OÖ. Heimatblätter 2011 Heft 1/2

52 Gesprächen nach Arbeitsschluss oft und gern zum Thema wurde. Dies verwundert umso weniger, als die wochenlang in völliger Isolation unter ihresgleichen tätige Männergesellschaft entsprechende Entbehrungen zu ertragen hatte. Und begann der Hormonspiegel trotz der täglichen, harten Arbeit außer Kontrolle zu geraten, versuchte man ihn eben mit solchen oder ähnlichen Erzählungen zu besänftigen. Wirkliche Linderung brachte freilich erst das unter dem Stichwort „Wochenteilen“ bekannte Besuchen der Ehefrau, Lebensgefährtin oder Geliebten, wozu die Holzknechte allerdings im Besitz von Fahrrädern oder Mopeds sein mussten.15 Die Zeiten haben sich mittlerweile geändert. Heute kommt der Holzfacharbeiter im Normalfall allabendlich nach Hause, was Schauer- und „andere“ Geschichten überflüssig macht. Gefährlich ist die Holzarbeit aber noch allemal, wovon man sich immer wieder, auch in den Medien, überzeugen kann.16 er sagte: „Ich habe geglaubt, du bist tot, und jetzt frißt du den Kotzen.“ Darauf sagte die Leiche: „Erst friß ich den Kotzen, dann dich.“ Da ging dem Holzknecht das Grausen an und er eilte, so schnell er konnte, gegen Steinkogel. Der Tote folgte ihm auf den Fersen, um ihn zu erwürgen. Der Verfolgte erreichte das Kreuz beimMariengasthaus und umklammerte es. Im selben Augenblick war der Tote verschwunden.10 Soweit diese, bei weitem noch nicht schlimmste, Geschichte. Echt „grausig“ wird es in der Steinbachklausstube (wieder bei Ebensee), wo der Meisterknecht Jöring Simmerl mit seiner „Pass“ die Woche zubrachte. Entfernt an den altenglischen Beowulf gemahnend, verschwanden hier in den Neumondnächten reihenweise die Arbeiter, bis man Wachen aufstellte und so auf die Spur eines Entführers kam, die in eine Höhle wies. Dort fand man ein zu Tode verwundetes, behaartes menschenähnliches Ungetüm sowie menschliche Überreste, die dem sterbenden Wesen zum Verzehr gedient hatten.11 Für beide Sagen konnte weder eine reale noch eine in die Volksmythologie weisende Quelle eruiert werden. Auch wenn die erste Erzählung entfernt typologische Ähnlichkeiten mit einer solchen aus dem Umkreis der sogenannten Faschingsmänner12 und die zweite Parallelen zum „Waldmann“13 erkennen lässt, sind beide Geschichten mit Motiven aus bislang bekannten Sagen nicht in Einklang zu bringen.14 Alle diese Schauergeschichten, deren wahrer Kern in Frage gestellt bleiben muss, dienten zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib der Knechte während ihrer v. a. nächtlichen Waldeinsamkeit. Besonders Furchterregendes und Schauerliches reizte die Burschen ebenso wie das Derbe und Erotische, das in den 10 Vgl. Adalbert Depiny, Oberösterreichisches Sagenbuch. Linz 1932, S. 120. 11 Ebenda, S. 54. 12 Als „Faschingsmänner“ bezeichnet man die personifizierten drei Faschingstage: Faschingssonntag, -montag und -dienstag. Sie helfen oder strafen Menschen, die mit ihnen Umgang haben. Vgl. im Besonderen die bei Anton-Joseph Ilk, Die mythische Erzählwelt des Wassertales (Schriften zur Literatur und Sprache in Oberösterreich, Band 15), Linz 2010, S. 107 f. wiedergegebene Erzählung. 13 Als „Waldmann“ versteht sich eine bösartige, missgestaltete und oft behaarte Schreckensfigur. Vgl. Ilk (Anm. 12), S. 113 f. 14 Vgl. dazu Ilk (Anm. 12), bes. S. 105 ff. und 112 ff. 15 Vgl. auch Druckenthaner (Anm. 3), S. 135. 16 Hierzu etwa Josef Ehrnleithner, Von der Arbeit im Holz, in: Schörflinger Streiflichter. Hg. von Klaus Petermayr und Franz X. Lösch. Schörfling 2009, S. 115–120.

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