zum Spucknapf, um mit schnellen Schnitten der Kreide die gebührliche Form zu geben, auf daß die gezogene Gerade keine zu dicken Ausmaße erreiche. Wehe, wehe, o dreimal wehe: Das Gewitter braut sich zusammen, und der blanke Blitz¬ strahl, er wird einen Unschul¬ digen treffen. Denn siehe, der Gewaltige hat das verhängnis¬ volle Büchlein (im Volksmund "Spezi“ geheißen) gezückt und läßt kritische Blicke über die Namen der Untergebenen gleiten, Blicke, die das Orakel befragen, welchen Unglücklichen das Los treffen möge. Und wirklich, der scharfe Blick des prüfungsver¬ heißenden Lehrers streift über die Häupter der Todgeweihten und bleibt auf dem beneidens¬ werten Opfer hängen, das tiefge¬ beugt über den weisheitspenden¬ den Aufzeichnungen dem ungnädi¬ gen Schicksal zu entgehen trachtet, Doch ach, das Unglück schreitet schnell. Der Mund des prüfenden Lehrers tut sich auf und seiner Tiefe entspringen die verhäng¬ nisvollen Worte: „Na Göttlicher, kommens raus, Sö werdn jetzt zeich¬ na!" Unser'Goethe', der, wie schon sein Name besagt, größere Nei¬

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