Oberösterreich, 32. Jahrgang, Heft 1, 1982

Bücherecke Wissenschaftliche Neuerscheinungen zum Thema der Oö. Landesaussteilung 1982 Lothar Eckhart: Die Stadtpfarrkirche und Friedhofs kirche St. tjaurentius von Enns-Lorch-Lauriacum in Oberösterreich. Die archäologischen Ausgrabungen 1960-1966 Teil i: Dokumentation und Analyse. - In: Forschungen in Lauriacum 11, 1-3/1981, Linz 1981, Textteii mit 147 Seiten, Graphikteii mit 1 Vierfarben plan, 3 Schwarzweißpiänen und 110 Strichzeich nungen, Biidteii mit 104 Abb., Ladenpreis S 830.-. Ein Grabungsbericht gehört nicht zur schöngeisti gen Literatur; er hat sachlich aiie Befunde vom Be ginn bis zum Ende, vom ersten Spatenstich an in Worten, technischen Zeichnungen und Photographien wiederzugeben. Hand in Hand mit dem Wie dervollziehen einer Grabung am Schreibtisch erfolgt die Objektivierung aller Einzelbefunde in einer Zu sammenschau als Endergebnis. In dieses nun vor liegende Endergebnis sind alle, auch die kleinsten im Verlauf einer Grabung kaum beachteten neben sächlichen Beobachtungen, miteinander in Dekkung und Beziehung gebracht worden. Die Analyse der rekonstruierten Zusammenhänge in drei Di mensionen ergibt eine historische Abfolge aller Ge schehnisse am Ort einer Ausgrabung. In der vorliegenden Dokumentation und Analyse der archäologischen Untersuchungen in der St.-Laurentius-Kirche von Enns-Lorch wird trocken und un voreingenommen, emotionslos das Ringen um die baulich-historischen Zusammenhänge berichtet. Der Spaten wurde zuerst (nicht aufgrund archäolo gischer oder historischer Überlegungen) in der spätgotischen Sakristei angesetzt und auch Eckharts Bericht beginnt mit der Darstellung der Funde in diesem Raum. Sie ergaben damals nur eine all gemeine Abfolge der Schichten, Einsicht in die mit telalterliche Baugeschichte des Chores, die ver schiedenen Schichten von Bestattungen über römi schen Bauresten. Die Zusammenhänge waren erst von außen her erkennbar, als die Südhälfte des Chores aufgeschlossen worden war. Der Rezen sent war von der ersten Stunde an mit dem Unter nehmen vertraut und kann erlebnishaft den Gra bungsverlauf wiederholen. Der erste Suchschnitt in der Ostwestachse des Chores brachte die drei Scheitel der Bogenschwünge übereinanderiiegender Apsiden zutage, die heute das monumentale Bild der offengelassenen Grabung bestimmen. Im Westen stieß der Graben an den blockhaft stehen den Mittelpunkt der Radien, an den Mittelpunkt des Kultes, den Altar. Dessen Schicksale und Wandlun gen wurden erst in späteren Grabungskampagnen aufgedeckt; die endgültigen und historisch-archäo logisch gesicherten Ergebnisse hat Eckhart erst in diesem Grabungsbericht niederlegen können. Sie werden vom Martyrerkult bestimmt, der im Laufe der Geschichte sich nach liturgischen Veränderungen im Altarbereich niedergeschlagen hat und die Bau gestalt der übereinanderliegenden Gotteshäuser prägte. Es war sehr bald sichtbar, daß die Reliquien der vierzig Gefährten des hl. Florian den Mittelpunkt der Verehrung bildeten. So kann die Kirche schließ lich als Floriansheiligtum angesprochen werden. Es sei vorweggenommen, daß für die Enfstehung des Patroziniums des verehrten stadtrömischen Erzmartyrers Laurentius keine archäologischen Hin weise aufgefunden wurden. Erst im Verlauf späferer Grabungen im Langhaus ergab sich eine Zusam menschau und Deutung der in Nordsüdriohtung streichenden Mauern im Osten und unter den Apsi den. In dem römerzeitlichen heidnischen Großbau, der aufgrund älterer Funde erwartet wurde, erstand ein gallorömischer Umgangstempei keltischer Observanz. Zahlreiche Funde geben Zeugnis vom Got tesdienst in vorchristlicher Zeit. Neu war dem Re zensenten auch die Abfolge der Bauperioden, be sonders eine ,,Urperiode", die grundrißmäßig aller dings nicht rekonstruierbar war. Ab der Bauperiode 2 ist eine Verehrung der römischen Reichstrias Jupi ter, Juno und Minerva bis zum endlichen Hinsterben des Kultes gesichert. Das junge Christentum verwendete eine Reihe von Mauern des Tempels für eine monumentale Basilika als Gehäuse über den Reliquien der vierzig Märty rer. Außer dem christlichen Altar prägen dieses Got teshaus eine Zentralheizung und der Turm, dessen Fundamente den heute bestehenden tragen. Bei ei ner Adaptierung wurde hauptsächlich der Altarbe reich erweitert und stärker betont. Der Ausgräber war in der glücklichen Lage, diese Bauveränderun gen präzise von 450 bis in das dritte Viertel des 5. Jahrhunderts zu datieren. Der Grabungsbefund er gibt keine Anhaltspunkte, wann diese Basilika II von einer Kirche mit Umgangsapsis (Frühmitteiaiterkirche I) ersetzt wurde. Auch die zahlreichen Bestat tungen, die dieses Gotteshaus an sich zog, zeugen für ein neues kultisches Verhältnis zu den Märtyrern, bestimmen aber nicht die Einrichtung des neuen Ostbaues. Ganz allgemein weisen die Schwünge des Umganges in karolingische Zeit. Ein weiterer Umbau erfolgte nach der Mitte des 10. Jahrhun derts. Bedeutsam erscheint die Gestaltung einer monumentalen Westfassade, für die an der Nord westecke des Langhauses ein zweiter Turm sym metrisch errichtet wurde. Auf dem 3. Lorcher Symposion legte Eckhart zu sammenfassend in einem glanzvollen Vortrag, des sen Drucklegung bereits erfolgt, die Wechselwir kung von Martyrerkult, Altarbau und Formwandel der Gotteshäuser dar. Diese Frühmittelaiterkirche bestand dreihundert Jahre. Sie verschwand mit Ausnahme des Südturmes beim Bau der gotischen Kirche. Auch sie hielt sich an bestehende ältere Fundamente. Die erhaltenen Baudaten 1285/91 und Weihedatum 24. April 1344 sowie die Baufor men an sich lassen eine Errichtung von West nach Ost annehmen, wenn auch die Grabungen eine dif ferenziertere Bauabfolge erwiesen haben. Mit dem vorliegenden Band 11 der Forschungen in Lauriacum, der sich in drei Teile gliedert a) Doku mentation und Analyse, b) Pläne, Grundrisse und Schnitte, c) Lichtbilddokumentation, hat Lothar Eck hart in mühseliger jahrelanger Klein- und Feinarbeit den Grabungsbericht zur St.-Laurentius-Kirche vorgelegt. Dieser Arbeit wird sich ein weiterer Band anschließen, in dem Eckhart die Früchte seiner Ar beit präsentieren will und der die Krönung seiner jahrzehntelangen archäologischen Forschungen im Lande sein wird. Als Herausgeber zeichnen das 00. Landesmu seum und die Kulturabteilung des Amtes der oö. Landesregierung unter Förderung durch die Di özese Linz und die Stadt Enns verantwortlich. B. Ulm Rudolf Zinnhobier (Hg): Lorch in der Geschichte. - Linz: Oberösterreichischer Landesveriag 1981, 287 Seiten, Ladenpreis S 288.- Als bereits Im Jahr 1978 die wissenschaftliche, or ganisatorische und publizistische Vorbereitung des Severin-Gedenkjahres 1982 konkrete Formen an nahm, war allen unmittelbar Beteiligten klar, daß eine Publikation über den letzten Stand der For schung in Sachen Lorch bzw. eine Rekapitulation der wichtigsten Standpunkte zur Frage Lorch ein unabdingbares Erfordernis des Jubiläumsjahres sein müsse. Rudolf Zinnhobler hat sich dankens werterweise der nicht geringen Aufgabe unterzo gen, dieses Desiderat zu redigieren und herauszu geben. Es liegt seit dem 3.,,Lorcher Symposion", in dessen Rahmen es einem besonders qualifizierten Publikum erstmals präsentiert wurde, unter dem Ti tel ,,Loroh in der Geschichte" vor und umfaßt auf 287 Seiten 16 Beiträge, die von 15 Autoren gestaltet wurden. Wie jedes Sammelwerk zu einem bestimm ten Thema weist es natürlich in Stil und Zielsetzung der einzelnen Artikel gewisse Unterschiede auf, die nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen sind, daß es sich bei sieben Beiträgen um überarbeitete Neu drucke handelt, die ursprünglich verstreut publiziert worden waren. Nichtsdestoweniger geben gerade diese dem neuesten Forschungsstand angepaßten Elaborate dem Sammelband eine wesentliche in haltliche Stütze. Rein inhaltlich ist dieser Streifzug durch das histori sche ,,Lorch" in drei Abschnitte gegliedert, die auch in ihrem Umfang dem geschichtlichen Gewicht der jeweiligen Epoche, zumindest was Lorch betrifft, angepaßt sind. Demgemäß steht der Abschnitt ,,Römerzeit" naturgemäß nicht nur chronologisch im Vordergrund. Ihn leitet Gerhard Winklers Beitrag ,,Lorch zur Römerzeit" ein. Der Linzer Historiker und Philologe gibt einen auch den Laien faszinierenden Uberblick über die gesicherten Fakten der frühen Geschichte des oberösterreichischen Zentralrau mes und speziell des Ennser Gebietes, dem es we der an den nötigen Details noch an reichlichen Lite ratur- und Quellenhinweisen mangelt. Ausritte ins Reich der Spekulation werden nach Möglichkeit vermieden, dem Leser wird ein Fundament vermit telt, auf dem er bei der Bewältigung der folgenden Kapitel aufbauen kann. Bereits die zweite Abhandlung, Ekkehard Webers schon früher publizierte Arbeit über die,,Rechtsstel lung der Zivilstadt von Lauriacum", konzentriert sich auf spezialisiertes Forschungsgebiet, auf die in der Wissenschaft bis heute kontroversiell beantwortete Frage nach der Existenz des römischen Stadtrechts von Lauriacum. Weber vermag vor allem anhand ei nes epigraphischen ,,Husarenstücks" seine Ansicht von der realen Existenz eines solchen Stadtrechts zu untermauern. Wer besonders kniffligen Proble men der Epigraphik etwas abgewinnt, dem sei die ser Artikel sehr empfohlen. Unmittelbar darauf folgt ein Kernstück des Buches, nämlich Lothar Eckharts erstmals 1975 erschiene ner Bericht über ,,Die St.-Laurentius-Basilika von Enns-Lorch/Lauriacum in Geschichte, historischer Theorie und archäologischer Praxis". Hinter diesem fast monströsen Titel verbirgt sich eine geradezu spannend geschriebene Zusammenschau jener bemerkenswerten Erkenntnisse aus archäologi schen Fakten und historischem Befund, die der Au77

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