OÖ. Heimatblätter 1947, 1. Jahrgang, Heft 4

Oberösterreichische Heimatblätter die Vornehmheit und Verhaltenheit mancher Bewegung, den Zauber mancher Linie besser sehen. Innerhalb der Salzkammergut-Krippen ist diese Flucht die klassische Formulierung 20). Josef als Zimmermann auf der Wanderschaft, die Eselin führend, die die Mutter mit dem Kinde trägt — der alte, schon in den gotischen Tafel¬ bildern unserer Heimat zu wiederholten Malen dargestellte Vorwurf ist hier aus dem Sentiment des Rokokos entwickelt, schon mit klassizistischen, klärend-beruhi¬ genden, ja wieder festigenden Elementen, mit dem Schutzengel, den die Gotik noch in den Zweigen der Bäume schweben ließ; die barocken Jahrhunderte haben die Engel auf die Erde gebannt, wo sie nun auf tausend Altären ihr Lächeln verschenken, im Gold ihrer Flügel und Gewänder erglänzen, erstrahlen in der überirdischen Schönheit ihrer Leiber. Als Zürn in Gmunden eine Werkstatt hatte, schuf er für die Krems¬ münsterer Altäre Engelpaare von jener hohen, holden Bewegtheit. Etwas von ihrem Rauschen zu Gott, aber aus einem stilleren Temperament, ist auch in dem Schwanthaler-Engel der Flucht. Der Altmünsterer Fluchtengel gehört zu dem besten, was wir an krippenfigürlicher Kleinplastik dieser Art in der Heimat, aber auch in weiterem Vergleiche, besitzen. Seine künstlerische Stärke ist zwingend. Die Drehung des Körpers, die liebliche, fast gewichtlose Beschwingtheit, das Sorgende, in dem er seine Aufgabe erfüllt, bis in sein Schreiten spürbar, geben ihm neben Josef, der fast dieselbe Stellung schwer und erdgebunden zeigt, etwas Überirdisches. Josefs Gesicht, Waden und Hände sind sonnverbrannt, ganz im Gegensatz zu Maria, deren Bleichheit wohl aus dem Modegeschmack zu verstehen ist, der bis vor kaum zwei Generationen ungebräunte Haut als vornehm und als Vorrecht der sozial bevorzugten Stände gelten ließ. Bei der Beschreibung der weiteren Wechselgruppen wollen wir uns nur mit den künstlerisch wertvollsten Figuren beschäftigen. In der Beschneidungs¬ und Lichtmeßgruppe bleibt Altmünster weit hinter den entsprechenden Gruppen in Kematen zurück. Eine Frau mit Linnen, die Hohen Priester mit dem Näucherfaß in Gold und einem kräftigen Zinnobergrün, endlich die knieende Maria ragen über den Durchschnitt und erinnern — ohne ganz die Höhe der Kematener Krippe zu erreichen — wiederum sehr stark an dortige Figuren. Die Sorgfalt ihrer Bemalung — etwa die reichen Brokatmuster in den goldenen Mänteln verdienen als Beispiele guter Fassung unsere Beachtung. Hingegen ist der Disput des zwölfjährigen Jesus mit den Schriftgelehrten reich an prächtigen Männerfiguren. Einige mit großen Hüten scheiden sogleich als spätere Ergänzungen aus, auch sonst dürften sie nicht alle in derselben Zeit und von derselben Hand geschnitzt worden sein. Zwölf sitzende Männer zu schnitzen, ist kein sehr dankbarer Vorwurf. Solch eine Komposition 20) Der zum Orgiastischen neigende Ebenseer hat aus ihr den „wilden Wald“ entwickelt, mit Krokodilfang und Löwenkämpfen, mit wilden Begegnungen von Stier und Löwe, Tiger und Schlange. Affen turnen in den Bäumen, Vögel bevölkern in Scharen die Lüfte, Nashörner und Nilpferde, zarte Flamingos und immer wieder aus phantastischen Pflanzen hervorkriechende Schlangen. In Dickicht und Gefels lauert bei jedem Schritt neu Bedrohung und Gefahr. 326

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