OÖ. Heimatblätter 1947, 1. Jahrgang, Heft 4

Lebensbilder Medizinalrat Dr. Emil Reh Zum 75. Geburtstag Von Dr. med. et. phil. Eduard Kriechbaum (Braunau) Für meine Tätigkeit als Heimatpfleger und Volkserzieher auf dem Lande legte ich mir für Oberösterreich schon vor Jahren eine Liste der im Dorfe und in der Kleinstadt tätigen Heimat¬ forscher an. In diesem Verzeichnisse stehen die Lehrer in Volks- und Hauptschulen weitaus an erster Stelle. Abgesehen vielleicht von der Heimatgeschichte möchte ich sie als Träger der Heimatforschung und Volkserziehung auf dem Lande bezeichnen. Nicht gering ist weiterhin die Zahl der katholischen Priester, die vor allem der Pfarr- und Heimatgeschichte eine besondere Aufmerksamkeit schenken. Mancher Pfarrhof Oberösterreichs beherbergt einen Forscher, der in stiller und emsiger Tätigkeit zahlreiche Bausteine einer Dorfkunde mühsam bearbeitete, der ein ausgezeichneter Kenner seiner Pfarrgemeinde ist und zugleich auch volles Verständnis für die Be¬ deutung des Landvolkes und seiner Dörfer im Leben unseres Volkskörpers besitzt. Der dritte auf dem Lande lebende geistige Arbeiter, der gerade für die moderne volkskundliche Betrachtungs¬ weise eine besondere Eignung haben könnte — der Landarzt — ist in meinen Heften und Listen kaum vertreten. Ich habe zwar bei meinen zahlreichen Vortragsfahrten in allen Bezirken Oberösterreichs immer wieder meine ärztlichen Kollegen besucht; ich fand bei ihnen durchaus freundliche Aufnahme; ich konnte aber nur mit größter Mühe den einen oder anderen Mitarbeiter finden. Ich konnte da und dort gleichsam aus tiefer Verschüttung sogar ein gediegenes Wissen um die Grundlagen der Bauernkunde aufdecken, es gelang mir manchmal, einen ärztlichen Kol¬ legen für die Heimatbewegung zu begeistern, aber im ganzen war das Interesse für Kranken¬ kassenfragen, Motorisierung des landärztlichen Betriebes und seltene Fälle der ärztlichen Praxis so vorherrschend, daß von diesen an sich wichtigen Fragen alles andere in den Schatten gestellt wurde. Im allgemeinen scheinen mir bei den Landärzten nur zwei umfangreiche Gebiete des Kulturlebens als tiefes Bedürfnis zu gelten: das Ausüben und Hören guter Musik und die Freude am Sammeln von Kunstwerken. Jede musikalische Betätigung ist ohne Zweifel für einen Arzt, der beinahe stündlich nichts anderes als Not und Sorgen sieht, ein ausgezeichnetes Mittel zur seelischen Entspannung. Beim oft sehr verständnisvollen Sammeln von Kunstwerten sind frei¬ lich vielfach die Arztfrauen die treibende Kraft. Zwar folgt man nicht selten einer weit ver¬ breiteten Mode, hat aber doch wieder eine ehrliche Freude über eine geschmackvolle Aufstellung. Manche Sammlung von Gemälden, Plastiken und Kunstgegenständen ist aber vielleicht einer echten Wohnkultur abträglich und könnte am ehesten mit einem nicht gut aufgestellten Museum verglichen werden. Immer nahm ich auch mit Vorliebe Einblicke in die Bibliotheken der Land¬ ärzte. Jede Bücherei erscheint mir als eine Art seelisches und geistiges Bekenntnis ihres Be¬ sitzers. Zu meiner Befriedigung fand ich Werke der schönen Literatur meist stark vertreten. Aber nach Büchergruppen, die als Handwerkzeug der heimatlichen Landes-, Geschichts- und Volks¬ forschung hätten dienen können, fahndete ich meist vergeblich, im Gegensatz zu den Lehrer- und Pfarrherrn-Bibliotheken. Wenn ich in der Folge von Medizinalrat Dr. Emil Neh berichte, der durch volle dreißig Jahre Gemeindearzt von Neukirchen im Bezirke Braunau war, dann bin ich mir dessen voll bewußt, daß es sich bei ihm um einen seltenen Ausnahmsfall handelt. Ich möchte fast von einer „Vorzeitform“ sprechen, denn unter den Arzten des 19. Jahrhunderts gab es in Oberösterreich ganz namhafte Heimatforscher. Aber der Kampf ums Dasein hat die Landärzte immer stärker aus den Gebieten der Heimatforschung und Heimatpflege verdrängt. Wie selten sind z. B. gute Botaniker geworden. In seinen selbstbiographischen Notizen bezeichnet sich Reh selbst als einen „seltenen Vogel“ und bekennt, daß z. B. sein engster Mitarbeiter auf ärztlich-organisatorischem Gebiete von ihm völlig (toto coelo) verschieden war, daß er sich hütete, mit ihm über „derlei Dinge" zu sprechen, da er nur Ablehnung gefunden hätte. 350

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