Josef Ofner - Die Eisenstadt Steyr

75 In den Jahrzehnten nach der Gegenreformation nahmen im religiösen Leben der Stadt Prozessionsveranstaltungen einen breiten Raum ein. Im Vor- dergrund stand die Fronleichnamsprozession. Noch zu Anfang des 17. Jahr- hunderts herrschte eine geringe Beteiligung an den Prozessionen. Am 13. Juli 1603 erinnerte der Abt zu Garsten den Rat zu Steyr, dass laut Befehl der Lan- deshauptmannschaft die Bürgersleute und Handwerkszechen bei 30 Duka- ten Pönfall verpflichtet seien, die in der Stadtpfarrkirche verwahrten Fahnen und Stangen bei der Fronleichnamsprozession mitzutragen. Im Jahre 1630 wurde der Umgang am Corporis Christi Fest, an dem auch der Kaiser mit seinem Gefolge teilnahm, überaus feierlich gestaltet. Da- mals zog die Prozession durch die Stadt hinüber nach Ennsdorf und über die Neutorbrücke zurück in die Pfarrkirche. Das „Himmeltragen“ besorgten vom Rate bestimmte Bürger. Der Verlauf des Festes wurde vom Magistrat im Einvernehmen mit dem Stadtpfarramt festgelegt. Wenn es die finanzielle Lage der Stadt er- laubte, veranstaltete der Rat am Fronleichnamstag im Anschluss an die kirch- lichen Feierlichkeiten in einem Gasthof oder im Pfarrhof, manchmal auch im Kapuzinerkloster oder im Rathaus ein Festmahl für die Vertreter der kirchli- chen und weltlichen Behörden. Offiziere und Mannschaften der Stadtmiliz, die Spielleute und alle übrigen Personen, die an der Gestaltung der Prozes- sion mitwirkten, wurden gleichfalls bewirtet. Einen bedeutenden Anteil an der Verschönerung der Fronleichnams- prozession hatten auch die Handwerksverbände. Messerer und Schiffleute durften ihre Fahnen vor dem „Himmel“ tragen. Erstere hatten ihren eigenen Altar auf dem Wieserfeldplatz. In der Barockzeit gab es in Steyr noch andere Prozessionen, die heute völlig vergessen sind. Zu diesen zählten die von den Jesuiten veranstalteten Prozessionen am Karfreitag und am Feste des hl. Ignatius. Die „Silberarme Zeit“ Das dritte Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts brachte den völligen Zusam- menbruch der Stadtfinanzen. Durch viele Jahre hindurch musste Steyr das für die Rad- und Hammermeister bestimmte Getreide unter dem Einkaufspreis abgeben. Dazu traten Geldentwertung, große Auslagen für einquartierte

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