Oberösterreich, 32. Jahrgang, Heft 4, 1982

Franz Stelzhamer - Wanderer zwischen Oberösterreich und Salzburg Carl Hans Watzinger Seit je besteht zwischen den Ländern Ober österreich und Saizburg eine gute Nachbar schaft, verschiedene öffentliche Einrichtun gen verbinden heute noch beide Länder, so etwa im Post-, Eisenbahn- und Gerichtswe sen. Ähnliche Landschaftsformen haben, durch eine frühe gemeinsame Besiediung hü ben wie drüben gefördert, die Bewohner gut aufeinander abgestimmt, in unseren Tagen ist es die Salzburger Universität, die wieder viele junge Oberösterreicher anlockt. Franz Stelzhamer wurde am 29. November 1802 in Groß-Piesenham geboren, damals wie heute im innviertler Pfarrort Pramet gele gen. Er hat seinen Geburtsort lebensnah in seiner hochdeutschen Schrift ,,Charakterbil der aus dem oberösterreichischen Dorfleben, Groß-Piesenham" beschrieben, ebenso mit eindringlicher Anschaulichkeit seine Voiksschulzeit indem Sittenbild - wie er es nannte - ,,Die Dorfschule". Sein Geburtshaus, das ,,Siebengütl", heute im Besitz des Landes Oberösterreich, ruft uns in der Ursprünglich keit seiner Einrichtung als Steizhamer-Museum das häusliche Leben der Familie Stelz hamer, gleichermaßen wie die Dichtung des ,,Franz von Piesenham" selbst, ins Gedächt nis zurück, im Grunde hat sich in dieser Ge gend auch wenig oder fast nichts geändert, und so wandelt sich Dichtung ins Reale, wird Realität. Das heißt, sie überspringt die Zeit und ist mitten unter uns. Schon sein Vater Johannes, in der Gegend ,,der Pfeffer" genannt, war kein gewöhnlicher Mann. Kleinbauer, sogenannter Fläusler, aber auch Schneider, der auf die Stör ging, also in den Fläusern der Kunden arbeitete, außerdem noch Fländler mit verschiedenen Waren, zeigte ersieh allem Neuen aufgeschlossen. Er schickte seine älteren Söhne Peter und An dreas aufs Gymnasium nach Saizburg, und Franz mußte erst recht auf die höhere Schule, ein ,,Kreuzköpfl", wie er es zu sein schien. Je denfalls hieß es nach dem ersten Saizburger Schuljahr des Franz: „Dieser Knabe ist nicht nur die Zierde seiner Klasse, sondern er möge der ganzen anwesenden Jugend als Muster der Nacheiferung dienen!" Peter, nicht so be gabt, er dürfte 1809 ins Salzburger Gymna sium eingetreten sein, übersiedelte nach Graz, wurde schließlich Lottokoliektant und brachte es zu einiger Wohlhabenheit. Andreas verließ sehr bald die Salzburger höhere Schule und wurde wie der Vater Schneider. Er starb bereits im 34. Lebensjahr. Franz Stelzhamers Gymnasialjahre, die er auf sich allein gesteilt in Saizburg verbrachte, be gleiteten manche sichtlich unvorhergesehene Ereignisse, die seinen Werdegang wohl oder übel beeinflussen mußten. Da war schon zu Ende des ersten Schuljahres, am 1. Juni 1816, die Übergabe der Stadt Salzburg in die öster reichische Verwaltung, wie es der nach dem Sturz Napoleons i. einberufene ,,Wiener Kongreß" bestimmt hatte. Das brachte auch eine Änderung im Schulplan des nach bayeri scher Art geführten Gymnasiums. Das öster reichische Gymnasium war In eine Unterstufe mit vier Grammatikalkiassen und in eine Oberstufe mit zwei Humanitätskiassen ge gliedert. Außerdem waren für künftige Besu cher einer Hochschule zwei Phiiosophieklassen am Lyzeum vorgeschrieben. Bruder Peter benutzte diese Umstellung, setzte sein Stu dium nur noch kurz fort und übersiedelte nach Graz. Franz der Jüngere stand nun aliein. Der ältere Bruder hatte sich seiner stets in allen menschlichen Fragen angenommen, jetzt mußte Franz selbst für sich sorgen. In den Jahren 1818 bis 1821 wechselte er fünfmal die Wohnung. Seine Unbeständigkeit, seine Nai vität, so muß man wohl sagen, vermutlich auch seine phantasiereichen Gedanken, die mit der Alltäglichkeit des Lebens rund um ihn nicht harmonierten, früher durch die Obhut des älte ren Bruders jedoch beschirmt waren, bereite ten ihm viel Ungemach, vor allem eine erste ungestüme Liebe. Er war, man schrieb das Jahr 1821, seiner Toni-Tora begegnet, einem fünfzehnjährigen Mädchen, namens Antonia Nicoladoni, Halbwaise, die teils bei ihrer Mut ter im damaligen Haus Salzburg Nr. 114, teils unter der Fuchtel einer reichen alten Erbtante ihre Tage verbrachte. Franz Stelzhamer stand damals in seinem neunzehnten Lebensjahr. So könnte man von diesem Liebesspiei als von einer sogenannten Studentenllebe spre chen, wie sie uns aus vielen rührseligen Ge schichten und auch aus Bühnenstücken be kannt ist; man denke an ,,Alt-Heideiberg" von Wilhelm Meyer-Förster. In den Urey-Manuskripten des Dichters hat diese Steizhamer'sche Saizburger Liebe ihren literarischen Niederschlag gefunden, auch in den hoch deutschen Liedern des ,,Liebesgürteis", die 1855 zum erstenmal (im Gegensatz zum ,,Urey") in Druck erschienen, also noch zur Lebenszeit seiner Toni-Tora. Franz Stelzha mer hielt dieses Buch lange Zeit sogar für sein bestes. Heute bedarf es keines Hinweises mehr, daß seine hochdeutsche Dichtung bei allen originellen Gedanken weit hinter seine Mundartdichtung zu reihen ist, ausgenommen seine sachliche Prosa, wie die bereits genann ten ,,Charakterbilder aus dem oberösterrei chischen Dorfleben" oder ,,Die Dorfschule". Denn nur in seiner Mundartdichtung begeg nen wir jener genialen Wortkraft und Wort kunst, die das innviertel in der unverfälschten Art seiner Menschen und seiner Natur unmit telbar eingefangen haben. Diese Dichtung ist bis auf den heutigen Tag, auch wenn Hans Schatzdorfer, der ,,Hans von Piesenham", und seit kurzem Gottfried Glechner als bedeu tende innviertler Mundartdichter angespro chen werden müssen, durch keine stärkere dichterische Kraft eingeholt worden. Die dichterische Kraft Stelzhamers hat sich zweifellos in der Liebe des Heranwachsenden zu Antonia Nicoladoni zum erstenmal entfal ten können. Zunächst im Haus der reichen Tante wegen seiner Urwüchsigkeit geduldet, war die Frau zuletzt doch hellhörig geworden. Sie spürte aus manchem Gespräch und vor al lem aus den sprechenden Blicken der Lieben den, daß sich da eine echte Zuneigung ent wickelt hatte. Die Bürgersfrau hatte jedoch andere Pläne mit ihrer anmutigen Nichte. Als resolute Person sorgte sie sogleich für eine Trennung der jungen Leute. Sie gab das Mäd chen zu den Nonnen in St. Zeno-Reichenhali. (Stelzhamer-Urey ließ seine Toni-Tora in sei nem Urey-Tagebuch gar zu einer,,hochwür digen Klostermutter nach Rom" abwandern), in allernächster Zukunft vermittelte sie eine Heirat ihrer Nichte mit dem Domorganisten Wittmann. Die Verbindung hatte ihr wohl schon länger vorgeschwebt. So war Toni-Tora bereits im Alter von 17 Jahren Ehefrau. Zwei Jahre danach war sie Witwe. Franz Stelzha mer hatte mittlerweile in Graz weiterstudiert und kehrte zur Absoivierung der für einen Hochschulbesuch notwendigen Lyzeaistudien nach Salzburg zurück. Er hatte, so scheint es, die ,,Untreue" seiner Toni-Tora mit ebensol cher ,,Untreue", die aber zu keiner Vereheli chung führte, erwidert. Wieder in Saizburg, fanden die beiden in „alter Liebe" zueinander. Nach Abschluß seiner Lyzeaistudien begann Franz Stelzhamer ein Jusstudium an der Uni versität Graz. Er studierte jedoch wenig und brachte es durch seinen flotten Lebenswandel zu Schulden in der für damalige Verhältnisse nicht gerade geringen Höhe von hundert Gul den. Als er bei Toni-Tora um Geld anklopfte, wies sie ihn ab. So kam es zum endgültigen Bruch zwischen beiden. Er zog zum Weiter studium nach Wien, und Antonia, geborene Nicoladoni, verwitwete Wittmann, heiratete im Alter von 24 Jahren auf Rat ihrer Verwandten den Chorregenten Tremml von St. Peter, der berühmten Benediktiner-Abtei in Salzburg. Im ,,Liebesgürtel" Stelzhamers heißt es darüber: ,,Da steh' ich so verlassen. So unheimlich allein. Wie auf verrufnen Straßen Der alte Meilenstein ... Steh' einsam und verlassen Bin nirgends fremd, noch heim; Kein Mensch frägt um die nassen. Verweinten Augen - Säum! - " Damals, um 1830, weinten Männer unter sol chen Umständen. Auch die Dichter der Antike 39

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