Oberösterreich, 29. Jahrgang, Heft 2, 1979

Letzte Wohnung des Studenten Adalbert Stifter In Kremsmünster, Welser Straße 4 Aufnahme: Marlanus Wend Landschaftsbild von Kremsmunster (Nordwest ecke des Klostergebäudes) mit Ausblick auf Kalvarlenberg mit Mittelgrund und die Berge des Kremstaies im Hintergrund zur Zeit Adal bert Stifters, etwa 1820. Aufnahme:BundesdenkmalamWtien Schulschlußfeier vorgetragen zu werden, ein Ereignis, an das sich der reife Mann freundlich erinnert: ,,in der sechsten Klasse des Gimnasiums mußte ein Schüler am Schlüsse des Schuljahres vor und einer nach der Klassenvorlesung und Preisvertheilung eine Rede halten. Diese Klassen vorlesungen und Prelsvertheilungen waren sehr feierlich in dem großen, sehr schönen Stiftssaale, bei Anwesenheit aller Lehrer und Priester und einer zahlreichen Volks menge. Der Abt händigte die Preise ein. Dieses Fest ist in der That ein alljährlich wiederkehrendes Freudenfest. Da aber Kremsmünster von Thassilo, Herzog von Bayern, im Jahre 777 gegründet wurde an der Stelle, wo sein Sohn Günther auf der Jagd das Leben verloren hatte, so war es ein Freudenfest am Trauerdenkmale. Unter diesem Titel gab uns unser Lehrer Ignaz Reischl die Aufgabe, die Gründung von Kremsmünster zu behandeln. Wessen Ar beit die beste sei, der dürfe sie dann öffent lich nach der Preisvertheilung vortragen. Der Eingang und der Schluß müssen fünf füßige ungereimte, die Erzählung von der Gründung fünffüßige gereimte Jamben sein. Meine Arbeit wurde für die beste erklärt, es wurde an Ihr nichts mehr verändert, und ich durfte sie vortragen. Das war im Anfang September 1824 in meinem neunzehnten Lebensjahre"." Im Kaisersaal des Stiftes durfte der junge Dichter also seine Stimme erheben: Wo jetzt die Kremse fette Wiesen tränkt. Und still durch saatenreiche Felder wallet. Wo jetzt der Schnitter seine Sichel schwenkt. Und frohes Läuten durch die Gegend hallet. Wo, freundlich in der Bäume Grün gehüllt. Auf Hügeln reiche Mayerhöfe prangen. Wo alle Fluren reges Leben füllt. Wenn kaum der Vögel Morgenlieder klan gen: Da war vor mehr als tausend Jahren Wald, Verworren unabsehbar ausgebreitet. Für wilde Thiere nur ein Aufenthalt, Und Tod war dem, der ihn betratt, berei tet.. . Und später heißt es: Des Benedictus-Ordens Brüder dann Berief von Altaich man hieher aus Bayern, Und wies die ganze Gegend ihnen an Zum Unterhalt, und Gottesdienst zu feyern. Von ihren Aexten krachend stürzt der Wald Und lustig sprossen nun die jungen Saaten. Wo noch vor Kurzem keine Regel galt Muß sich das Gute nun u Schöne gatten . . .12 ,,Das Gute nun und Schöne" vermochte ne ben Placidus Hall und Ignaz Reischl vor al lem auch Georg Riezimayr dem Knaben zu vermitteln. Natürlich müßte noch eine Reihe anderer Lehrer genannt werden, die auf Stif ters Persönlichkeit erheblichen Einfluß ausübtenis, aber Georg Riezimayr sollte be sonders wegbereitend werden, führte er doch den kleinen Oberplaner in die Kunst des Zeichnens und Malens ein. Ein eigenes Kapitel müßte hier einsetzen, denn eine zweite künstlerische Begabung wurde an Stifter offenbar: das Malen, das zu einer Lieblingsbeschäftigung des Dichters wer den sollte; ja er spielte sogar mit dem Ge danken, es zu seinem Beruf zu erwählen. Die Anfänge Stifters in der Malerei lassen die beratende Hand Georg Riezimayrs er kennen. Auch die Motive führen uns fast selbstverständlich nach Kremsmünster: Das Stift, Blick auf Kremsmünster und Um gebung, Blick auf die Falkenmauer aus der Gegend von Kremsmünster. Und weiter dringt der Maler und Zeichner vor: nach Pfarrkirchen, nach Lauffen, nach St. Agatha bei Goisern, zum Hallstätter See, ins Gosautal, zum Vorderen Gosausee mit dem Dachstein als Hintergrund, nach Altaussee, um nur einige Stationen aus der oberöster reichischen Landschaft zu erwähnen, die Stifter anregten, zum Pinsel zu greifen, Es ist öfter als man glaubt der Fall, daß schöpferischen Naturen eine Kunst zur Ge staltung ihres inneren Reichtums nicht ge nügt, also bedienen sie sich einer zweiten Ausdrucksmöglichkeit, immer in Ergänzung ihrer ersten Begabung. Hier sei etwa auf Gottfried Keller oder Eduard Mörike verwie sen, auch auf Alfred Kubin. Adalbert Stifters dichterische Schiiderungen einer Land schaft jedenfalls lassen vor uns Bilder ent stehen, wie sie farbiger und einprägsamer kaum hätten auf die Leinwand gezaubert werden können: ,,Wenn man auf die Jah resgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter die zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hörner heißen, schneeweiß, und stehen, wenn sie an hellen Tagen sichtbar sind, blendend in der finstern Bläue der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herum la gern, sind dann weiß; alle Abhänge sind so; selbst die steilrechten Wände, die die Be wohner Mauern heißen, sind mit einem an-

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